Olympic Moments – Miracle on Ice

"Do you believe in miracles?"

Von Stefan Petri
Dienstag, 04.02.2014 | 21:21 Uhr
Tollhaus Fieldhouse: Die amerikanischen Spieler beim großen Triumph über die UdSSR
© getty
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Die Olympischen Winterspiele in Sotschi stehen vor der Tür. Bevor im Februar das Olympische Feuer brennt, widmet sich SPOX wieder den Olympic Moments. Teil neun erzählt vom "Miracle on Ice": Eine Bande College-Kids weist den Eishockey-Giganten aus der UdSSR in die Schranken - und elektrisiert ein ganzes Land.

Wie war das doch gleich mit den typischen Underdog-Stories? Man nehme einen - oder mehrere - Außenseiter, lasse ihn von einem ganz speziellen Lehrmeister ausbilden und schicke ihn dann ins finale Gefecht gegen einen übermächtigen Gegner, den er allen Widrigkeiten zum Trotz besiegt. Und die Frau kriegt er auch. In Hollywood wurde das schon hunderte Male durchgekaut (Rocky, Karate Kid, Hoosiers,...).

Wenn man sich das so anschaut, müssen beim "größten Moment der amerikanischen Sportgeschichte" (Sports Illustrated) wohl Drehbuchschreiber am Werk gewesen sein. Bis auf die Frau am Ende.

"Das besondere an unserem Sieg war die Tatsache, dass es für so viele mehr als ein Hockey-Spiel war." (Jim Craig)

1980 hatte der Kalte Krieg den Globus bereits Jahrzehnte im Griff. Die ständige Spannung ermüdete die Bürger - auf beiden Seiten. In den USA war die Moral am Boden, die Benzinpreise dafür an der Decke. Helden verzweifelt gesucht.

Wenn sich die beiden Lager nicht in Stellvertreterkriegen gegenüberstanden, blieb da fast nur noch der Sport. Und selbst der war bedroht: Als Reaktion auf den Einmarsch der Sowjets in Afghanistan im Dezember 1979 hatte Präsident Jimmy Carter zu einem Boykott der Sommerspiele in Moskau aufgerufen, die Krise zwischen Osten und Westen verschärfte sich. So war bis kurz vor Beginn der Winterspiele im amerikanischen Lake Placid nicht klar, ob der Sowjetblock wirklich teilnehmen würde. Schließlich stand fest: Sie würden kommen. Und damit war die Goldmedaille im Eishockey eigentlich schon vergeben.

"Wir waren praktisch Profis. Das waren Studenten." (Vladislav Tretiak)

Profis, und damit NHL-Spieler, erlaubte das IOC erst 1986. Während die USA deshalb auf - wenn auch sehr talentierte - College-Spieler und Amateure setzte, erlaubte sich die Sowjetunion den Luxus, die besten Athleten bei ZSKA Moskau zu sammeln und sie das ganze Jahr über unter besten Bedingungen trainieren zu lassen - dem Namen nach waren es natürlich ebenfalls Arbeiter bzw. Soldaten.

An Auswahl mangelte es nicht, und so formte die UdSSR über Jahrzehnte hinweg eine auf nationaler Ebene nahezu unschlagbare Dampfwalze: Seit 1964 gingen alle Goldmedaillen an das Team in Rot, seit 1968 war man ungeschlagen. In Lake Placid trat man mit den Superstars und späteren Hall of Famern Valeri Kharlamov, Viacheslav Fetisov oder Kapitän Boris Mikhailov an. Und natürlich mit Vladislav Tretiak, dem 27-jährigen unbestrittenen besten Goalie der Welt.

"Dieses Team hat nicht genug Talent, um allein dadurch zu gewinnen." (Herb Brooks)

Brooks musste versuchen, gegen diese Übermacht irgendwie gegenzuhalten. Der erfolgreiche Coach der University of Minnesota (drei College-Titel) hatte einen Abschluss in Psychologie - und einen Plan. Mit Hilfe von psychologischen Tests wählte er 26 Spieler, darunter einen Großteil aus Minnesota und dem großen Rivalen Boston, die sein Spiel umsetzen sollten. Durchschnittlich 21 Jahre alt, offen, lernwillig, leicht zu coachen und vor allem mental stark.

In den sechs Monaten vor den Spielen brachte er seine Truppe nach Europa, um sie an die größere Eisfläche bei den Spielen zu gewöhnen und das körperbetonte amerikanische Spiel dahingegend anzupassen. Er absolvierte insgesamt 61 Testspiele und scheuchte seine Spieler wie Vieh über das Eis - einmal, um den physisch dominanten Russen auch noch im letzten Drittel Paroli bieten zu können und um sie zu einer Einheit zu schmieden. Vereint nämlich gegen seine Methoden.

"Sie beugen euch gerade nach vorn - und sie werden keine Vaseline benutzen." (Herb Brooks)

Wer glaubte, dass diese kräftezehrende Vorbereitung - die sich übrigens prima für eine Film-Montage a la 80er Jahre geeignet hätte - aus dem US-Team einen Favoriten machen würde, sah sich am 9. Februar getäuscht. In einem Vorbereitungsspiel im Madison Square Garden am 9. Februar, drei Tage vor dem ersten Spiel gegen Schweden, wurden die US-Boys von den Sowjets mit 10:3 abgefrühstückt. Was sich letzten Endes als Segen erweisen würde, denn Coach Viktor Tikhnov gab später zu, dass sein Team die Gastgeber daraufhin unterschätzte.

"Ich wusste, dass wir in Schwierigkeiten waren, als die Russen vorgestellt wurden - meine Spieler haben ihnen applaudiert", sagte Brooks danach einer Zeitung. Er hatte es noch nicht geschafft, seinen Jungs das Selbstvertrauen einzuimpfen, den unbedingten Glauben daran, es als David mit dem Goliath aus dem Osten aufnehmen zu können. Dem Gegner die Aura der Unbesiegbarkeit zu rauben.

"Ihr könnt doch wohl gegen Stan Laurel antreten. Kinderspiel!" (Herb Brooks)

Also begann er, den Heiligenschein der Sowjets Stück für Stück anzukratzen. Machte Witze über Mikhailov, der mit seiner markanten Nase an einen Schauspieler aus "Dick und Doof" erinnerte. Tikhonovs Kopf: Sieht aus wie ein Huhn! Sie sind nicht gut drauf, sie sind schlagbar. Und irgendwann müssen sie verlieren - warum also nicht gegen uns? "Ich machte ihnen den Mund wässrig. Ich wollte, dass sie locker werden, konzentriert bleiben, und dass sie wissen: Irgendjemand wird diese Hundesöhne schlagen", erklärte er später.

Zunächst aber musste sich der Host in der Blauen Gruppe durchsetzen und für die Finalrunde qualifizieren. Ein Last-Minute-Treffer - der eigene Goalie war schon vom Eis - zum 2:2 gegen Schweden und ein überzeugender 7:3-Erfolg über die eigentlich favorisierten Tschechoslowaken brachte am Ende den zweiten Platz, punktgleich mit den Tre Kronor, der zur Teilnahme an der Finalrunde berechtigte. Und der Glaube an die eigene Stärke wuchs. Nun war zumindest die Medaille in greifbarer Nähe. Und die Öffentlichkeit wurde langsam aber sicher aufmerksam auf das, was sich da im Olympic Fieldhouse tat.

"Es gab eigentlich niemanden, der es mit uns hätte aufnehmen können." (Vladislav Tretiak)

Aber nun musste man an den Russen vorbei. Die waren mit fünf Siegen aus fünf Spielen durch die Rote Gruppe gestürmt, dabei die Japaner (16:0) und Niederländer (17:4) gedemütigt. "Der für Eishockey zuständige Minister kam zu uns und sagte: 'Ich gratuliere euch nicht - noch nicht. Aber weit ist es nicht mehr'", erinnerte sich Mikhailov. "Die Tschechoslowaken hatten sich nicht qualifiziert, die Amis sind Studenten, die hauen wir jederzeit weg. Eigentlich, dachten wir, stehen wir schon ganz oben."

Für die Finalrunde qualifizierten sich neben den USA, Schweden und der UdSSR auch die Finnen. Die Punkte gegen den Vorrundengegner nahm man mit, jeweils zwei Spiele gegen die Teams der anderen Gruppe standen noch aus. Die meisten Punkte bedeuteten Gold. Es handelte sich am 22. Februar um 17 Uhr Ortszeit beim Duell zwischen den beiden Supermächten also nicht um ein Halbfinale oder Finale, wie oft fälschlich angenommen wird, sondern "nur" um das erste Spiel der Finalgruppe.

"Im Supermarkt mit meiner Mutter sagte jemand an der Gefriertruhe: 'Habe gehört es steht 2:2 im zweiten Drittel.' Ich wurde beinahe ohnmächtig." (Bill Simmons)

Und - für heutige Verhältnisse undenkbar - es wurde in den USA nicht live übertragen. Der übertragende Sender ABC hatte sich um eine Verlegung der Begegnung in die Prime Time ausgesprochen, was von den Sowjets selbstredend entrüstet abgelehnt wurde. Also wurde das Duell zeitversetzt um 20 Uhr ausgestrahlt, knapp eine Stunde nach der finalen Sirene. Nur ein Bruchteil der Millionen Zuschauer wusste da schon das Endergebnis. Kein Internet, kein Twitter, kein Spoiler.

Das 13.450 Zuschauer fassende Fieldhouse war dermaßen vollgestopft, dass sich selbst für Eric Heiden, frischgebackener Rekord-Olympiasieger, keinen Platz mehr fand. Also quetschte er sich hinter die Kommentatoren von ABC. Play-by-Play-Mann Al Michaels war übrigens nur am Mikrofon, weil er acht Jahre zuvor ein Eishockey-Spiel bei NBC begleitet hatte, also beileibe kein Experte.

"Du wurdest als Spieler geboren. Du warst für diesen Moment bestimmt. Das ist dein Moment." (Herb Brooks)

So lauteten die Worte, die Brooks in der Kabine an seine Spieler richtete. "Damals wusste ich nicht, was er meint, aber er hatte vollkommen Recht", erinnerte sich Kapitän Mike Eruzione. "Er wusste genau, was er sagen musste, und wann er es sagen musste."

Nach wenigen Augenblicken auf dem Eis war klar: Dieses Spiel würde nicht so ablaufen wie der Test in New York. Der Favorit wurde vom Außenseiter in der Anfangsphase kalt erwischt. "Die Amerikaner waren im ersten Drittel so stark, damit hatten wir nicht gerechnet", musste Verteidiger Zitula Bilyaletdinov später zugeben. "Sie waren sehr schnell und mit viel Herzblut dabei."

Aber ganz so einfach ist es dann doch nie. Durch einen abgefälschten Schlagschuss von Aleksei Kasatanov gingen die Sowjets im ersten Drittel in Führung. Alles wie gehabt? Das Publikum in der Halle jedenfalls war erst einmal still - bis eine im Nachhinein unglaubliche Fehlerkette der Russen die US-Boys wieder ins Spiel brachte.

"Ich weiß nicht warum. Es ist mir bis heute ein Rätsel. Fragt den Coach, ich weiß es nicht." (Vladislav Tretiak, 20 Jahre später)

Denn der beste Goalie der Welt, einer der besten der Geschichte, zeigte Nerven. Einen Weitschuss von Buzzy Schneider von halblinks ließ Tretiak ins lange Eck rutschen. Sekunden vor der Drittelpause dann der Supergau: Beim Stand von 2:1 für Russland zog Dave Christian einfach mal ab. Aus der eigenen Hälfte, man kann ja nie wissen. Tretiak lässt den Puck prallen, Mark Johnson schaltet am schnellsten, Rebound, scores! Eine Sekunde noch auf der Uhr.

Als Tikhonov für das bedeutungslose Bully dann Backup Vladimir Myshkin ins Tor stellte, ahnte man noch nichts Böses. Aber nach der Pause kam wieder Myshkin aufs Eis - Tikhonov hatte den "besten Goalie aller Zeiten" (Sports Illustrated, 2000) abgesägt! Ein Schock für beide Teams, und eine Entscheidung, die Tikhonov später als "Wendepunkt" und "größten Fehler meiner Karriere" bezeichnete. Jahre später kommentierte Slava Fetisov, dann in der NHL tätig, die Auswechslung mit den Worten "Coach crazy".

"Große Momente entstehen aus großen Möglichkeiten" (Herb Brooks)

Das zweite Drittell wurde von nun immer grimmiger aufspielenden Sowjets dominiert, die ihre Gegner förmlich an die Wand spielten (12:2 Schüsse, im gesamten Spiel waren es am Ende 39:16). Aber Jim Craig lief mit seiner Michel-Myers-ähnlichen Maske im Kasten heiß, mehr als ein Power-Play-Tor ließ er nicht zu. 3:2, 20 Minuten noch - noch alles drin! "Wir waren schon gegen Schweden und Deutschland im Rückstand, das heißt noch gar nichts", sagte Eruzione.

8:39 Minuten gespielt, ein verirrtes Zuspiel kann Sergei Starikow vor dem eigenen Kasten nicht verarbeiten, Mark Johnson hält die Kelle hin, Ausgleich! Und jetzt explodierte das Fieldhouse, jetzt gab es keinen Favoriten mehr. Die Russen waren nun völlig von der Rolle. Nur 81 Sekunden später landete der Puck bei Eruzione, Center Ice, offen vor Myshkin: "Meine Freunde sagen mir bis heute: Zehn Zentimeter weiter links und du würdest heute Brücken anstreichen." Flachschuss ins linke Eck, Myshkin ist bezwungen. "Das war wie ein Erdbeben", schilderte Michaels. Vielleicht... mit Tretiak im Tor...

"Lies nicht das Buch eines Anderen über Erfolg. Schreib dein eigenes Buch." (Herb Brooks)

Was soll man sagen, über die letzten zehn Minuten dieses Spiels? Die russischen Angriffswellen rollten, Panik setzte ein beim haushohen Favoriten, wie Starikov später eingestand. Shift um Shift verteidigten die US-Boys, Jim Craig wuchs über sich hinaus. "Spielt euer Spiel! Spielt euer Spiel", forderte Brooks, der offensiv verteidigen ließ, um sich nicht einschnüren zu lassen. Immer mit einem Blick auf die Uhr.

Auf den Sitzen hielt es natürlich niemanden mehr im Fieldhouse. 50 Sekunden noch, ein Backhander von Petrov verfehlt das Ziel. "Bis zur letzten Sekunde glaubte ich noch daran, dass wir sie besiegen würden", so Tretiak. "Eine Niederlage, das war einfach unvorstellbar." Die letzten 20 Sekunden waren pures Chaos, Kampf um den Puck. Und dann zählte das Publikum die letzten Sekunden herunter, Silk beförderte die Scheibe aus der Gefahrenzone.

Und dann der Call von Michaels, der ihn unsterblich machte. Dessen Originalaufnahme auch im Hollywood-Film von 2004 verwendet wurde, weil er sich weigerte, sie erneut einzusprechen.

"Do you belive in Miracles? YES!" (Al Michaels)

"Wenn ihr dieses Spiel verliert, nehmt ihr es mit ins Grab... mit in euer verdammtes Grab!" Als Brooks diesen geflügelten Satz vor dem Duell mit Finnland aussprach, war diesmal allen klar, was er meinte - auch Eruzione. Finnland wurde mit 4:2 besiegt, die USA gewann Gold. Aber an dieses Spiel erinnert sich niemand mehr. Das Spiel der Spiele war bereits erfolgreich absolviert, die Blaupause für unzählige Underdog-Stories gezeichnet. Um zu begreifen, wie tief verankert dieses "Wunder" in der amerikanischen Mentalität verankert ist, braucht man eigentlich nur vier Worte: Das Wunder von Bern.

Brooks, der nach der Schlusssirene gegen Russland in die Kabine flüchtete und dort weinte, coachte nach seinem größten Triumph in der NHL und im Ausland und wurde 1990 in die Hall of Fame aufgenommen. Er starb am 11. August 2003 bei einem Autounfall.

Die Spieler, die in der Kabine spontan "God bless America" anstimmten, sind bis heute Volkshelden und müssen in einer Bar wohl nie wieder selbst bezahlen. Einige schafften es in die NHL, feierten dort Erfolge und Titel. Aber unsterblich waren sie schon, seit diesem Abend in Lake Placid, knapp 500 Kilometer nordwestlich von Boston. Do you believe in miracles? Yes.

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