"Müssen zur Tagesordnung übergehen"

SID
Samstag, 13.02.2010 | 22:07 Uhr
Felix Loch holte 2009 Doppel-Gold bei der WM
© Getty
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Nach dem tödlichen Unfall des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili wird wieder gerodelt. Beim Training fuhr Weltmeister Felix Loch Bestzeit.

The Show must go on: Keine 22 Stunden nach dem tödlichen Unfall des Georgiers Nodar Kumaritaschwili stürzten sich die geschockten Rodler wieder die Todesbahn hinunter. Um 9.16 Uhr Ortszeit (18.16 MEZ) eröffnete der Amerikaner Tony Benshoof das Training.

Nachdem die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt und die Strecke verkürzt wurde, fand das vorletzte Training der Männer ohne Zwischenfälle statt. "Wir müssen irgendwie zur Tagesordnung übergehen. Wir müssen uns dem Wettkampf stellen", sagte der deutsche Cheftrainer Norbert Loch.

Gespenstische Stimmung

Die Stimmung im Whistler Sliding Centre wirkte allerdings gespenstisch. Auf die Musikeinspielungen der vergangenen Tage verzichteten die Organisatoren, es herrschte bedrückende Stille.

Die Mehrzahl der Rodler wollte sich nach dem Training nicht zum tragischen Vorfall vom Freitag äußern, als Kumaritaschwili auf der schnellsten Eisbahn der Welt nach der Zieldurchfahrt herausgeschleudert worden und mit Kopf und Rücken gegen einen Stahlträger geprallt war.

Nur wenige der Rodler, die mit einem schwarzen Klebeband auf dem Helm starteten, stellten sich zunächst den Fragen der Journalisten. "Es ist natürlich schwieriger zu starten, wenn jemand sein Leben verloren hat", sagte der Brite A.J. Rosen. Drei Rodler verzichteten auf eine Teilnahme am Training, darunter der zweite georgische Olympia-Starter Lewan Gureschidse.

Aus Konsequenz aus dem Horror-Sturz wird der Männer-Wettbewerb vom Damenstart ausgetragen. Dadurch verkürzt sich die Strecke um rund 200m und umfasst nur noch 14 statt wie geplant 16 Kurven. Durch die Änderung wurde die Geschwindigkeit reduziert. So fuhr Weltmeister Felix Loch (Berchtesgaden) im Training 142,7 Stundenkilometer. Sein Weltrekord liegt auf der Bahn in Whistler bei 153,98.

Bestzeit für Loch

Weltmeister Felix Loch (Berchtesgaden) fuhr im Whistler Sliding Centre auf verkürzter Strecke jeweils die Bestzeit und zählt jetzt zu den Mitfavoriten im Kampf um den Olympiasieg.

Im ersten Training am Samstag lag Loch in 48,753 Sekunden vor seinen Teamkollegen David Möller (Sonneberg/0,092 Sekunden zurück) und Andi Langenhan (Zella-Mehlis/0,219). Im zweiten Durchgang fuhr Loch in 48,680 Sekunden auf Rang eins vor Möller (0,130). Langenhan wurde Vierter (0,235).

"Wir haben am Schlitten kurzfristig etwas verändert. Der veränderte Start kommt uns zudem entgegen. Aber das Rennen ist etwas anderes", sagte Loch.

Schwaab: "Unheimliche Belastung"

"Wir haben versucht, unsere Athleten auf den Wettbewerb einzustimmen. Das wird schwer genug, das ist eine unheimliche Belastung. Aber sie haben sich vier Jahre auf diesen Wettbewerb vorbereitet", sagte der deutsche Sportdirektor Thomas Schwaab.

Ungerechtigkeiten durch die Verkürzung der Strecke befürchtet Norbert Loch unterdessen nicht und meinte, auch vom Damenstart werde der Beste gewinnen.

Auch der deutsche Verbandsboss Andreas Trautvetter begrüßte die Fortführung der Veranstaltung. "Ich hätte nichts davon gehalten, die Wettbewerbe abzusagen", sagte der Präsident des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD).

Nach einer Begehung des Eiskanals und nach Ansicht der Videobänder schlossen die technischen Offiziellen des Weltverbandes FIL "Mängel an der Bahn" als Unfallursache aus. Außerdem erklärten der Weltverband und das Organisationskomitee VANOC in einer gemeinsamen Pressemitteilung, dass dem tödlichen Sturz ein Fahrfehler des Georgiers vorangegangen war.

Vorbeugende Maßnahmen

Auf Grundlage der Untersuchungsergebnisse entschied die Rennleitung in Absprache mit der FIL, die Mauern durch Holzlatten an der Ausfahrt der Unfall-Kurve 16 zu erhöhen und das Eis-Profil zu verändern. Diese "vorbeugende Maßnahme" sei getroffen worden, um zu vermeiden, dass sich "ein solch außergewöhnlicher Unfall" abermals ereignen könne.

Der Architekt der Olympia-Bahn reagierte unterdessen geschockt auf den Horror-Sturz, Vorwürfe macht sich der Leipziger Udo Gurgel aber nicht.

"So ein Ereignis wirft einen natürlich kräftig außer Tritt", sagte Gurgel der "ARD": "Aber von Vorwürfen kann man nicht reden, weil wir die Bahn in Absprache mit den beiden Verbänden sehr sorgfältig gebaut und geprüft haben." Die Sicherheitseinrichtungen vor Ort seien Sache der Verbände.

FIL-Präsident Josef Fendt räumte unterdessen Fehler bei der Einschätzung des Olympia-Eiskanals ein. "Wir haben die Bahn zunächst nicht so schnell erwartet. Das hat sich einfach so ergeben. Dann haben wir aber eigentlich festgestellt, dass sie trotzdem nicht gefährlich ist. Mit Blick auf die Belastbarkeit der Rodler wollen wir aber auch nicht, dass die Bahnen in Zukunft noch schneller werden", sagte Fendt, der bei der Pressekonferenz in Whistler am Tag nach dem Unglück wegen einiger Widersprüche in die Defensive geriet.

Gedenkstätte

In Whistler machten unterdessen betroffene Fans die vor der Medals Plaza aufgestellten olympischen Ringe kurzerhand zu einer Gedenkstätte für den Toten.

Neben einem Foto von Kumaritaschwili wurden Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet. Beim Bummel durch die Stadt verweilten zahlreiche Besucher zum Teil minutenlang vor dem Olympia-Symbol.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und das Organisationskomitee VANOC wollten sich am Samstag in Vancouver noch zum Stand der Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Polizei äußern. Auch die verantwortlichen Gerichtsmediziner der Provinz British Columbia hatten ihre Ermittlungen aufgenommen.

Trauer um Nodar Kumaritischwili

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