Montag, 30.07.2012

Deutsche Turner mit historischer Medaillenchance

Hambüchen: "Fünf Freunde sind wir nicht"

Zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung könnte eine deutsche Mannschaft im Turnen eine olympische Medaille holen. Fabian Hambüchen und Co. sind ein gutes Team, aber nur auf der Matte. Sorgen macht Philipp Boy.

Fabian Hambüchen wird für Philipp Boy im Sprung sicher einspringen müssen
© Getty
Fabian Hambüchen wird für Philipp Boy im Sprung sicher einspringen müssen

"Ich will mit dem Team ne Medaille holen!! Gute Nacht!" Mit diesen Worten beendete Philipp Boy seinen letzten Tweet des Tages. Vorher erklärte er seinen Fans, dass er trotz seiner Fußverletzung aus der Quali am Mannschaftsfinale im Mehrkampf der Turner am Montag teilnimmt. Aber er schrieb auch: "Naja, als ich heute morgen aufgestanden bin, konnte ich nicht mal auftreten."

Klingt das nach einer Kampfansage des deutschen Teams? Nach dem festen Glauben an die erste Team-Medaille seit der Wiedervereinigung? "Wir sind alle hier, um im Mannschaftsfinale um Bronze zu kämpfen", versichert Turn-Aushängeschild Fabian Hambüchen.

Hinter China und Japan ist alles möglich

Er sitzt im Kreis einiger weniger deutscher Journalisten auf der Terrasse eines Cafes im olympischen Dorf. Dort als Presse-Vertreter rein zu kommen, ist ein ziemlicher administrativer Kraftakt, vielleicht war deshalb relativ wenig los.

Vielleicht aber auch, weil selbst von den Sportexperten erstaunlich wenige auf dem Zettel haben, dass am Montag in der North Greenwich Arena tatsächlich Historisches passieren kann.

Hambüchen, Boy und ihre Mannschaftskollegen Marcel Nguyen, Sebastian Krimmer und Andreas Toba haben eine Chance, hinter den scheinbar übermächtigen Chinesen und Japanern aufs Treppchen zu klettern, vorausgesetzt, alles läuft nach Plan.

Hambüchen: "Alles zu riskieren, ist sinnlos"

"Bei Olympia ist vor allem anderen wichtig, dass man durchkommt", erklärt Hambüchen die voraussichtliche Marschroute. "Das Risiko muss man abwägen. Wir haben schon oft gesagt 'No risk, no fun' und sind damit völlig auf die Schnauze geflogen."

Er meint damit, dass es besser ist, nicht in jeder Übung den höchstmöglichen Schwierigkeitsgrad zu wählen, sondern lieber eine etwas weniger schwere Variante fehlerfrei durchzuturnen. "Alles zu riskieren, ist sinnlos", ist Hambüchen überzeugt.

Immerhin gilt es, an sechs Geräten konstant gut auszusehen. Am Reck, am Boden, am Barren, am Sprung, an den Ringen und am Pauschenpferd entscheidet sich, wer die Medaillen holt. An jedem Gerät turnen vier Athleten eines Teams, die drei besten Wertungen fließen in das Gesamtergebnis ein.

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Deutsches Team braucht einen starken Boy

Es müssen also nicht immer Hambüchen und Boy sein, die die Kohlen aus dem Feuer holen. Gerade für Boy sicher eine Erleichterung, denn mit seiner Fußverletzung wird er gerne auf den Sprung und den Boden verzichten.

Trotzdem ist für Hambüchen klar: "Wir brauchen Philipps Leistungen, und zwar an mindestens vier Geräten." Sonst wird es vielleicht doch nichts mit der erhofften Medaille für ein Team, das Ende letzten Jahren alles zu sein schien, nur eben kein Team.

Ärger wegen Hambüchen

Es gab Ärger, weil sich Hambüchen nach seinem Achillessehnenriss angeblich zu selten beim Team sehen ließ und im Training lieber seinen eigenen Weg ging.

Alles Schnee von gestern, betont Hambüchen: "Wir haben darüber geredet und gemerkt, dass vieles davon auf Missverständnissen beruhte. Jetzt ist alles ausgeräumt und wir konzentrieren uns voll auf Olympia."

Teamkollege Nguyen, vor allem an seinem Paradegerät Barren ein dickes Pfund der Deutschen, bestätigt: "Der Teamgeist ist sehr gut geworden. Wir wissen, dass Olympia läuft und wir hier als Team antreten müssen."

"Wir können keine Nebenkriegsschauplätze gebrauchen"

Eine professionelle Einstellung, mehr aber auch nicht. Das wird sehr deutlich, wenn man Hambüchen dabei beobachtet, wie er versucht, das Verhältnis im Team genauer zu beschreiben. Der Blick wandert leer hin und her, er sucht irgendwo nach den passenden Worten, jedoch nicht in den Augen seiner Zuhörer.

Dann sagt er: "Fünf Freunde sind wir nicht, aber wir haben keine Probleme miteinander. Es gibt in der Halle keinen Streit und keinen Neid. Wenn wir unser sportliches Ziel erreichen wollen, können wir keine Nebenkriegsschauplätze gebrauchen. Das ist das Wichtigste. Ob man deshalb auch gleich privat etwas miteinander unternehmen muss, ist eine andere Frage."

Hambüchens Freunde kommen aus Japan

Als Freunde bezeichnet Hambüchen eher seine japanischen Kollegen, bei denen er schon einige Monate im Training zugebracht hat. Kohei Uchimura zum Beispiel, den eigentlich großen Favoriten auf Gold im Mehrkampf, der aber sensationell in der Quali gescheitert ist.

Darauf, dass ihm das im Mannschafts-Finale wieder passiert, dürfen die Deutschen nicht hoffen. Im Gegenteil, er wird eher auf Wiedergutmachung sinnen.

Hambüchen hofft sowieso nicht auf Ausrutscher der Konkurrenz: "Ich habe in diesem Jahr drei Wochen bei den Japanern trainiert, da freue ich mich nicht, wenn sie Fehler machen. Andere sind vielleicht so, ich nicht."

Hambüchens platzt der Kragen

Dafür ist Hambüchen manchmal aufgebracht. Vor einigen Tagen zum Beispiel, als ihm aufgrund der Tatsache, dass sein Vater und Trainer keine Akkreditierung bekommen hat und ihn deshalb nicht während des Wettkampfs betreuen kann, der Kragen geplatzt ist.

Eine Reaktion, die dem DOSB gar nicht gefallen hat. Der Chef des Teams, Michael Vesper, wies Hambüchen öffentlich zurecht. Also doch ein Nebenkriegsschauplatz?

"Ich habe mich mit Herrn Vesper ausgesprochen und klar gemacht, dass ich mit meiner Kritik keineswegs den DOSB angreifen wollte. Aber man darf ja wohl sagen, wenn man emotional durch so etwas angegriffen ist", erklärt Hambüchen und beendet wenig später das Pressegespräch im olympischen Dorf.

Sicher in der Hoffnung, das nächste Mal, wenn er emotional angegriffen ist, eine Medaille um den Hals hängen zu haben.

Der Medaillenspiegel im Überblick

Alexander Mey

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