Eisschnelllauf

Franke: Schwere Geschütze gegen Pechstein

SID
Donnerstag, 07.01.2010 | 12:59 Uhr
Claudia Pechsteins Olympia-Teilnahme erscheint fast ausgeschlossen, doch sie hat noch Hoffnung
© Getty
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Zahlreiche Experten aus dem In- und Ausland haben mittlerweile große Zweifel an der Schuld von Claudia Pechstein, doch Dopingjäger Werner Franke fährt weiter schwere Geschütze auf.

Zahlreiche Experten aus dem In- und Ausland haben mittlerweile große Zweifel an der Schuld von Claudia Pechstein, doch Dopingjäger Werner Franke fährt weiter schwere Geschütze auf. Der streitbare Molekularbiologe aus Heidelberg glaubt, dass sich die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin in alten Doping-Seilschaften der DDR verheddert hat und geht zudem mit den Pechstein-Befürwortern hart ins Gericht.

"Auch mir liegen die detaillierten Werte von Frau Pechstein vor. Sie entkräften nicht die Sicht der Gegenseite. Es wird nicht zweifelsfrei bewiesen, dass nicht gedopt worden ist", sagte Franke. Der 69-Jährige spricht der größer werdenden Schar an Zweiflern kurzerhand den Durchblick im Kampf gegen Doping ab: "Diese sogenannten Experten wissen offenbar nicht, wie ausgefuchst und mit was für widerlichen Tricks im Dopingbereich gearbeitet wird."

Keimzelle Dynamo berlin

Franke ist von einer Verknüpfung Pechsteins mit dem systematischen Doping in der DDR überzeugt, dessen Keimzelle der Stasi-Klub SV Dynamo Berlin war. Die Dynamo-Gruppe, so Franke, beschäftige sich seit 1984 mit dem Thema Blutdoping. "Dynamo ist Hohenschönhausen, und Hohenschönhausen ist Pechstein", sagte Franke.

Im Sportforum Hohenschönhausen trainiert Pechstein seit ihrer Kindheit. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" soll ihr langjähriger Trainer Joachim Franke zu DDR-Zeiten zur Forschungsgruppe "zusätzliche Leistungsreserven" gehört haben. Franke bestreitet dies.

Pechstein gelassen

Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin reagierte gelassen auf die Vorwürfe. "Herr Franke weiß, dass er im Unrecht ist. Leider hat er nicht die Größe, dies einzugestehen. Stattdessen kommt jetzt das Argument, alle ostdeutschen Sportler seien sowieso Doper", sagte Pechstein.

Besser könne die Argumentationsnot Frankes gar nicht deutlich werden: "Als der von ihm erwähnte SV Dynamo Berlin zu Wendezeiten aufgelöst wurde, war ich gerade mal 17 Jahre alt. Das spricht für sich selbst. Die Zeiten von Franke scheinen endgültig vorbei zu sein."

"Mittel und Wege der Manipulation"

Das Hauptargument zahlreicher Experten, dass die Hämoglobin- und Hämatokrit-Konzentration in Pechsteins Blut nicht zu den überhöhten Retikulozyten-Werten passten und deshalb Doping extrem unwahrscheinlich sei, stößt bei Franke auf taube Ohren. Er sei sich "ganz sicher", dass die Dynamo-Gruppe - ob vor der Wende oder im Untergrund danach - auch in diesem Punkt "Mittel und Wege der Manipulation" gefunden habe.

Die Original-Messprotokolle der bei der Mehrkampf-WM in Hamar entnommenen Blutproben, die Pechstein auf ihrer Website für jedermann zugänglich gemacht hat, haben im Gegensatz zu Franke andere Experten umschwenken lassen.

Prof. Gassmann: "Sie ist unschuldig"

"Bis Mitte Dezember war ich fest von ihrer Schuld überzeugt, aber seit ich mir die detaillierten Werte angeschaut habe, ist für mich klar, dass sie unschuldig ist", sagte Professor Winfried Gassmann, Chefarzt der Klinik für Onkologie am St. Marien-Krankenhaus in Siegen.

Der Hämatologe hatte nach seinen Recherchen einen 28-seitigen Kommentar verfasst. Er komme zu dem Schluss, schreibt Gassmann darin, dass "die erhöhten Retikulozytenwerte bei der WM in Hamar mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht Folge von EPO-Doping" gewesen seien.

Ungereimtheiten im Blutprofil

Gassmann zeigte in seiner Expertise zahlreiche vermeintliche Ungereimtheiten in Pechsteins Blutprofil auf, die nach seiner Überzeugung die 37-Jährige entlasten.

Er erhebt zudem schwere Vorwürfe gegen den Internationalen Sportgerichtshof CAS, der Pechsteins Zweijahressperre bestätigte. Der CAS, so Gassmann, habe in seinem Urteil vorsätzlich entlastende Indizien ignoriert und so "seine Glaubwürdigkeit schwer beschädigt".

Einspruch gegen das CAS-Urteil

Auch weitere Experten wie der angesehene australische Dopingjäger Michael Ashenden ("Ich finde für ein Dopingvergehen keine vernünftige Erklärung") glauben an Pechsteins Unschuld. Die Berlinerin wird am 11. Januar fristgerecht Einspruch gegen das CAS-Urteil beim Schweizer Bundesgericht einreichen. Danach hat die Gegenseite einen Monat Zeit zur Erwiderung. Wann das Bundesgericht sein Urteil fällt, ist völlig offen.

Pechsteins Eilantrag zur Aussetzung ihrer Sperre bis zum endgültigen Urteilsspruch - die Frist zur Stellungnahme der Gegenseite endet am 18. Januar - könnte dagegen schnell für Furore sorgen.

Sollte das Schweizer Bundesgericht dem Antrag stattgeben, könnte der Fall Pechstein bei der zweiten Nominierungsrunde des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) für die Winterspiele in Vancouver am 22. Januar plötzlich wieder eine Rolle spielen.

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