Deutsche Skispringer ohne Perspektive

Erst wenig, dann lange nichts

Von Richard Rother
Dienstag, 27.11.2007 | 11:41 Uhr
Schmitt, Uhrmann, Späth, Neumayer, Skispringen
© Getty
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München - Wer kennt nicht dieses Gefühl, wenn der Nachbar mit dem nagelneuen Auto vorfährt und dabei selbstgefällig grinst? Oder wenn Freunde in epischer Breite den Urlaub auf den Malediven rühmen, während man selbst jahrelang Balkonien hinter sich hat? Dieses Gefühl heißt Neid und man sagt, dass Nachbarn gerne neiden.

In der Tat, wenn man im Skisprung unsere österreichischen Nachbarn anschaut, dann könnte man vor Neid erblassen. Letzte Saison sprang Youngster Gregor Schlierenzauer die gesamte Konkurrenz in Grund und Boden. Zuvor waren es Thomas Morgenstern, Andi Kofler, Manuel Fettner und wie sie alle heißen - eine junge Garde nach der Ära Goldberger, die die Szene komplett aufmischt.

Wo aber ist diese zweite Garde im deutschen Team? Seit Jahren springen im Mannschaftsspringen mehr oder weniger immer dieselben mit, nämlich Martin Schmitt, daneben Michael Uhrmann, Georg Späth und Michael Neumayer.

Der Angstschweiß der Fans 

Immerhin setzte Bundestrainer Peter Rohwein während des Sommer-Grandprix dann gleich auf eine ganze Riege an Nachwuchsspringern. Pascal Bodmer (16) und Kevin Horlacher (17) wurden in Hinterzarten 42. und 43. Simon Erik (20) sprang in Pragelato auf Platz 40, in Einsiedeln auf 39. Andreas Wank (19) landete in Oberhof auf Rang 49, Tobias Bogner (17) und Felix Schoft (17) setzten in Klingenthal als 39. und 48. auf.

Das treibt dem gemeinen Skisprung-Fan vor der kommenden Saison selbst im eisigsten Winter den Angstschweiß auf die Stirn. "Wir sind um jeden froh, der auf gutem Niveau hochkommt, weil das das Niveau der ganzen Mannschaft steigert", philosophierte Michi Uhrmann gegenüber SPOX.com.

Ohne uns geht's nicht 

Doch die alternden Stars wissen um die Abhängigkeit des DSV, frei nach dem Motto: Ohne uns geht's nicht: "Wir haben Schmitt, Neumayer, Späth und mich. Wenn einer ausfällt wird es schwer, wenn zwei ausfallen geht's nimmer - und es sind drei ausgefallen", sagte Uhrmann über die vergangene Saison.

Kollege Schmitt: "Ich hoffe, dass zumindest wir vier eine gute Mannschaft darstellen. Man sollte den jungen Springern, die wir haben, Zeit und Geduld geben." Geduld ist ein gutes Stichwort, denn das hatten die deutschen Skisprung-Fans nun jahrelang - seit den letzten Erfolgen von Sven Hannawald in der Saison 2002/2003.

Die Suche nach dem Wunderkind 

In Süddeutschland herrscht zwischen den Schwaben und den Österreichern seit jeher eine gewisse Häme. Es gibt einen Witz unter Nachbarn und der geht so: Als Gott die Deutschen erfand, hat er diejenigen, die nicht gelungen sind, über die Alpen geworfen. Am Stammtisch hört sich das vielleicht gut an, aber anscheinend haben diejenigen, die Gott über die Alpen warf, das Fliegen gelernt.

Spaß beiseite: Selbst unter den deutschen Assen herrscht Ratlosigkeit über das Phänomen Naturtalent. Und als das Riesentalent Gregor Schlierenzauer erst am österreichischen Himmel auftauchte, klappte es bei den Nachbarn plötzlich auch mit den ewigen Talenten wie Wolfgang Loitzl. Selbst alte Hasen wie Andreas Widhölzl erlebten den zweiten Frühling (respektive Winter).

Geduld ist gefragt

Nur im deutschen Team will es mit dem Nachwuchs einfach nicht klappen. "Ich weiß nicht, woran es liegt, aber als ich meine ersten Springen gewonnen habe, war ich 20, Sven Hannawald war schon 23", so Schmitt.

Verlegenheit auch bei Uhrmann, der sich nach seinem Mittelfußbruch gerade wieder in der Aufbauphase befindet, aber beim Saisonstart am Freitag in Kuusamo mit dabei sein wird: "Nieminen war mit 16 Olympiasieger und mit 17 schon wieder weg. Ein Morgenstern zieht das durch. So etwas kann man nicht planen. Man darf auch nicht erwarten, dass wir einen 17-Jährigen präsentieren, der dann plötzlich die Weltklasse aufmischt."

Geduld zu haben ist in einem Land, in dem Jens Weißflog, Dieter Thoma, Sven Hannawald und ein Martin Schmitt früherer Tage im kollektiven Gedächtnis verankert sind, nicht einfach. Die Fans müssen sich bis zum nächsten Überflieger dennoch gedulden und die Zeit mit folgendem Motto überbrücken: Lieber Neid auf die Nachbarn, als Mitleid mit dem eigenen Team.

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