Vor dem Davis-Cup-Duell mit Frankreich

Pilic: Rückkehr des Diplomaten

Von Jonas Schützeneder
Donnerstag, 05.03.2015 | 17:04 Uhr
Erfolgs-Duo: Boris Becker und Niki Pilic holten den Davis Cup für Deutschland
© getty
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Er ist eine Davis-Cup-Legende: Niki Pilic liebt diesen Wettbewerb und hat mit 75 Jahren noch immer Lust auf Tennis. Jetzt soll er als Berater dem deutschen Team zu einem Sieg über Frankreich (Freitag, ab 14 Uhr im LIVE-TICKER) verhelfen. Angesichts der Vorgeschichte ist Pilic einmal mehr als Diplomat gefragt.

Der Mann mit der Sonnenbrille hat geliefert. Februar 2015: Die Führung des DTB verzweifelt. Wo ist der Mann, der einst das deutsche Tennis zu Triumphen führte und es jetzt wieder retten soll? Der Mann mit der Sonnenbrille hat die Antwort. Janko Tipsarevic war Top-10-Spieler auf der ATP-Tour, ist aber seit einem Jahr verletzt. Markenzeichen: Der Serbe trägt regelmäßig Sonnenbrille auf dem Court. Jetzt hat er den entscheidenden Hinweis für den DTB.

Vizepräsident Dirk Hordorff wählt die Nummer, die ihm Tipsarevic gegeben hat. Und tatsächlich: Am Ende der Leitung ist Niki Pilic. Der 75-Jährige war nach der Insolvenz und seinem Rückzug von der Tennis-Academy in München untergetaucht. In seiner Heimat Kroatien erreicht ihn der Hilferuf aus Deutschland. Kurze Zeit später sagt Pilic zu.

Als Berater soll er den neuen Kapitän Michael Kohlmann unterstützen. "Der Preuße vom Balkan" kehrt damit zurück ins DTB-Lager. Für den Verband, der in den Medien - freundlich gesagt - nicht immer gut wegkommt, ein echter Erfolg. Pilic ist eine Davis-Cup-Legende mit über 50 Jahren Erfahrung. Fünf Titel mit drei Nationen gewann der Kroate. Hervorzuheben natürlich die drei Triumphe für Deutschland (1988, 89 und 93).

Tausche Fahrrad gegen Tennis

Wer ist der Mann, der bei den deutschen Siegen die teilweise unversöhnlichen Alpha-Tiere Boris Becker und Michael Stich zu einem Team formte? Begonnen hat die Erfolgsgeschichte mit einem einfachen Fahrrad.

Wie er selbst gerne erzählt, war Pilic als Kind mit seinem neuen Fahrrad unterwegs und traf auf dem nahe gelegenen Tennisplatz einen Freund. Der bot ihm folgenden Tausch an: Eine Stunde Fahrrad fahren für eine Stunde Tennis spielen. Pilic nahm an und verbrachte den Großteil seines Lebens auf dem Platz.

Zwischen Mythen und Fakten aus dem Leben des Trainers zu unterscheiden, ist nicht immer einfach. Anekdoten um Pilic gibt es viele, bestätigt sind nicht alle. Unbestritten ist sein unermüdlicher Einsatz als Diplomat zwischen den verhärteten Fronten von Becker und Stich.

Lügen für den Sieg

Das war vor allem ab 1991 eine heikle Sache. Mit dem Sieg im deutschen Finale von Wimbledon hatte Stich die Vorherrschaft übernommen, zeitweise sprachen die beiden kaum mehr miteinander. Pilic tat sein Bestes. In Beckers Zimmer spornte er den Rotschopf an, die Niederlage als Motivation zu nehmen. Wenige Minuten später saß er mit Stich im Nebenzimmer und schwärmte vom Finalsieg.

"Natürlich musste ich beide anlügen, um sie zusammenzubringen", gab Pilic im Rückblick mehrmals zu. Seine Diplomatie auf höchstem Niveau hatte Erfolg: Becker/Stich holten den Olympiasieg 1992 und mit Stich als Anführer gelang ein Jahr später der dritte Davis-Cup-Sieg. Pilic war unsterblich.

Er sei Sportler, nicht Politiker, argumentierte der Osteuropäer immer als Antwort auf leise Bedenken an seinen Methoden. Man kann sie durchaus als eigenwillig beschreiben. Oft genug stand Pilic stundenlang kerzengerade auf dem Tennisplatz und beobachtete das Training seiner Schützlinge. Ohne dabei auch nur ein Wort zu sagen. Minimalistisch aber klar. "Geh raus, mach Break!" Seine legendäre Ansage für Becker ist noch heute in aller Munde.

Becker stürzt den Meister

Vier Jahre nach dem bis heute letzten Davis-Cup-Sieg stürzte dann ausgerechnet Becker den Teamchef und übernahm selbst das Kommando. Der Neu-Coach scheiterte krachend, Pilic war amüsiert. "Jemand wie er muss ständig in erster Reihe stehen, das konnte als Kapitän überhaupt nicht klappen", sagt er noch heute.

Seine Antwort: Pilic holte 2005 mit Kroatien und 2010 mit Serbien die nächsten Titel. Für Serbien war er dabei offiziell nur als Berater tätig, die Rivalität mit seinem Heimatland war zu groß. Stark gemacht hatte sich vehement Novak Djokovic. Pilic trainierte die heutige Nummer eins der Welt in seiner Münchner Akademie und kündigte den jugendlichen Djoker regelmäßig als künftigen Champion an.

Von solchen Erfolgen ist der DTB meilenweit entfernt. Die Davis-Cup-Bilanz der letzten fünf Jahre: Dreimal Runde eins, zweimal Viertelfinale. Und es geht noch schlimmer: Streit zwischen Spielern (Haas und Kohlschreiber 2012), die kurzfristigen Absagen von Frankfurt im letzten Jahr und die Posse um Ex-Kapitän Carsten Arriens (2014/15) haben dem Ansehen massiv geschadet. Davis Cup als Straßenfeger ist lange her.

Klarer Außenseiter

Niemand erwartet mittlerweile Titel vom deutschen Team. Mit Blick auf die starke Besetzung der Franzosen wäre ein Sieg über den Nachbarn schon eine echte Sensation. Obwohl mit Joe-Wilfried Tsonga und Julien Benneteau zwei Topstars verletzungsbedingt fehlen, ist das Lineup mit Gael Monfils, Gilles Simon, Richard Gasquet und Nicholas Mahut eines Top-Favoriten würdig.

Die Aufstellung im Überblick

Auf der Gegenseite steht der DTB. Mit Philipp Kohlschreiber, Benjamin Becker, Jan-Lennard Struff und Andre Begemann stellt Neu-Kapitän Kohlmann die erwarteten Spieler auf. Selbst wenn Kohlschreiber nach endlosen Streitereien einen Neuanfang ankündigte, gehen die DTB-Spieler als klarer Außenseiter ins Duell.

Unklare Rolle

Und was macht Pilic? Sein Job als Berater lässt natürlich allerhand Raum für Spekulationen. Zieht er selbst die Strippen und stellt auf? Auf Nachfrage gibt man sich bedeckt. "Ich mache im Job keine halben Dinge! Ich übe das Amt von morgens bis abends aus. In den Vorbereitungswochen werde ich genauso bei der Mannschaft sein wie an den Spieltagen. Die ersten Tage sind immer die wichtigsten, um ein Team auf den Gegner einzustellen. Michael Kohlmann wird auf der Bank sitzen und das Team aufstellen. Aber er wird hören wollen, was ich denke", sagte Pilic kürzlich dem tennismagazin.

Hinter den Kulissen wirkt der frühere Weltklasse-Hochspringer Carlo Thränhardt als Fitness- und Mentalcoach. Bei den ersten Einheiten Anfang der Woche zeigte sich das Trainerteam als Einheit. Pilic amüsierte die Fotografen indem er zu Beginn ein Maßband zückte und das Netz eigenhändig in die richtige Position brachte.

Es fehlen die Typen

Unabhängig davon, wie Kohlmann und Pilic das Team letztlich auf- und einstellen: Vom ersten Aufschlag an werden Kohlschreiber und Co. in Frankfurt auch gegen ihr schlechtes Image anspielen.

Manch einer hatte sich ohnehin eine mutigere Aufstellung gewünscht. "Mir fehlen die Typen im Team", hatte Ex-Spieler Nicolas Kiefer schon mehrfach betont. Dustin Brown wäre so ein Kandidat. Der Deutsch-Jamaikaner ist Publikumsliebling, transportiert Einsatz und Emotion. "Ich stünde bei einer Einaldung bereit", hatte er vor einigen Monaten im SPOX-Interview erklärt.

Und dann das: Der DTB verpasste es, Brown rechtezeitig zu melden. Der hatte in der Zwischenzeit seine Turniere extra so gebucht, dass das Davis-Cup-Wochenende frei war. "Der Spiegel" berichtet außerdem, dass Brown auf eigene Kosten zurück in die USA flog. Die nächste Blamage.

Vergangenheitsbewältigung in Frankfurt

Auch Youngster Alex Zverev muss sich gedulden. Tommy Haas kuriert nach wie vor seine Schulsterprobleme aus. Gerade Haas hat trotz aller Verletzungssorgen immer wieder gezeigt, wie viel ihm der Davis Cup bedeutet.

Neu-Kapitän Kohlmann verteidigt seine Auswahl: "Es ist eine ganz besondere Aufgabe, der wir sehr positiv entgegensehen. Wir sind von den Jungs überzeugt und wollen gerade dem Frankfurter Publikum Aufbruchstimmung vermitteln", meint er mit Blick auf die peinlichen Geschehnisse, als sich Kohlschreiber nicht in der Lage sah beim sportlich nicht mehr relevanten Einzel am Sonntag aufzulaufen.

Die Ausgangslage könnte besser sein: Auf dem Papier klar unterlegen, eine schwammige Hierarchie und auch von Euphorie ist wenig zu spüren. Kohlmann hofft auf Vergangenheitsbewältigung: "Vielleicht können wir das zurückgeben, was wir an dem Wochenende vor einem Jahr verspielt haben." Und einmal mehr ist Niki Pilic als Diplomat gefordert.

Der Davis Cup im Überblick

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