Tennis

"Ich bin der Typ, der schreit!"

Von Interview: Florian Regelmann
Andy Murray verlor 2008 in Wimbledon im Viertelfinale gegen Rafael Nadal
© Getty

Andy Murray ist spätestens seit seinem Sieg beim traditionsreichen Vorbereitungsturnier in Queens einer der Topfavoriten auf den Wimbledon-Sieg (alle Spiele auch im LIVESCORE). Der Schotte könnte der erste britische Wimbledon-Champion werden seit Fred Perry 1936. Im SPOX-Interview sagt der 22-Jährige, dass er sich zutraut, Roger Federer zu schlagen - und er erklärt, wie er mit dem ungeheuren Erwartungsdruck umgeht.

SPOX: Andy, sagen wir es doch so, wie es ist. Ganz Großbritannien erwartet den Wimbledon-Sieg von Ihnen – vor allem nach Ihrer starken Woche in Queens.

Andy Murray: Man muss die Kirche im Dorf lassen. Ich weiß, wie hart es ist, in Wimbledon zu gewinnen. Der Favorit heißt nach der Absage von Rafael Nadal ganz klar Roger Federer. Die beiden standen in den letzten drei Jahren im Finale und haben den Titel unter sich ausgemacht. Ich bin in einer Gruppe von Spielern dahinter, die vielleicht eine ganz gute Chance haben.

SPOX: Jetzt mal ehrlich: Wenn Sie so spielen wie in Queens, heißt der Wimbledon-Sieger am Ende Andy Murray.

Murray (lacht): Das wäre toll. Queens ist normalerweise ein guter Anhaltspunkt, um zu sehen, wo jeder vor Wimbledon steht. Aber Roger war nicht in Queens. Das muss man auch sehen. Wenn ich Wimbledon gewinnen will, muss ich ihn wahrscheinlich schlagen und das beste Tennis meines Lebens spielen. Ich bin noch weit weg von einem Sieg.

SPOX: Aber Sie trauen sich den Sieg zu?

Murray: Ja. Ich habe das Selbstvertrauen, um zu sagen, dass ich eine Chance habe, wenn ich mein bestes Tennis spiele. Ich glaube, dass ich Wimbledon gewinnen kann. Ich bin bereit für den Grand-Slam-Sieg und mit dieser Einstellung gehe ich ins Turnier. Ich habe für meine Verhältnisse eine gute Sandplatz-Saison gehabt und kann sagen, dass ich mich vor Wimbledon noch nie so gut in Form gefühlt habe. Ich wäre nicht enttäuscht, wenn ich am Ende nicht den Titel gewinnen würde. Aber mein Ziel ist ganz klar, in zwei Wochen den Pokal in den Händen zu halten.

SPOX: Vor einem Jahr hatte man irgendwie noch den Eindruck, dass Sie sich einen Grand-Slam-Sieg noch nicht zutrauen würden. Seit wann hat sich das geändert?

Murray: Als ich noch jünger war, hatte ich am Anfang noch nicht die Erfahrung, um jede Woche mein bestes Tennis zu spielen. Ich bin mir erst mit der Zeit bewusst geworden, was ich tun muss, wie ich mein Training gestalten muss, um auf mein höchstes Level zu kommen. Den richtigen Glauben habe ich im letzten Jahr bei den US Open bekommen, als ich im Finale stand. Seitdem weiß ich, dass ich Grand Slams gewinnen kann.

SPOX: Es wird ein unglaublicher Zirkus um Sie herum sein in Wimbledon. Wie gehen Sie mit dem Druck um?

Murray: Ganz ehrlich?

SPOX: Klar.

Murray: Ich gehe es wie ein ganz normales Turnier an. An den Druck gewöhnt man sich. Ich bin niemand, der keine Zeitungen mehr aufschlägt oder den Fernseher auslässt, daran glaube ich nicht. Ich genieße es, in Wimbledon zu spielen. Die Atmosphäre ist einfach fantastisch. Es kommt nicht oft vor, dass 15.000 Menschen komplett hinter dir stehen. Das pusht dich von der ersten Sekunde an.

SPOX: Welche Teile Ihres Spiels haben sich im letzten Jahr am meisten verbessert?

Murray: Zum einen ist mein Aufschlag viel besser geworden und zum anderen meine Fitness. Ich habe an beidem hart gearbeitet und das zahlt sich jetzt aus.

SPOX: Sie haben sich ja richtig gequält, um fitter zu werden.

Murray (lacht): Das stimmt. Ich hatte im letzten Winter einen harten Monat in Florida. Ich habe wirklich alles gemacht. Ich war im Kraftraum, ich habe Bikram-Yoga gemacht und ich bin gelaufen, gelaufen und gelaufen. Das hat teilweise sehr wehgetan, aber wenn du dann auf dem Court merkst, wie gut du dich deshalb physisch fühlst, ist es den Schmerz wert.

SPOX: Die Fitness ist ein wichtiger Punkt, aber Sie werden nie ein Rafael Nadal sein. Sie sind ein ganz anderer Typ. Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Murray: Ich sehe mich als Allround-Spieler. Meine taktischen Fähigkeiten sind meiner Meinung nach der wichtigste Teil meines Spiels. Es geht mir darum, eine Strategie zu haben und den Gegner auszuspielen.

SPOX: Man kann es sich kaum vorstellen, aber es hätte gut sein können, dass Sie gar kein Tennisprofi geworden wären, oder?

Murray: Ja, als ich 13 Jahre alt war, hatte ich ein Angebot der Glasgow Rangers. Es war aber einfach so, dass ich ein besserer Tennisspieler als Fußballer war und es sinnvoll gewesen ist, mich auf Tennis zu konzentrieren.

SPOX: Aber Sie sind nach wie vor ein großer Fußball-Fan?

Murray: Oh ja! Ich bin Fan von Hibernian Edinburgh. Außerdem liebe ich Boxen und Basketball. Mein Lieblingsspieler ist Dwyane Wade. Es macht mir Riesenspaß, ihm zuzuschauen.  

SPOX: Sie sind in Ihrer Jugend nach Spanien in die Casal-Academy gegangen. Das war sicherlich ein großer Schritt in Ihrer Entwicklung. Wie schwer war es, das Elternhaus zu verlassen?

Murray: Ich fand es überhaupt nicht schwierig. Es war eine fantastische Zeit, die ich sehr genossen habe. Ich habe dort gelernt, auf eigenen Füßen zu stehen.  

SPOX: Letzte Frage: Wenn ich an Andy Murray denke, denke ich auch an seinen unglaublichen Ehrgeiz, der manchmal dazu führen kann, dass er schön ausrastet.

Murray (lacht): Haha. Soll ich Ihnen was sagen: Ich habe in meiner Karriere noch gar nicht so viele Schläger kaputt gemacht. Ich bin nicht der Typ, der sein Racquet schmeißt. Ich bin mehr der Typ, der schreit. Das muss manchmal einfach sein. Ich will gewinnen - ich hasse es zu verlieren, beim Tennis und sonst überall auch.

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