"Die Tour kommt mir nicht entgegen"

Von Interview: Marcus Giebel
Freitag, 25.06.2010 | 15:10 Uhr
Tony Martin war bei der Tour 2009 Stammgast bei der Trikotvergabe auf dem Podium
© Getty
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Seit der Tour de France 2009 ist Tony Martin der neue Hoffnungsträger des deutschen Radsports. Knapp zwei Wochen führte der Columbia-Profi die Nachwuchswertung an und lag ausgezeichnet im Gesamtklassement. Am Ende reichte es für einen Platz im vorderen Mittelfeld. Auch in diesem Jahr will der 25-Jährige hoch hinaus.

Rechtzeitig zum Saisonhöhepunkt hat Tony Martin seine Form gefunden. Bei der Tour of California im Mai gewann er trotz starker Konkurrenz souverän das Zeitfahren durch die Straßen von Los Angeles.

Im Juni trug er das Führungstrikot bei der Tour de Suisse und war im Kampf gegen die Uhr erneut unschlagbar. Eine Woche vor Tourbeginn sicherte sich Martin zudem den deutschen Meistertitel im Zeitfahren. Die Hoffnung ist groß auf weitere starke Auftritte bei der Tour de France.

Bei SPOX verrät Martin, warum er Zeitfahren so sehr liebt und spricht über eine Annäherung an Armstrong, die Vorteile von RadioShack sowie den Kampf um das Weiße Trikot.

SPOX: Auf Ihrer Homepage ist das ganze Jahr über Tour de France. Die aktuellste News informiert über die Etappe auf den Mont Ventoux im vergangenen Jahr. Wie kommt's?

Martin: Das ist in letzter Zeit etwas eingeschlafen. Ich hatte viel zu tun und habe das Ganze dadurch ein bisschen aus den Augen verloren. Zur Tour werde ich das aber wieder aktualisieren.

SPOX: Auf dem Mont Ventoux haben sie 2009 knapp hinter dem Spanier Juan Manuel Garate den zweiten Platz belegt. War das ihr größter Erfolg - auch wenn Sie sich dafür nichts kaufen können?

Martin: Erfolg in dem Sinn jetzt nicht. Aber es war wichtig, dass ich gesehen habe: Ich kann am Berg mit den Besten mithalten. Insofern war es für meine mentale Stärke sehr wichtig. Auch die Tage im Weißen Trikot waren eine tolle Sache, genauso wie der zweite Platz in der Gesamtwertung der Tour de Suisse.

SPOX: Sie gelten als typischer Allrounder. Im Zeitfahren sind Sie stets unter den Besten, kommen gut über die Berge und werden auf Flachetappen schon mal im Sprinterzug eingesetzt. Wo sehen Sie selbst Ihre Stärken?

Martin: Ganz klar im Zeitfahren. Das ist meine Lieblingsdisziplin, da kann man sich nicht verstecken und muss einfach schnell sein. Zeitfahren ist meine Leidenschaft! Ich versuche natürlich, mich parallel am Berg weiterzuentwickeln. Es geht aber darum, nicht gleichzeitig beim Zeitfahren abzubauen. Ich denke, ich bringe alles mit, um eine große Rundfahrt weit vorne beenden zu können. Aber dazu brauche ich noch etwas Zeit.

SPOX: Kommen wir zur Vorbereitung. Sie hatten schon zu Jahresbeginn das Tourgewicht erreicht, was für ein professionelles Leben abseits des Renngeschehens spricht. Wie können Sie sich auch im Winter motivieren, nicht nachzulassen?

Martin: Ich bin ein sehr ehrgeiziger Sportler und versuche immer das Beste herauszuholen. Für mich beginnt die neue Saison schon im November. Ich lebe den ganzen Tag für den Radsport. Je eher man anfängt, desto weniger muss man im Laufe der Saison nachholen. Ich habe gelernt, mein ganzes Leben darauf auszurichten. Das ist wohl das ganze Geheimnis.

SPOX: Die jüngsten Zeitfahrsiege bestätigen Ihre gute Form. Immerhin haben Sie Zeitfahrspezialisten wie David Zabriskie oder Fabian Cancellara hinter sich gelassen. Wie ordnen Sie das ein?

Martin: Das waren sehr wichtige Siege für die Moral. Ich habe gemerkt, dass seit den Ardennen-Klassikern die Form stimmt. Damals hat sich das in den Ergebnissen noch nicht so widergespiegelt. Dann ist es sehr schön, wenn endlich Siege gelingen.

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SPOX: Wie sehen Sie angesichts der schweren Anstiege Ihre Chancen bei der Tour? Es gibt ja nur ein langes Einzelzeitfahren.

Martin: Die Tour kommt mir nicht entgegen, das ist ganz klar. Ich werde aber mein Bestes geben und gehe so rein wie im vergangenen Jahr: Die Position behaupten und so lange wie möglich die Chancen in der Gesamtwertung wahren. Sollte das nicht klappen, wäre der logische Schritt, wieder auf Etappensiege zu gehen. Aber ich werde sicher auch eine Helferrolle für Michael Rogers übernehmen.

SPOX: Welcher Etappensieg wäre denn in diesem Jahr der Wertvollste?

Martin: Der Höhepunkt ist sicher das 17. Teilstück, das auf dem Tourmalet endet. Das wäre sicher eine schöne Sache. Aber da muss man immer schauen, wie ich dann im Rennen liege und wie meine Form nach zweieinhalb Wochen Tour ist. Da würde ich dann situationsbedingt entscheiden.

SPOX: Im vergangenen Jahr waren Sie nach zwei Wochen ausgezeichnet platziert, haben dann in den letzten Tagen abgebaut und viel Zeit verloren. Gibt es ein Mittel, um eine Wiederholung zu vermeiden?

Martin: Abgebaut würde ich nicht sagen. Ich hatte sicher meine zwei oder drei schwachen Tage. Es gehört aber auch dazu, dass man bei der ersten Tour de France nicht sofort alles richtig macht. Natürlich hoffe ich, dass ich mich weiterentwickelt habe. Es ist jetzt meine dritte dreiwöchige Rundfahrt. Vielleicht muss ich das eine oder andere an den Ruhetagen verändern. Und dann hoffe ich, dass ich diesmal keinen schwachen Tag habe.

SPOX: Was müsste passieren, damit Sie die Tour als Erfolg verbuchen?

Martin: Ich wäre zufrieden, wenn ich eine gute Tour fahre, meine Leistung bringe und am Ende Michael Rogers mit meiner Unterstützung auf dem Podium steht. Ich kann jetzt nicht sagen, dass ich dies oder das erreichen will, sondern dass das Gesamtpaket stimmen muss.

Martin über seine Rolle bei der Tour und den richtigen Weg im Antidopingkampf

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