"Er ist in meinem Blut ausgerutscht"

Freitag, 27.05.2016 | 09:00 Uhr
Alex Zanardi kämpfte sich zurück, nachdem er beide Beine verlor, und gewann Paralympics-Gold
© getty
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Alessandro Zanardi scheiterte in der Formel 1, wurde zum Champcar-Helden, kam bei Williams nicht zurecht und verlor nach seiner Rückkehr zu den Indycars beide Beine. Im Interview vergleicht der BMW-Markenbotschafter Ralf mit Michael Schumacher, erklärt seinen Lebensweg, die unbedingte Motivation und seinen unbezwingbaren Willen, der ihn ins Cockpit zurückkehren, wieder siegen und schließlich bei den Paralympics zum Goldmedaillen-Gewinner werden ließ.

SPOX: Herr Zanardi, Ihr Leben hat für viele Menschen Vorbildcharakter. Die Geschichte wäre einen Hollywood-Film wert - oder gleich einen Mehrteiler. Lassen Sie uns das Drehbuch durchgehen: Nach unbefriedigenden Engagements in der Formel 1 bei Minardi und Lotus wechselten Sie im Jahr 1996 in die Staaten. Chip Ganassi, das Topteam der Champcar Serie, gab Ihnen ein Auto. Sie schlugen sich gut, gewannen zwei Rennen. Dann ging es zum letzten Saisonrennen in Laguna Seca und Sie versetzten die gesamte Motorsportwelt in Staunen.

Zanardi: Darauf bin ich unendlich stolz! Wenn man bei Youtube "The Pass" eingibt, wird mein Überholmanöver gezeigt. Ich hätte mir nie erträumen können, dass mir sowas passieren könnte. Ich muss zugeben, dass ich ziemliches Glück hatte. Mein Plan war ein ganz anderer. Ich wollte das Rennen vom Start weg gewinnen. Ich habe nicht eine Sekunde daran gedacht, als Zweiter ins Ziel zu kommen. Ich wusste, dass ich den Speed für den Sieg hatte. Ich stand auf der Pole Position, bin in den ersten Runden weggefahren. Dann hatte ich ein Problem: Blasenbildung auf den Reifen. Deshalb hat mich Bryan ein- und überholt.

SPOX: Sie fuhren anschließend mehr als 20 Runden hinter Bryan Herta her und kamen nicht vorbei.

Zanardi: Nach dem Reifenwechsel ist das Auto wiederauferstanden, ich war schneller als er. Aber ich war nicht schnell genug, um ein Überholmanöver zu kreieren. Ich hatte in den letzten Runden einen einzigen Gedanken: Sobald wir die weiße Flagge sehen und in der letzten Runde sind, wird er sich denken, er hätte es geschafft. Er hatte immerhin fast die gesamte Distanz in Führung gelegen. Ich wusste: Dann muss ich zuschlagen.

SPOX: Wieso waren Sie sicher, dass das Erreichen der letzten Runde etwas ändert?

Zanardi: Man denkt daran, wie das Team einen feiern wird, dass man endlich den Ruhm erhält, den man so lange verfolgt hat. Es war das letzte Saisonrennen, der perfekte Zeitpunkt für seinen allerersten Sieg. Wenn man anfängt so zu denken, wird man unvermeidlich etwas langsamer. Man will das Resultat sichern, bremst früher, lenkt vorsichtiger ein. Man will in der letzten Runde einfach keinen Fehler machen, durch den der Hintermann überholen kann.

SPOX: Also hat seine Vorsicht Ihnen den Sieg ermöglicht.

Zanardi: Dadurch hat er mir die Tür geöffnet. Ich habe in der Linkskurve vor dem Corkscrew voll draufgehalten und gehofft, dass er das Gaspedal etwas zu stark lupft. So kam ich ein bisschen näher an ihn heran, als ich es in den ganzen Runden davor hinbekommen habe. Ich wollte noch näher dran sein, habe mir aber gedacht, dass es reichen müsste. Als wir beim Corkscrew ankamen, setzte ich darauf, dass er wie in den vorherigen Kurven ein bisschen früher bremst. Ich wollte mein Auto innen reinrollen lassen, um ihn zu überholen.

SPOX: Genauso ist es gekommen.

Zanardi: Nur habe ich ein Problem gehabt: Ich konnte mein Auto nicht richtig auf dem Asphalt halten. Es fuhr einfach weiter geradeaus und ich rief: "Oh shit!" (lacht) Ich habe es geradeso geschafft, den Reifenstapel um ein paar Zentimeter zu verpassen. Das war glücklich. Ich muss gestehen: Dieses Manöver hat meine gesamte Karriere verändert. Den ganzen Winter über befassten sich alle Zeitschriften und Fernsehsendungen mit mir und meinem Überholmanöver. Ich war für die nächste Saison plötzlich der große Favorit auf den Titel. Von da an war für mich alles ganz einfach.

Seite 1: Zanardi über "The Pass" - das Manöver, das Alles veränderte

Seite 2: Zanardi über Fehler bei Williams, Ralf Schumacher und "Motherfucker" Montoya

Seite 3: Zanardi über seinen Unfall und das Gänsehaut-Wiedersehen mit seinem Retter

Seite 4: Zanardi über den Heldenstatus, echte Vorbilder, Ironman-Qualen und Rio 2016

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