Donnerstag, 26.05.2016

Russland am Scheideweg

Doping-Vorwürfe: "Freude und Wut"

Die Konkurrenz schäumt vor Wut, die Liste der Vorwürfe wird immer länger, doch Russland kämpft trotz der nicht enden wollenden Doping-Anschuldigungen noch verbissener um den Olympiastart in Rio. Allen voran Sportminister Witali Mutko. Er sehe schlicht "keine Gründe" für einen kollektiven Olympia-Ausschluss seiner Leichtathleten, sagte Mutko unverdrossen. Obwohl immer neue Namen von Doping-Verdächtigen auftauchen.

Es sieht düster aus für Russland und den Start bei Olympia
© getty
Es sieht düster aus für Russland und den Start bei Olympia

Auf der Liste diesmal: Hochsprung-Olympiasiegerin Anna Tschitscherowa, 4x100m-Olympiasiegerin Julia Tschermoschanskaja oder auch die spätere Speerwurf-Weltmeisterin Marija Abakumowa, die in Peking Silber vor Christina Obergföll gewann. Sie alle fielen bei Nachtests der Olympischen Spiele von 2008 in Peking auf, mehr denn je droht sämtlichen russischen Leichtathleten das Rio-Aus.

"Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Die Dinge, die nun bekannt werden, sind einfach enttäuschend. Es ist für viele Sportler zu spät. Niemand gibt dir diesen Moment zurück, die Hymne zu hören", sagte Obergföll, die nun nachträglich auf Platz zwei von Peking vorrücken könnte, dem Radiosender OHR. Mutko betonte dagegen immer wieder: "Die Strafen für Doping sollten individuell erfolgen." Alle geforderten Kriterien seien schließlich "bereitwillig erfüllt" worden.

Entscheidung fällt zeitnah

Die Entscheidung fällt voraussichtlich am 17. Juni, wenn der Leichtathletik-Weltverband IAAF über den Start der russischen Athleten entscheidet. Gut möglich, dass zudem in Kürze Medaillen neu verteilt werden. Dann könnten auch deutsche Athleten zu ihrem Recht kommen. Neben Obergföll betrifft dies vor allem Hochspringerin Ariane Friedrich, der Silber von der Heim-WM in Berlin winkt. Das hatte 2009 Tschitscherowa gewonnen, die am Mittwoch die neuen Vorwürfe vehement abstritt.

Für Friedrich wäre das allerdings nur ein schwacher Trost. "Wenn sich die Vorwürfe als wahr herausstellen sollten, sage ich: Traurig wäre für uns vor allem der ideelle Verlust. Die Freude beim Gewinn einer Silbermedaille bei einer Heim-WM ist nicht mehr zurückzugeben, das ist verloren", sagte Friedrichs Trainer Günter Eisinger dem SID.

"Riesige Löcher gerissen"

Auch der finanzielle Schaden sei kaum zu ersetzen, so Eisinger weiter: "Im materiellen Bereich sind riesige Löcher gerissen worden, da fragt man sich schon, ob jemand bereit ist, die Verluste auszugleichen." Einem möglichen Ausschluss aller russischer Leichtathleten für Rio blickt Eisinger dennoch mit gemischten Gefühlen entgegen, da auch unschuldige Athleten getroffen würden.

Ähnlich gespalten reagierten Athleten in Großbritannien, wohin ebenfalls mehrere Medaillen gehen könnten. "Ich fühle eine seltsame Mischung aus Freude und Wut", sagte Andrew Steele, der in Peking mit der 4x400-m-Staffel hinter den drittplatzierten Russen undankbarer Vierter geworden war.

"Olympia-Medaille verändert Leben"

Vor dem Rennen habe er Russland nicht auf Augenhöhe gesehen, sagte Steele und gab zu: "Nachher hatten wir schon einen Verdacht. Ich muss immer daran denken, wie sehr eine Olympia-Medaille unser Leben verändert hätte."

Der russische Leichtathletik-Verband RUSAF kündigte immerhin an, jedem Sportler mit Dopingvergangenheit die Teilnahme an Olympia zu verwehren. Aussichten auf Erfolg hätte solch ein vom Verband angeordneter Ausschluss allerdings wohl kaum. Vor den Sommerspielen 2012 in London hatte das britische Olympische Komitee Sprinter Dwain Chambers von der Teilnahme ausschließen wollen, dieser klagte aber mit Erfolg vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS. Mehr als fraglich aber, ob sich ein russischer Sportler trauen würde, gegen den eigenen Verband zu klagen.


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