Olympiaheld Jesse Owens im Porträt

Goldjunge im schwarz-weißen Käfig

Von Tim Noller
Donnerstag, 12.09.2013 | 10:04 Uhr
Jesse Owens gewann bei den Olympischen Spielen 1936 vier Goldmedaillen
© getty
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Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin waren vom NS-Regime als Demonstration der Überlegenheit der arischen Rasse geplant. Jesse Owens machte dieses Vorhaben mit seinen Erfolgen zunichte und rannte sich in die Herzen der deutschen Zuschauer. Ein Blick zurück auf das bewegte Leben einer Legende, die am 12. September 2013 100 Jahre alt geworden wäre.

Nervös blickt Jesse Owens auf das Absprungbrett. In der Qualifikation für das Weitsprung-Finale im gut gefüllten Berliner Olympiastadion verbleibt ihm nur noch eine Chance. Nach zwei ungültigen Versuchen hängt alles von diesem letzten, dem dritten Versuch ab. Von der Seite nähert sich plötzlich ein großer blonder Sportler. Owens ist verwirrt, kann die Gesten des Mannes nicht richtig deuten.

Es ist Luz Long, Deutschlands bester Weitspringer. Er rät seinem härtesten Konkurrenten aus den USA, seine Anlaufmarke etwas nach hinten zu verschieben. Verdutzt folgt der US-Athlet dem Tipp seines Gegners, versetzt seine Marke und konzentriert sich auf seinen entscheidenden Versuch.

Diese kurze Begegnung führt nicht nur dazu, dass Jesse Owens die Qualifikation meistert und später mit vier Goldmedaillen zum Star der Olympischen Spiele wird. Vielmehr ist sie der Anfang einer außergewöhnlichen Freundschaft, die sich über ideologische Schranken hinwegsetzt und in die Geschichte des Sports eingehen wird.

James Cleveland Owens begegnete nicht immer in seinem Leben Menschen wie Luz Long. Geboren in Oakville im Südstaat Alabama erfuhr er früh, was es hieß, der Sohn afro-amerikanischer Farmpächter zu sein. Nach einem Umzug nach Ohio, wo sich seine Eltern eine bessere Zukunft für die zwölfköpfige Familie erhofften, besuchte der talentierte Sprinter die Schule. Um über die Runden zu kommen, arbeitete er zusätzlich als Lebensmittellieferant und in einem Schuhgeschäft.

"Buckeye Bullet" an der Uni

Bei den nationalen Highschool-Meisterschaften in Chicago 1933 sorgte der 20-Jährige zum ersten Mal für sportliches Aufsehen. Er egalisierte mit 9,4 Sekunden den Weltrekord über die 100-Yard-Strecke.

Der schnelle Mann aus Oakville verschaffte sich nach kurzer Zeit einen landesweiten Ruf. An der Ohio State University nannte man ihn "Buckeye Bullet" ("Rosskastanien-Geschoss"), um seine enorme Geschwindigkeit zu würdigen.

Doch Owens Studentenjahre waren nicht nur von sportlichen Rekorden geprägt, sondern auch von widrigsten Rahmenbedingungen. Die Rassentrennung in den USA untersagte es schwarzen Studenten auf dem Campus zu wohnen. Zudem erhielt er kein vollwertiges Stipendium, sodass er weiterhin arbeiten musste und ihm so die Zeit für sein Training fehlte.

Fünf Weltrekorde in 45 Minuten

Allen Umständen zum Trotz gelang ihm 1935 bei einem Sportfest in Michigan Unvorstellbares: Trotz einer Rückenverletzung stellte Owens innerhalb von 45 Minuten fünf Weltrekorde auf. "Besonders bemerkenswert ist sein Weitsprungrekord. Mit 8,13m hätte er selbst bei den Olympischen Spielen 2012 in London noch die Bronzemedaille gewonnen", bewundert Jörg Krieger, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Sportgeschichte in Köln, die großartige Leistung.

Auch Owens' Trainer Larry Snyder schwärmte: "Jesse schien über die Piste zu schweben. Er streichelte sie geradezu. Von den Hüften an aufwärts bewegte er den Körper praktisch nicht." Die US-amerikanische Presse ignorierte diese historische Leistung, da die Gesellschaft keinen Bedarf an einem schwarzen Superstar sah.

Doch nicht nur in den USA war Rassendiskriminierung an der Tagesordnung. In Deutschland kamen die Nationalsozialisten um Adolf Hitler an die Macht. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) interessierte sich allerdings nur wenig für die beunruhigende Entwicklung und übertrug Berlin die Ausrichtung für die Olympischen Spiele 1936. Von den Meldungen über die deutsche Diskriminierung dunkelhäutiger und jüdischer Athleten empört wurden die Boykottforderungen in den USA im Vorfeld der Spiele immer lauter.

Auch Owens wurde erst durch einen Bericht des späteren IOC-Präsidenten Avery Brundage besänftigt. Dieser wurde nach Berlin geschickt, um die Vorkommnisse in Deutschland vor Ort zu begutachten. Jedoch formulierte Brundage den Bericht bereits vor seiner Reise, um die Teilnahme der US-Athleten nicht zu gefährden.

Owens überstrahlt NS-Propaganda

Die Olympischen Spiele 1936 fanden also mit den US-Athleten statt. Owens nahm an den Spielen jedoch nicht nur teil, er überstrahlte sie. Hitler hingegen plante eine große Propaganda-Inszenierung, die der Welt die Überlegenheit der arischen Rasse demonstrieren sollte.

Dieses Vorhaben rannte Owens in Grund und Boden. Mit seinen vier Goldmedaillen über 100m, 200m, 4x100m und im Weitsprung wurde er zum erfolgreichsten Athleten der Spiele und stellte damit die Ideologie der Nationalsozialisten bloß.

Dennoch schwang er sich durch seine herausragenden Leistungen zum Publikumsliebling der Deutschen auf und freundete sich sogar mit Luz Long an. Sie unterstützten sich während des Wettkampfes gegenseitig und trafen sich auch nach ihrem Wettbewerb häufig im Olympischen Dorf.

Enttäuschung über Roosevelt

Owens äußerte sich später über diese tiefe Freundschaft: "Es brauchte sehr viel Mut, um sich vor den Augen Hitlers mit mir anzufreunden. Man könnte alle Medaillen und Pokale, die ich habe, einschmelzen, aber sie könnten die 24-Karat-Freundschaft, die ich in diesem Moment für Luz Long empfand, kein bisschen goldener machen. Hitler muss wohl wahnsinnig geworden sein, als er uns umarmen sah."

In vielen Berichten war zu lesen, dass ihm Hitler nach seinem Triumph den Handschlag verweigert hätte. Allerdings zeigte sich Owens vielmehr von seinem eigenen Präsidenten enttäuscht: "Hitler hat mich nicht brüskiert, sondern Franklin D. Roosevelt. Der Präsident hat mir nicht einmal ein Telegramm geschickt."

Versprechen an Luz Long

Diese Aussage verdeutlicht, mit welchen Problemen sich der Sportheld bei seiner Rückkehr in die USA konfrontiert sah. Auf Anerkennung musste er vergeblich warten. Ebenso auf lukrative Werbeangebote. So sah sich der vierfache Goldmedaillen-Gewinner gezwungen, sich mit unwürdigen Schauwettkämpfen gegen Rennpferde oder Motorräder über Wasser zu halten. Erst mit der Ernennung zum Botschafter des Sports durch US-Präsident Eisenhower erhielt er Werbeverträge, die ihn finanziell unabhängig machten.

So war es ihm möglich, 1964 an den Ort seines größten Erfolgs zurückzukehren. In Berlin begleitete Owens nicht nur die Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm über seine Karriere ("Jesse Owens returns to Berlin"), sondern löste auch ein altes Versprechen gegenüber seinem geschätzten Freund ein.

Luz Long schickte ihm Anfang der 40er Jahre von der nordafrikanischen Kriegsfront einen Brief, in dem er schrieb: "Lieber Freund Jesse, wenn es der letzte Brief ist, den ich schreiben werde, bitte ich Dich um eines: Geh nach Deutschland, wenn der Krieg vorbei ist, suche meinen Sohn Kai und erzähle ihm von seinem Vater. Erzähle ihm aus den Zeiten, als uns der Krieg nicht getrennt hat und sage ihm, dass die Dinge auch anders sein können zwischen den Menschen dieser Erde."

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