Basketball: Ulms Weg an die Spitze

Aus den Trümmern zum Rekord

Montag, 20.03.2017 | 09:36 Uhr
ratiopharm Ulm ist Tabellenführer in der BBL
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Mit dem Sieg gegen Alba Berlin hat ratiopharm Ulm einen neuen BBL-Rekord aufgestellt. Die Geschichte von Ulms unglaublichem Weg an die Spitze handelt von einem ungleichen Führungs-Duo, von Zahlungen auf Vorkasse, einer zu entrümpelnden Halle und einem gebrauchten Porsche.

26 Siege in Serie, den 47 Jahre alten Rekord von Leverkusen überboten, in dieser BBL-Saison ungeschlagen, Tabellenführer: Ulm, das letztmals am 12. Juni 2016 in den Finals in Bamberg ein Spiel in der Liga verloren hat, surft auf einer Welle des Erfolgs.

Während Akteure und Funktionäre gelassen mit dem Höhenflug umgehen, herrscht beim Anhang Euphorie. Dazu muss man wissen: Basketball spielt in Ulm eine Hauptrolle. Die Ratiopharm-Korbjäger sind neben dem höchsten Kirchturm der Welt, dem Münster, so etwas wie der Stolz der Stadt.

"Ich kann jeden Fan verstehen, der auf die Tabelle schaut und deswegen mit dem Träumen anfängt", sagte Trainer Thorsten Leibenath: "Aber wir werden nicht fürs Träumen bezahlt. Momentan haben wir noch nichts erreicht, außer das Viertelfinale."

Dass die Macher so nüchtern bleiben, hat mehrere Gründe. Es ist nicht so, als hätte man vergessen, wie sich Pleiten anfühlen. In der Eurocup-Zwischenrunde hagelte es in sechs Partien sechs Niederlagen. Zudem wurde im Januar das Pokal-Viertelfinale in Ludwigsburg verloren.

Eine sportliche Trümmerlandschaft

Der womöglich wichtigste Punkt ist allerdings die Vergangenheit. Jeder der Verantwortlichen ist sich bewusst, wo der Verein herkommt und welch langer Weg nötig war, um da zu stehen, wo der Klub nun steht.

Um die Jahrtausendwende glich Ulm nämlich einer sportlichen Trümmerlandschaft. Die finanziellen Probleme des SSV Ulm 1846, unter dessen Dach die Basketball- und die Fußball-Abteilungen zu Hause waren, wirkten sich verheerend aus.

Die SSV-Kicker - zuvor aus der Regionalliga bis in die Bundesliga durchmarschiert - legten aufgrund eines dilettantischen Missmanagements einen sagenhaften Absturz hin und fanden sich nur zwei Jahre später in der Verbandsliga wieder.

Die Korbjäger, die bereits in den 80er Jahren in der Bundesliga mitmischten und 1996 unter Coach Brad Dean und mit Ulms Basketball-Legende Jarvis Walker mit dem Pokalsieg den bis heute größten Erfolg der Ulmer Basketball-Geschichte errangen, gerieten ebenfalls in größte Schwierigkeiten. Es folgte der Abstieg in die 2. Liga, was aufgrund der leeren Kassen praktisch das Aus des professionellen Basketballsports bedeutete.

Erstmal die Halle entrümpeln

Am 17. August 2001 kam die Rettung in Form eines Quartetts, das mit teilweise großem persönlichem Risiko die BBU'01 GmbH gründete, unter deren Dach der jetzige Tabellenführer ratiopharm Ulm zu Hause ist. Dr. Thomas Stoll und Andreas Oettel sind bis heute geschäftsführende Gesellschafter, Ralf Buck und Werner Sailer schieden nach kurzer Zeit wieder aus.

Das Duo Stoll, Arzt, hochemotional, wenig diplomatisch und für das Sportliche zuständig, und Oettel, Unternehmer, bedingungsloser Rationalist und für die Finanzen verantwortlich, erwies sich dabei als Glücksfall. Für die beiden Männer, die sich zur Gründungszeit gerade einmal 14 Tage kannten, ist der Klub längst zum Lebenswerk geworden.

Die Mission Wiederaufbau in der 2. Liga begann allerdings zäh. Gemeinsam mit einigen Fans mussten die Funktionäre in einem der ersten Schritte die alte Kuhberghalle entrümpeln, damit dort wieder Basketball gespielt werden konnte.

"Als wir anfingen, haben die Frauen im VIP-Raum Brötchen geschmiert", erinnert sich Stoll. Und Oettel weiß noch: "Als wir im Hotel Zimmer für die Schiedsrichter buchen wollten, wurden wir um Vorkasse gebeten."

Umzug in die Zukunft

Nach einigen Jahren des Wieder-auf-die-Beine-Kommens gelang 2006 unter Trainer Mike Taylor die Rückkehr in die BBL. Es kristallisierte sich allerdings immer mehr heraus, dass Profi-Basketball in der Stadt an der Donau nur mit einer modernen Arena eine Zukunft hat.

Die Städte Ulm und Neu-Ulm bauten die Multifunktionsarena in Neu-Ulm tatsächlich. Ende 2011, wenige Monate nach dem Amtsantritt von Leibenath, zogen die Ulmer nach einem Vierteljahrhundert auf dem Kuhberg in die Ratiopharm-Arena um.

Statt der bis dato 3.000 Zuschauer finden seither 6.200 Fans einen Platz. In fünfeinhalb Jahren war jedes Heimspiel in der BBL ausverkauft, lediglich im Europapokal gibt es immer wieder Lücken auf den Tribünen.

Mit einem Schlag hatte Ulm ganz andere Möglichkeiten. 2013 und 2014 gelang der Sprung ins Pokalfinale, 2012 und 2016 wurden jeweils die Playoff-Finals erreicht.

"Einige forderten den Rausschmiss Leibenaths"

Die Ulmer Erfolge nur mit der neuen Arena zu erklären, wäre allerdings falsch. Genauso wichtig sind die handelnden Personen, die sich kaum aus der Ruhe bringen lassen. Dass es seit der Gründung 2001 mit Rainer Bauer, Taylor und Leibenath nur drei verschiedene Trainer gab, spricht Bände.

Genau diese Ruhe legten Stoll und Oettel auch in der vergangenen Saison an den Tag. Der Saisonstart ging fürchterlich in die Hose, nach einer 69:91-Klatsche bei den Gießen 46ers im November 2015 belegte Ulm mit zwei Siegen und sieben Niederlagen Platz 14.

"Einige, die sich heute unter Umständen nicht mehr daran erinnern mögen, forderten den Rausschmiss von Leibenath", hat Oettel das Rumoren im Umfeld in dieser Phase nicht vergessen.

Stoll und Oettel blieben cool, Leibenath ebenso. Das Ende vom Lied: Ulm schloss die Hauptrunde auf Rang sieben ab und stürmte von dort aus bis in die Finals. Von diesem Erlebnis - da sind sich alle einig - profitieren sie in dieser Spielzeit. Der Vertrag mit dem 42-jährigen Leibenath wurde übrigens bis 2019 verlängert.

"Der Coach ist einer der nettesten Typen"

Leibenath schaffte es als Spieler "nur" bis in die 2. Liga. Als der gebürtige Leverkusener realisierte, nicht gut genug für die Bundesliga zu sein, hörte er auf: "Entweder ich spiele auf höchstem Niveau, oder gar nicht." Fortan konzentrierte er sich darauf, Trainer zu werden.

Über die Stationen Glasgow, Gießen, Quakenbrück und Osnabrück landete Leibenath in Ulm, wo er sein Coaching in den letzten Jahren immer mehr verbesserte. Er wirkt in der laufenden Saison so klar in seinen Entscheidungen wie noch nie.

Gleichzeitig fordert der frühere Guard von seinen Spielern, mitzudenken. Er fragt Akteure wie Klub-Idol Per Günther oder Raymar Morgan nach deren Meinung, gibt der Mannschaft viel Verantwortung, setzt vielmehr auf Offensive als auf Defensive. All diese Dinge kommen beim Team gut an und waren neben dem mittlerweile insgesamt guten Ruf des Vereins ein weiterer Grund dafür, dass Ulm sein Team aus der letzten Saison größtenteils zusammenhalten konnte.

"Der Coach ist einer der nettesten Typen, die ich je getroffen habe", sagte Morgan: "Man kann immer mit ihm reden. Man kann ihm auch mal sagen, wenn man platt ist und eine Pause braucht. Er hört dann zu. Er fordert sehr viel von den Spielern, aber dafür zählt er total auf uns."

Morgan - ein gebrauchter Porsche

Morgan ist ein gutes Beispiel für die um oben mitzuspielen so wichtigen (der Etat von Bamberg und Bayern soll drei Mal so hoch wie der in Ulm sein), cleveren Entscheidungen, die an der Donau in der jüngeren Vergangenheit getroffen wurden. Der Power Forward musste in der Saison 2013/2014 aufgrund einer Patellasehnenverletzung komplett aussetzen, stand anschließend in Göttingen und Athen unter Vertrag - und fiel in Bamberg durch den Medizincheck. Den Franken war das Risiko zu groß.

Ulm witterte seine Chance und verpflichtete den US-Amerikaner 2015. Ein Volltreffer: Mit 19 Punkten pro Partie ist der 28-Jährige aktuell BBL-Topscorer. "Wenn du einen Porsche fahren willst und dir keinen Neuen leisten kannst, dann musst du dir einen Gebrauchten kaufen", sagte Stoll dazu.

Neben Morgan und Günther haben mit Chris Babb, Braydon Hobbs, Karsten Tadda, Augustine Rubit oder DeSean Butler weitere Spieler voll eingeschlagen. Bitter ist lediglich der langfristige Ausfall des verletzten Tim Ohlbrecht. Butler - so sagen viele - blieb eine NBA-Karriere nur wegen einer schweren Knieverletzung verwehrt.

Auch in diesem Fall nutzte Ulm seine Chance, das Risiko wurde einmal mehr belohnt. "Der Coach ist großartig, mit den Jungs verstehe ich mich gut. Nimmt man noch die verrückten Fans dazu, kommt das beste Umfeld heraus, in dem ich bisher war. Genau nach so einem Ort habe ich gesucht", erklärte Butler.

Erlebnis wichtiger als Erfolg

Clevere Funktionäre, ein sehr guter Coach, eine tolle Mannschaft - ob diese Mischung angesichts der eigentlich mit wesentlich größeren Möglichkeiten ausgestatteten Konkurrenz aus Bamberg und München reicht, um den ganz großen Coup mit der ersten Meisterschaft der Klub-Geschichte zu feiern, wird sich zeigen.

Um jeden Preis wollen die Ulmer den Titel ohnehin nicht. "Wir sind ein Klub, der nie stillsteht", meinte Oettel: "Wer sich mit dieser Dynamik identifizieren kann, und wem das Erlebnis wichtiger als der Erfolg auf Teufel-komm-raus ist, der ist bei uns richtig."

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