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Athletensprecher Max Hartung im Interview: "Die Milliarde wurde noch nicht überwiesen"

Max Hartung wurde 2017 und 2018 zweimal in Folge Europameister im Säbelfechten
© Augusto Bizzi

Max Hartung ist nicht nur Europameister im Säbelfechten, er ist auch DOSB-Athletensprecher. SPOX-Chefreporter Florian Regelmann traf den 29-Jährigen in Köln zum Interview.

Herausgekommen ist ein offenes Gespräch über das Leben eines deutschen Spitzensportlers, der weit über den Tellerrand hinausblickt und mit dem Verein Athleten Deutschland ein wegweisendes Projekt angeschoben hat. Im Interview erzählt Hartung vom Besuch beim IOC in Lausanne und erklärt seine Forderung nach einer Beteiligung der Athleten an den Einnahmen der Olympische Spiele.

Außerdem spricht Hartung über den dramatischen Zustand der Olympischen Bewegung, eine Athleten-Erklärung zum Kopfschütteln und die Leistungssportreform. Ist Deutschland überhaupt eine große Sportnation, oder doch nur ein Fußballland?

SPOX: Max, wünschen Sie sich manchmal, in Korea geboren worden zu sein?

Max Hartung: (lacht) Nein, eigentlich nicht. Sie spielen sicher darauf an, dass ein Fechter in Korea einen ganz anderen Lebensstandard hat, als das bei uns der Fall ist. Das stimmt auch. Ein koreanischer Top-Fechter kann bis zu 300.000 Euro im Jahr verdienen, bei null Kosten, dafür ist er allerdings auch im Trainingszentrum einkaserniert. Ganz ehrlich: Ich würde nicht tauschen wollen, auch wenn sich die Summe natürlich erst einmal geil anhört. Aber klar, es wirkt schon unverhältnismäßig, wenn ein Fechter aus einer anderen Nation, der ähnliche Leistungen bringt wie du selbst, so viel mehr Geld verdienen kann. Aber in Sportarten wie Fechten, in denen wenig Sponsoring-Erlöse generiert werden, kommt es entscheidend auf die Sportförderung an - und da liegen Welten zwischen Deutschland auf der einen und Ländern wie Korea, Russland oder Italien auf der anderen Seite. Die Koreaner sind immer total verwundert darüber, wenn sie hören, wie wir uns durchschlagen müssen. Eigentlich ist es erstaunlich, dass wir in vielen Bereichen überhaupt so gut mithalten können, wie wir das tun.

SPOX: Wie schlagen Sie sich persönlich denn durch?

Hartung: Ich habe in meiner Karriere auch Krisen durchgemacht und häufiger überlegt, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Zuletzt war das nach den Olympischen Spielen 2016 in Rio der Fall, als ich ohne Medaille nach Hause gekommen bin. Es war ein Moment, in dem ich realisierte: Obwohl ich einer der besten Säbelfechter der Welt bin, ist mein Einkommen nicht so prall im Vergleich mit meinen Schulfreunden, die inzwischen einen Master gemacht haben und mitten im Berufsleben stehen. Ich wusste: Ich habe meinen Bachelor fertig, wenn ich mich irgendwo bewerbe, kann ich sofort das Doppelte verdienen, aber stattdessen stehe ich von morgens bis abends in der Trainingshalle. Warum eigentlich? Ich habe das Glück, dass ich einen Sponsor gefunden habe, sodass ich mich bis Tokio 2020 gut über Wasser halten kann, aber das ist eine totale Ausnahmesituation. Aber grundsätzlich bin ich wirklich total happy, weil ich immer noch das machen kann, was mir so viel Spaß macht. Das ist auch ein Privileg.

SPOX: Und in Ihrer Rolle als Athletensprecher können Sie von bemerkenswerten Erfolgen berichten, was die Sportförderung angeht.

Hartung: Ich bin selbst positiv überrascht, dass im Bundeshaushalt für 2018 so viel Geld eingestellt wurde und es 2019 noch einmal das Doppelte geben soll. Wir feiern diese Erfolge nicht so richtig, aber wir haben in den vergangenen zwei Jahren die Sportförderung in Deutschland verändert. Das ist schon krass. Als junger Mensch, der sich da engagiert hat, ist das ein tolles Gefühl. Gerade wenn man an die negative Stimmung und das vorherrschende Misstrauen in die politischen Systeme hierzulande denkt. Es stand viel auf dem Spiel, aber ich muss aus meiner Warte heraus jetzt sagen: Es lassen sich Sachen bewegen in diesem Land. Auch das Förderprogramm der Bundeswehr wird gerade komplett umgekrempelt, sodass sich für die Sportsoldatinnen und Sportsoldaten völlig neue Möglichkeiten eröffnen. Bei vielen Themen, über die ich mich vor fünf Jahren noch selbst aufgeregt habe, tut sich jetzt was. Das ist schon irre.

SPOX: Einen noch viel größeren Punkt, den Sie angestoßen haben, ist die Beteiligung der Sportler an den Einnahmen der Olympischen Spiele. Warum sollten Sportler 25 Prozent der Erlöse bekommen?

Hartung: Der Hintergrund des Gedankens ist, dass sich der Sport in allen Bereichen immer stärker professionalisiert hat. Gleichzeitig haben sich Olympische Spiele aus einer Idee heraus, Menschen zusammenzubringen, zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Diesem Umstand muss Rechnung getragen werden. Die Athleten investieren so viel Herzblut, Zeit und Energie, es wird auch extrem viel von ihnen erwartet in vielerlei Hinsicht, also ist es nur fair, wenn wir über eine gerechte Verteilung der Mittel sprechen. So wie es bei allen anderen Veranstaltungen auch der Fall ist. Bei unserem Treffen mit dem IOC in Lausanne hatten wir eine ganz gute erste Diskussion zu diesem Thema, aber wir sind wider Erwarten ohne Geldkoffer im Kofferraum wieder zurückgefahren. Die Milliarde wurde noch nicht überwiesen. (lacht)

SPOX: Sie haben das Treffen mit IOC-Präsident Dr. Thomas Bach angesprochen. In welcher Atmosphäre fand das Treffen statt?

Hartung: Es sind schon zwei Welten aufeinandergetroffen, als wir aus unserer Jugendherberge ins schicke IOC-Gebäude gefahren sind. (lacht) Aber zunächst mal muss man festhalten, dass sie uns eingeladen und sich viel Zeit für uns genommen haben. Es war hochprofessionell. Sie haben es auch handwerklich gut gemacht und uns das Solidarmodell erklärt, das sie aufgebaut haben. Später ist Dr. Bach wieder dazu gekommen und wir haben die entscheidende Frage diskutiert. Ich habe die Stimmung als sehr freundlich und angenehm empfunden. Ich bin nur etwas mit der IOC-Athletenvertreterin Kirsty Coventry aneinandergeraten, weil ich der Meinung bin, dass es ja im Prinzip auch ihr Thema sein müsste. Sie fühlte sich wohl etwas angegriffen von mir. Es war ein faires Gespräch, das uns aber auch vor Augen geführt hat, dass wir noch weit davon entfernt sind, so gut organisiert und vernetzt zu sein, dass wir auf Augenhöhe mit dem IOC sprechen können. Aber trotzdem glaube ich, dass das IOC merkt, dass der Widerstand eine neue Qualität entwickelt hat.

SPOX: Ein klares Zeichen dafür ist die Entstehung der "Athleten Deutschland", sogar gegen den Willen des DOSB. Warum war und ist der Aufbau einer unabhängigen Institution so wichtig?

Hartung: Wir haben bei verschiedenen Themen gespürt, dass wir als Athleten nicht ausreichend vorbereitet sind und gar nicht so mitreden können, wie wir wollen. Zum Beispiel beim Anti-Doping-Gesetz. Ich habe mir den Entwurf durchgelesen, aber wenn man nicht Jura studiert hat, ist es gar nicht so einfach, ein vernünftiges Feedback dazu abzugeben. Und den zweiten Punkt haben Sie in Ihrer Frage schon erwähnt: Unabhängigkeit. Es gibt Punkte, in denen die Position des Verbands nicht identisch ist mit der des Athleten. Wenn ich als Athlet aber jetzt eine juristische Beratung brauche, dann kann ich nicht den Juristen vom DOSB befragen, dann brauchen wir einen eigenen Experten. Also haben wir Nägel mit Köpfen gemacht und im Oktober 2017 die Athleten Deutschland gegründet. Wir fangen jetzt gerade erst damit an, richtig durchzustarten und mit Hilfe der finanziellen Mittel vom Bund eine Struktur aufzubauen, aber ich würde sagen, dass im vergangenen Jahr schon viel in den Köpfen passiert ist und ein Umdenken stattgefunden hat.

SPOX: Wenn wir uns den Themen widmen, die den größten Zündstoff bergen, steht die Wiederaufnahme des russischen Teams nach dem Doping-Skandal sicherlich weit vorne.

Hartung: Ich bin total enttäuscht von der ganzen Situation. Punkt Nummer eins ist, dass wir ein weltweit unabhängiges Anti-Dopingsystem bräuchten, sodass alle Entscheidungen auch komplett unabhängig getroffen werden können.

SPOX: Aber das IOC trägt 16 Millionen Dollar zum Jahresbudget der Wada von 33 Millionen Dollar bei. Wada-Präsident Craig Reedie ist Mitglied des IOC und ehemaliger Vizepräsident der Organisation.

Hartung: Genau. Leider sind wir von Unabhängigkeit weit entfernt. Und dann werden immer wieder Chancen verschlafen und Entscheidungen getroffen, die kein Mensch nachvollziehen kann. Dabei gibt es so viel Fachpersonal in allen Bereichen, ich verstehe das nicht. So verspielt der Sport immer und immer wieder Vertrauen. Wenn es der Sport nicht schafft, nachvollziehbare Prozesse zu etablieren, wird ihn irgendwann auch keiner mehr schauen. Dann schauen wir am Ende alle Wrestling. Wenn es kein Umdenken gibt, steht viel auf dem Spiel, das glaube ich wirklich.

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