Handball

Handball-WM - Uwe Gensheimer beim DHB-Team: Endlich ein Held sein

Uwe Gensheimer zeigte beim Sieg gegen Brasilien eine überragende Leistung.

Beim 34:21-Sieg des DHB-Teams im zweiten Gruppenspiel gegen Brasilien war Uwe Gensheimer der überragende Mann. Ein Zufall ist das nicht. Der PSG-Star wirkt so entschlossen und motiviert wie vielleicht noch nie.

Die Abwehr stand wie eine Wand, dahinter wartete mit Andreas Wolff ein Torhüter, der die Überbleibsel der brasilianischen Angriffe entsorgte. Aus der Aggressivität der deutschen Deckung resultierten Ballverluste des Gegners und Treffer nach Tempogegenstößen - ab ging die DHB-Post.

Die Halle tobte, die Spieler auf der Bank sprangen auf und pushten ihre Kollegen auf der Platte.

Das zweite WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft am Samstagabend war ein wahres Handball-Fest.

Mittendrin in diesem Kessel der Emotionen tummelte sich Uwe Gensheimer. Der beste Werfer der deutschen Mannschaft ließ, nachdem er eines seiner zehn Tore erzielt hatte, mit einem Schrei die Faust nach oben schnellen und bezog das Publikum dabei in seinen Jubel mit ein. Nun kochte die Mercedes-Benz Arena erst recht.

Gensheimer: "Wollte mich immer mal wie ein Popstar fühlen"

"Ich wollte mich schon immer mal wie ein Popstar fühlen, der nur den Arm hebt, und schon schreien alle los", witzelte Gensheimer nach dem Spiel in der Mixed Zone. Dass der normalerweise eher ruhige Mannheimer in diesem Ausmaß aus sich herausgeht, ist ungewöhnlich.

Es war einer von mehreren Momenten im Spiel gegen Brasilien und der vergangenen Wochen, der klar machte: Gensheimer will es bei dieser WM unbedingt wissen. Der Linksaußen hat sich besonders viel vorgenommen. Es ist an der Zeit, den Traum, dem er seit über 13 Jahren hinterherjagt, zu erfüllen. Der 32-Jährige will endlich einen großen Titel mit dem DHB-Team gewinnen.

"Das Ziel spornt mich an. Wir wollen ins Halbfinale. Dann ist alles möglich", sagte Gensheimer. Auch Bundestrainer Christian Prokop ist aufgefallen, wie heiß sein Kapitän ist: "Das hat man schon zum Jahreswechsel gespürt, in welcher Form er ist. Er ist nicht nur sehr effektiv, sondern bringt auch Emotionen rein. Er pusht die Zuschauer und die Mannschaft."

Gensheimer ausgerechnet bei der EM 2016 verletzt

Eigentlich ist es verrückt. Gensheimer spielt mittlerweile im dritten Jahr bei Paris Saint-Germain größtenteils konstant auf Weltklasseniveau, was er bereits zuvor bei den Rhein-Neckar Löwen getan hat. Der Bronzemedaillengewinner bei den Olympischen Spielen in Rio ist für viele Experten der beste Spieler der Welt auf seiner Position und aus dem DHB-Team neben Wolff einer von zwei Superstars der Handball-Szene.

Aber er hat eben diesen einen Titel mit der Nationalmannschaft noch nicht geholt. In der Wahrnehmung der breiten deutschen Öffentlichkeit, die sich nur für Handball interessiert, wenn das Nationalteam große Turniere bestreitet, scheint er damit irgendwie noch nicht auf einer Ebene mit den WM-Helden von 2007 und den EM-Helden von 2016 zu stehen.

Besonders der Titel in Polen vor drei Jahren hat für Gensheimer einen bitteren Beigeschmack. Ein Muskelfaserriss in der Wade setzte ihn außer Gefecht, er musste seine Teilnahme absagen. Ausgerechnet jetzt setzten die Bad Boys unter Dagur Sigurdsson zu ihrem historischen Höhenflug an.

Gensheimer und die völlig verkorkste EM in Kroatien

Bei der WM 2017 in Frankreich sollte ihm das nicht noch einmal passieren. Auch deshalb quälte sich der Mann, der in Paris einen engen Draht zu Fußball-Trainer Thomas Tuchel pflegt, wenige Tage nach dem Tod seines Vaters zum Turnier. Gensheimer zeigte starke Leistungen in der Vorrunde, Beim Aus im Achtelfinale gegen Katar konnte aber auch er keine Akzente setzen.

Ein Jahr später bei der EM in Kroatien sollte es sportlich noch wesentlich schlimmer kommen. Gensheimer brach nach einem guten Start komplett ein, trat wie der Rest der Mannschaft völlig verunsichert und kopflos auf.

Auf das Ausscheiden in der Hauptrunde folgte eine teilweise heftige mediale Kritik, die nach Bundestrainer Prokop Gensheimer wohl am intensivsten zu spüren bekam. Der fast schon allgemeine und mitunter unfaire Tenor damals: Gensheimer ist kein Anführer und damit als Kapitän ungeeignet.

Nun scheint Gensheimer eine Trotzreaktion zeigen zu wollen - auch wenn er das so natürlich nie sagen würde. "Ich freue mich, dass es beim Team und mir gut läuft und ich der Mannschaft helfen kann", meinte der deutsche Meister von 2016 nach seinem grandiosen Auftritt gegen Brasilien in aller Bescheidenheit.

Gensheimers Saison der Entscheidung?

Fakt ist: Gensheimer ist sich im Klaren darüber, dass er so viele Chancen auf einen Titel mit dem Nationalteam in seinem Alter nicht mehr bekommen wird. Es ist eine enorm wichtige Saison für ihn. Womöglich sogar die Saison, in der sich entscheidet, wie der Handballer Gensheimer in zehn oder 20 Jahren wahrgenommen wird.

Neben der Heim-WM geht es darum, sich in diesem Jahr den zweiten großen Traum zu erfüllen - den Triumph in der Champions League mit PSG, bevor er im Sommer zu 99,9 Prozent zu seinem Klub, den Rhein-Neckar Löwen, zurückkehren wird.

WM 2019: Die weiteren Spiele der deutschen Mannschaft

DatumUhrzeitPaarungFree-TVSPOX
Montag, 14. Januar18.00 UhrRussland - DeutschlandARDLiveticker
Dienstag, 15. Januar20.30 UhrDeutschland - FrankreichZDFLiveticker
Donnerstag, 17. Januar18.00 UhrDeutschland - SerbienARDLiveticker

Gensheimer: "Kribbelt heute noch, wenn ich daran denke"

Aber erst einmal gilt alle Konzentration dem Schreiben eines Wintermärchens. 2007 stand Gensheimer im 28er-Kader von Heiner Brand, wurde zur Weltmeisterschaft im eigenen Land dann aber nicht mitgenommen.

Das Finale erlebte Deutschlands Handballer der Jahre 2011, 2012, 2013 und 2014 übrigens als Zuschauer in Köln. "Ich habe direkt hinter dem Tor gesessen und diese einmalige Stimmung förmlich aufgesogen. Das kribbelt heute noch, wenn ich daran denke", erzählte er.

Es ist an der Zeit, dass Gensheimer den nächsten magischen Moment in der Geschichte des deutschen Handballs als einer der Hauptprotagonisten auf dem Spielfeld erlebt.

Warum eigentlich nicht gleich am 27. Januar in Herning?

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