Handball - Kommentar zum DHB-Abschneiden: Prokops sofortiger Rauswurf wäre ein Fehler

Donnerstag, 25.01.2018 | 14:24 Uhr
Christian Prokop hat bei seinem ersten Turnier als Bundestrainer eine Enttäuschung erlebt
© getty

Das Aus in der Hauptrunde bei der EM in Kroatien ist eine herbe Enttäuschung für den deutschen Handball. Bundestrainer Christian Prokop hat sich mehrere Fehler geleistet, ist aber längst nicht der einzige Verlierer. Einen Schnellschuss darf es nicht geben. Ein Kommentar von SPOX-Redakteur Felix Götz.

Die sportlichen Leistungen und das Ergebnis decken sich: Das DHB-Team hat seine EM-Ziele deutlich verfehlt. Dass Prokop seinen Anteil hat, lässt sich nicht wegdiskutieren.

An erster Stelle steht dabei seine Entscheidung pro Bastian Roscheck und gegen Finn Lemke bei der anfänglichen Nominierung des Kaders. Der Plan, den der Bundestrainer damit verfolgte, erschloss sich vielen Beobachtern schon vor dem Turnier nicht. Im Nachhinein ist die Entscheidung erst recht nicht mehr zu verstehen. Zu wichtig ist Lemke für die Mannschaft auf und abseits der Platte, während Roscheck überhaupt keine Akzente setzte.

Prokops Erklärung nach dem Desaster gegen Spanien ist ebenfalls schwer zu begreifen. Anstatt seinen Fehler (so bewerten den Fall Lemke nicht nur Fans und Journalisten, sondern auch viele Spieler und sogar Bob Hanning) einzugestehen, verwies der 39-Jährige wieder einmal darauf, Lemkes Rückholaktion vor dem dritten Vorrundenspiel stehe in erster Linie in Zusammenhang mit der Robustheit der mazedonischen Kreisläufer. Bei allem Respekt: Aber eine deutsche Handball-Nationalmannschaft darf ihre grundsätzliche personaltaktische Ausrichtung nicht nach mazedonischen Kreisläufern ausrichten.

Prokop, der teilweise vom für ein Großereignis normalen medialen Ansturm erschlagen schien, muss sich noch einen dritten Fehler ankreiden lassen. Mit seinen zumindest in der Vorrunde permanenten Wechseln hat er den einzelnen Spielern keinen Gefallen getan. Es kam vor, dass ein Patzer reichte, um wieder auf der Bank zu landen. Selbstvertrauen erarbeitet man sich so natürlich nicht.

Was sich Spieler geleistet haben, ist ungeheuerlich

Trotzdem wäre es zu einfach, Prokop als den alleinigen Sündenbock hinzustellen. Letztlich wirft kein Coach dieser Welt Bälle am Tor vorbei oder zum Gegner. Nahezu jeder Spieler muss sich die Frage stellen, ob er wirklich alles für den Erfolg getan hat.

Mancher Spieler muss sogar darüber nachdenken, ob er dem Mannschaftsklima nicht kolossalen Schaden zugefügt hat. Dass Spieler während eines Turniers gegenüber Journalisten erwähnen, sie haben in der zurückliegenden Partie bewusst gegen die Anweisung des Trainers gehandelt, ist ungeheuerlich.

Bob Hannings Bilanz büßt Glanz ein

Außerdem hat Hanning bereits angekündigt, sich selbst zu hinterfragen. Und genau das sollte der DHB-Vizepräsident tun. Schließlich ist er - egal wer sonst noch beim DHB relevante Positionen bekleidet - der eindeutige Chef in sportlichen Fragen zur Nationalmannschaft der Männer.

Hanning war es, der damals Dagur Sigurdsson als Bundestrainer durchgesetzt hat, wofür er berechtigterweise gefeiert wurde. Nun war es aber auch der Macher der Füchse Berlin, der den auf internationaler Bühne völlig unerfahrenen Prokop ins Amt hievte. Er setzte dabei sogar durch, dass eine im Handball horrende Summe von ungefähr 500.000 Euro an Prokops vorherigen Arbeitgeber SC DHfK Leipzig bezahlt wurde - gegen manche Bedenken beim DHB.

Hannings Bilanz, zu der der EM-Titel in Polen und die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Rio gehört, hat nach dem Aus im Achtelfinale bei der WM in Frankreich und der jetzigen Enttäuschung in Kroatien ein Stück von ihrem Glanz eingebüßt.

Hannings Schicksal ist eng mit Prokop verknüpft

Dennoch setzt der 49-Jährige sich und dem DHB-Team weiterhin die höchsten Ziele. Die Vision vom Olympischen Gold sei nicht verhandelbar, bekräftigte Hanning nach dem EM-Aus. Er muss sich daran messen lassen - und sein Schicksal beim DHB ist eng mit dem von Prokop verknüpft. Schon alleine deshalb wird er viel daran setzen, den bis 2022 unter Vertrag stehenden Prokop im Amt zu halten.

Ohnehin wäre der sofortige Rauswurf des Bundestrainers ein Fehler. Einen Schnellschuss darf es nicht geben, die EM und die Vorkommnisse innerhalb der Mannschaft müssen gründlich, in Ruhe und ergebnisoffen analysiert werden.

Aus dieser Analyse muss eine eindeutige Entscheidung hervorgehen. Entweder die DHB-Führung ist zu 100 Prozent von Prokop überzeugt, oder es muss ein neuer Trainer her. Eine Larifari-Entscheidung wäre ein kapitaler Fehler.

Dafür ist das Amt des Bundestrainers zu wichtig, dafür stehen mit der Heim-WM 2019 und Olympia 2020 in Tokio zu wichtige Aufgaben für den gesamten deutschen Handball ins Haus.

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