Fussball

"Alles einfach Wahnsinn und geil"

Von Ole Frerks
Mahir Saglik schoss Paderborn mit 15 Treffern zum Aufstieg
© getty

Der SC Paderborn hat erstmals in seiner Geschichte den Aufstieg in die Bundesliga geschafft. Trotz eines schwachen Starts in die Saison sicherten sich die Ostwestfalen am 34. Spieltag mit einem 2:1-Sieg gegen Aalen den zweiten Platz. Das kleine Provinznest schwimmt in Ekstase, die Bundesliga erwartet ein ungewöhnlicher Neuling.

Markus Krösche hat in seinen 13 Jahren beim SC Paderborn viel erlebt. Der Kapitän spielte für den SCP in der Regionalliga, in der 3. und natürlich in der 2. Liga. Er ist bereits seit 2007 Teil der Jahrhundertelf der Paderborner und mittlerweile ihr Rekordspieler. Er war zu einer Zeit im Verein, als die Insolvenz drohte.

Dass er mit seinem kleinen Provinzklub jemals in die Beletage aufsteigen würde, hätte er sich nie träumen lassen. "Das ist unfassbar. Im Fußball ist alles möglich, aber das ist eine Sensation", staunte der 33-Jährige am Sonntag. "Sensation" ist dabei genau das Stichwort, das von nahezu jedem Beteiligten aufgegriffen wurde.

"Mit einer Mannschaft aufzusteigen, die keiner auf der Rechnung hatte, ist eine Sensation", sagte etwa Krösches Trainer, Andre Breitenreiter. Auch Torhüter Lukas Kruse musste zugeben: "Hätte mir das einer vor der Saison prophezeit, den hätte ich für verrückt erklärt, auch in der Winterpause."

Auf den Punkt brachte es Mahir Saglik, der beste Paderborner Torschütze dieser turbulenten Saison: "Das ist alles einfach Wahnsinn und geil!"

Wie in einem Traum

Man kann Saglik kaum widersprechen. Mit einem Etat von 6,2 Millionen Euro gehört Paderborn selbst in der 2. Liga zu den armen Schluckern, es gibt nicht wenige Bundesligavereine, die einzelnen Spielern pro Jahr mehr Geld bezahlen. Zum Vergleich: Der 1. FC Köln stieg mit einem Etat von 15 Millionen auf, mit diesem Wert kalkuliert der SCP im kommenden Jahr.

Nicht nur finanziell waren Hürden zu überwinden, auch sportlich lief zunächst vieles gegen Paderborn: Nach neun Spieltagen hatte man erst neun Punkte gesammelt und stand auf dem Relegationsplatz - am falschen Ende der Tabelle.

Zwölf Spieltage später besetzte Breitenreiters Mannschaft erstmals den "richtigen" Relegationsplatz, mit einem beeindruckenden Finish (nur eine Niederlage aus den letzten zehn Spielen) fing man sogar Greuther Fürth noch ab und machte am Ende den direkten Aufstieg klar.

Die stete Verbesserung in der Tabelle und die Aussicht auf den Aufstieg kamen dabei so überraschend, dass bis zum Schlusspfiff am Sonntag kaum jemand so richtig dran glauben konnte.

Mitten in der Provinz

Die Bundesliga kann sich auf einen in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Aufsteiger freuen. Zum einen ist "Paderboring" ein 145.000-Seelen-Nest, das Vielen nur aus dem Bierregal ein Begriff ist. Rund um die 15.000 Zuschauer fassende Benteler-Arena ist ein Zapfenstreich etabliert, der Freitagsspiele für den SC verbietet.

Das provinziale Dasein hat dabei direkte Vorteile für den Verein. Breitenreiter und sein Team konnten etwa nach dem miesen Start ganz in Ruhe weiterarbeiten, öffentlichen Druck wie beispielsweise in Köln gibt es in Paderborn schlicht und einfach nicht.

Auch die Tatsache, dass mit Süleyman Koc seit Januar ein Freigänger im Kader steht, hat kaum eine Welle geschlagen. Der Deutsch-Türke war in seiner Zeit beim SV Babelsberg in mehrere Raubüberfälle verwickelt und hätte es in anderen Städten mit Sicherheit schwerer gehabt. In Paderborn akzeptiert man den verurteilen Straftäter - ganz pragmatisch eben.

Einzig die Gerüchte um Breitenreiters Person hätten ein Störfeuer darstellen können, ein Wechsel des Trainers zu einem anderen Bundesligaverein steht noch immer im Raum. Seine Arbeit hat dies aber offensichtlich nicht beeinträchtigt.

Kein gewöhnlicher Aufsteiger

Breitenreiter hat es in seiner allerersten Saison als Profitrainer geschafft, eine Einheit zu formen, die hart arbeitet, um den Talentmangel wettzumachen. Die Mannschaft spielt ohne große spielerische Glanzpunkte, verteilt die Verantwortung auf viele Schultern (5 Spieler mit mindestens 5 Toren) und hat einen guten Mix aus Veteranen und aufstrebenden Talenten beisammen.

Paderborn fegte nicht mit Kantersiegen durch die Liga wie viele Aufsteiger vor ihnen; der SC machte aus knappen Siegen eine Kunstform, das Torverhältnis betrug Ende der Saison "nur" +15 (bei 18 Siegen). Der 2:1-Sieg nach 0:1-Rückstand gegen Aalen stand dabei sinnbildlich für die ganze Saison.

Im Hinblick auf die erste Liga könnte das ein Vorteil sein: Der SC ist bereits daran gewohnt, sich in Spiele reinzukämpfen und aus der Defensive heraus zu arbeiten. Das konnten viele andere Aufsteiger, wie beispielsweise Greuther Fürth 2012, nicht von sich behaupten.

Leben im Moment

Natürlich weiß jeder Paderborner trotzdem, dass es von der ersten Minute des ersten Spiels in der Bundesliga gegen den Abstieg gehen wird und dass fast alles für einen direkten Wiederabstieg spricht. Zumal noch niemand sicher sagen kann, ob Breitenreiter dann überhaupt noch an der Seitenlinie steht.

All dies ist momentan aber nicht von Belang. Paderborn hat geschafft, was keiner für möglich gehalten hatte. Selbst der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker gratulierte euphorisch: Als Theologe bin ich mit der Verwendung des Begriffs 'Wunder' etwas vorsichtig, aber der Aufstieg des SC Paderborn in die Bundesliga ist schon etwas, das man zumindest als 'Fußballwunder' bezeichnen kann."

Für den Moment heißt es: Füße hochlegen, den Moment genießen, entspannen, auf das Erreichte zurückblicken. Das Abenteuer Bundesliga kann kommen.

Nicht mehr dabei sein wird dann übrigens Krösche. "Einen besseren Zeitpunkt aufzuhören, kann es nicht geben", erklärt der Rekordspieler Paderborns. Da wird ihm wohl niemand widersprechen.

Alle Infos zum SC Paderborn

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