"Mein Bruder hat mich stärker gemacht"

Von Interview: Fabian Herbers
Donnerstag, 03.10.2013 | 12:58 Uhr
Matthias Zimmermann ist derzeit von Mönchengladbach nach Sandhausen ausgeliehen
© imago
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Matthias Zimmermann ist von Borussia Mönchengladbach an den SV Sandhausen in die 2. Liga ausgeliehen worden. Im Interview spricht der 21-Jährige über die Bürde der Fritz-Walter-Medaille, eine Zukunft in Mönchengladbach und den Einfluss des tragischen Tods seines Bruders.

SPOX: Herr Zimmermann, Sie haben beim Karlsruher SC mit 17 Jahren im Profifußball debütiert. Was war das für ein Gefühl in solch jungem Alter?

Zimmermann: Ich konnte es gar nicht glauben. Eigentlich hätte ich ja auch A-Jugend spielen können. Es war ein unglaubliches Gefühl, schließlich wollte ich immer mal im Wildparkstadion spielen. Dass ich in den Profikader hochgezogen wurde, war etwas ganz Besonderes. Ich hatte Gänsehaut.

SPOX. Vor zwei Jahren haben Sie die Fritz-Walter-Medaille erhalten. Kam die Auszeichnung überraschend?

Zimmermann: Auf jeden Fall, wenn man sieht, wer die alles bekommen hat. Mario Götze zum Beispiel. Ich hätte daher nie gedacht, dass ich mal so eine Medaille bekomme. Es zeigt mir, dass meine Leistung anerkannt wurde. Ich habe sehr hart gearbeitet und bin oft länger auf dem Trainingsplatz geblieben. Auch wenn es manchmal nicht so gut lief, habe ich immer das Beste herausholen wollen.

SPOX: Ist die Medaille eine Motivation für Sie oder baut sie eher Druck auf?

Zimmermann: Es beflügelt eher. Es zeigt einem, dass man das Richtige getan hat, aber noch mehr machen muss.

SPOX: Im selben Jahr haben auch Marc-Andre ter Stegen, Kevin Volland und Julian Draxler die Medaille erhalten. Sind Sie manchmal neidisch auf deren kometenhaften Karrieren?

Zimmermann: Man muss es so sehen: Ich hatte einen schwierigeren Gang als die anderen. Die kamen alle aus Erstligavereinen, sind da in der Jugend aufgewachsen und spielen direkt in der ersten Liga. Ich habe erst mal zweite Liga gespielt und bin dazu ein anderer Spielertyp. So musste ich mich erst hochkämpfen, um das zu erreichen, was andere schon erreicht haben.

SPOX: Nach zwei Jahren beim KSC folgte der Wechsel zu Borussia Mönchengladbach in die Bundesliga. Sie saßen aber fast nur auf der Bank oder standen nicht im Kader. Kam der Wechsel zu früh?

Zimmermann: Ob es zu früh ist, kann man vorher nie wissen. Jetzt kann ich sagen: Vielleicht wäre es besser gewesen, noch ein Jahr zu bleiben. Gladbach hatte damals die Relegation mit Glück geschafft. Als ich dann kam, spielten sie plötzlich eine sehr gute Saison mit Platz vier und erreichten die Europa League. Das war bitter für mich. Es war nicht leicht, in die Mannschaft zu kommen.

SPOX: Was war das größte Problem in Gladbach?

Zimmermann: Ich habe in der Vorbereitung wegen meiner Ausbildung beim KSC gefehlt. Da hatte ich von Beginn an einen Rückstand. Dazu ist das Niveau höher als in der zweiten Liga. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Und der Trainer (Lucien Favre, Anm. d. Red.) hat mir nicht das Vertrauen gegeben, wie ich es mir gewünscht habe.

SPOX: Haben Sie sich trotzdem in der Mannschaft wohlgefühlt?

Zimmermann: Auf jeden Fall. Es ist ein gutes Team und ich hatte viel mit meinen Kollegen in der Freizeit unternommen.

SPOX: Sie haben sich zur Winterpause 2013 nach Fürth ausleihen lassen. Wie kam der Kontakt zustande?

Zimmermann: Mit Fürth war ich schon vorher in Kontakt. Aber wir haben nie wirklich Gespräche geführt. Mike Büskens hatte mich bei der U-17-Nationalmannschaft und auch im KSC-Traininsglager im türkischen Belek beobachtet. Er hat sich dann bei mir gemeldet und mich nach Fürth geholt.

SPOX: War Fürth im Rückblick die richtige Entscheidung, auch wenn der Verein abgestiegen ist?

Zimmermann: Für mich persönlich, für meine Entwicklung, war es absolut die richtige Entscheidung. Ich wusste auch, als ich dorthin kam, dass die Situation mit neun Punkten nicht gut aussah.

SPOX: Sie haben in Fürth bei 15 von 17 Spielen gespielt. War der Wunsch da, über die Saison hinweg in Fürth zu bleiben?

Zimmermann: Die Situation war ja nicht einfach. Mike Büskens wurde entlassen und es kam mit Frank Kramer ein neuer Trainer. Es war nie wirklich klar, welche Spieler bleiben und welche gehen. Deswegen bin ich zu Gladbach zurückgegangen. Das Interesse aus Fürth war da, aber der Verein wollte einen Umbruch.

SPOX: Der Vertrag in Gladbach wurde verlängert, trotzdem wurden Sie wieder verliehen, diesmal nach Sandhausen. Warum?

Zimmermann: Ich habe lange überlegt, was ich genau machen soll. Ich wusste, dass es in Gladbach schwer werden würde. Als der Vorschlag kam, dass ich noch ein Jahr ausgeliehen werden soll, habe ich zugesagt. Die Verantwortlichen des SV Sandhausen haben mir von Anfang an klargemacht, dass sie mich wollten. Außerdem war ich für das Mittelfeld vorgesehen, wo meine Stärken auch besser rauskommen. Ich wusste, wenn ich da eine gute Saison im Mittelfeld spiele und nicht als Rechtsverteidiger, habe ich mehr Chancen. Es gab aber auch andere Angebote.

SPOX: Wer wollte Sie denn noch verpflichten?

Zimmermann: St. Pauli und Werder Bremen waren da noch dran und auch interessiert. Gladbach wollte mich aber nicht verkaufen.

SPOX: Wie befreiend ist es, dass Sie endlich auf Ihrer Lieblingsposition spielen und Trainer Alois Schwartz auf Sie setzt?

Zimmermann: Das ist sehr befreiend. Wenn das Vertrauen vom Trainer da ist, gibt man noch ein paar Prozente mehr. Dazu spiele ich endlich auf meiner Lieblingsposition und gehöre zum Stammpersonal. Bisher sieht es ganz gut aus.

SPOX: Glauben Sie nach wie vor fest an eine Zukunft bei Borussia Mönchengladbach?

Zimmermann: Schwierig zu sagen. Ich muss mich jetzt auf meine Saison konzentrieren, um mich dort als Spieler zu entwickeln. Wenn sich im Sommer was anderes ergeben sollte, mit einer Perspektive, um regelmäßig zu spielen, dann muss ich mir das genau überlegen. Konkret kann ich das aber noch nicht sagen.

SPOX: Haben Sie regelmäßig Kontakt zu Lucien Favre?

Zimmermann: Ja klar. Momentan befinde ich mich ja in Mönchengladbach wegen meines Reha-Programmes, damit ich wieder fit werde. Kontakt ist nach wie vor da. Favre hat mich beobachtet und für meine ersten Auftritte in Sandhausen gelobt. Er sieht, dass ich mich weiterentwickle.

SPOX: Ein trauriges Kapitel in Ihrem Leben ist der Tod ihres Bruders Christian, der 2011 bei einem Kreisliga-Spiel auf dem Platz zusammenbrach und verstarb. Wie sehr hat das Einfluss auf Ihr Fußballerleben genommen?

Zimmermann: Das hat mich sehr beeinflusst. Man lernt erst danach, das Leben zu schätzen. Man muss immer zwischen Fußball und dem Privatleben unterscheiden: Fußball ist zwar mein Job, aber man muss auch immer das Privatleben berücksichtigen. Es kann mal sein, dass man ein schlechtes Spiel macht und die Fans dich dann beleidigen. Aber Fußballer sind auch nur Menschen. In solchen Momenten wird mir das klar. Ich denke, mein Bruder hat mich so noch stärker gemacht. Wir haben beide immer gerne Fußball gespielt. Jetzt spiele ich für ihn.

SPOX: Wie hat Ihnen der Fußball in dieser Situation geholfen?

Zimmermann: Der Fußball war in der Situation sehr wichtig für mich. Mein Bruder hat mich früher immer zum Kicken mitgenommen, als ich noch klein war. Er war ja drei, vier Jahre älter als ich und das prägt mich alles sehr.

SPOX: Was sind Ihre persönlichen Ziele für die Zukunft?

Zimmermann: Mein Ziel war immer, Nationalspieler zu werden. Das behalte ich bei. Ich fange jetzt klein an und will zeigen, dass ich im Mittelfeld ein guter Mann bin. Bei Fürth habe ich meine Bundesliga-Tauglichkeit bewiesen. Ich hoffe, dass dann weitere Aufgaben kommen und ich irgendwann Champions League und Europa League spielen werde.

Matthias Zimmermann im Steckbrief

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