Kosmopolit in Giesing

Von Stefan Rommel
Mittwoch, 16.01.2013 | 12:05 Uhr
Große Wertschätzung: ManCity-Fans forderten 2008 den Verbleib von Sven-Göran Eriksson
© Getty
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Er war einst der heißeste Trainer Europas, bevor sein vermeintlicher Traumjob zum Karriereknick wurde. Sven-Göran Eriksson ist ein Globetrotter des Fußballs und ein Mann, der polarisiert. Was will so einer beim TSV 1860 München in der zweiten Liga?

Es gibt in der Tat sehr viele Geschichten über Sven-Göran Eriksson zu erzählen.

Die eine geht so: Faria Alam hatte einst einen Traum. Nämlich den, ein bewundertes Model zu sein. Das hatte sie mit Ulrika Jonsson gemein. Die hat es immerhin ins Fernsehen geschafft, durfte einst den Eurovision Song Contest moderieren und siegte später bei einer Staffel von "Celebrity Big Brother".

Affären überschatten seine England-Zeit

Faria Alam aber brachte es lediglich bis zur angestellten Schreibkraft. Dass beide, Alam und Jonsson, trotzdem wochenlang Titelthema der englischen Yellow Press waren, hatten sie Sven-Göran Eriksson und ein paar äußerst redseligen Freundinnen zu verdanken.

Die Affäre mit dem TV-Starlet und ehemaligen Stan-Collymore-Sidekick Jonsson ließen sich die Engländer noch gefallen. Eriksson war schließlich überzeugter Junggeselle und somit frei jeglicher Verpflichtungen. Und seinem Amt als Nationaltrainer der Three Lions konnte eine hitzige Liebelei mit einer TV-Schönheit nichts anhaben. In einer Presselandschaft, die die WAGs beinahe in den Adelsstand hebt, sind solche Geschichten unter Fußballprofis mehr oder weniger Routine.

Zum "geilen Sven" aber, und jetzt bekommt die Sache ihre unschöne Wendung, wurde Eriksson durch die Tatsache, dass es sich bei Miss Alam um eine Angestellte des englischen Verbands FA handelte und dass sie neben Eriksson auch noch Generalsekretär Mark Palios zu Fall bringen wollte. Und natürlich, weil sie mit ihren Geschichten hausieren ging, just als die Three Lions unter dem Schweden mal wieder frühzeitig aus einem großen Turnier geflogen waren.

Mega-Gehalt, amateurhaftes Verhalten

Ein wenig argwöhnisch wurde Eriksson vom ersten Tag an beobachtet. Er war der erste Ausländer, auf den sich die FA als Nationaltrainer eingelassen hatte. Dazu bezog er das horrende Gehalt von umgerechnet rund 15 Millionen D-Mark pro Jahr. Die Zweifel zerstoben nach der goldenen Nacht von München, als England den ewigen Rivalen auf dessen eigenem Boden zerstörte.

"Five one and even Heskey scored", ist bis heute eine gern geträllerte Zeile, wenn die englische Nationalmannschaft auf Reisen ist. Die Redaktion der "Daily Mail" schaltete komplett ihr Hirn aus und titelte: "Besser als der Krieg". Songs über den gelernten Lehrer schafften es auf der Insel in die Top Ten. Mit der künstlich erzeugten Fallhöhe kamen aber schnell die Probleme.

Als die Erfolge ausblieben, stürzten sich die Medien erst auf seine berufliche Qualifikation, dann auf sein enormes Gehalt und am Ende dann auf sein Privatleben. Dass er einem als Scheich verkleideten Journalisten auf den Leim gegangen und pikante Interna über Spieler und angebliche Manipulationsversuche von Premier-League-Trainern ausgeplaudert hatte, ließ ihn wie einen Amateur dastehen.

Große Erfolge vor England

Der Rest ist Geschichte. Die Entlassung wurde zur Schlammschlacht. Eriksson beharrte auf seinen gültigen Vertrag, den der Verband völlig voreilig noch bis 2008 verlängert hatte und rund zwölf Millionen Euro Abfindung. Am Ende wurden es immerhin 4,3 Millionen.

Es sind die Anekdoten und Skandale abseits des Sports, die Sven-Göran Eriksson beinahe seine komplette Reputation gekostet haben. Es gab schließlich auch eine Zeit vor seinem England-Engagement. Und die Geschichten aus dieser Zeit sind nicht weniger spektakulär.

Mit dem IFK Göteborg gewann der relativ unerfahrene und international kaum bekannte Eriksson 1982 den UEFA-Pokal. Auf dem Weg dorthin räumte er den 1. FC Kaiserslautern (Halbfinale) und im Finale den Hamburger SV aus dem Weg. Mit Benfica Lissabon holte er auf Anhieb das Double, mit der Roma und Sampdoria den Pokal, wiederum mit Benfica stieß er in seiner zweiten Amtszeit bis ins Landesmeisterpokalfinale vor.

Mit Lazio holte er erst den Europapokal der Pokalsieger und ein Jahr danach das Double. Überhaupt ist Eriksson bis heute der einzige Trainer Europas, der mit drei Teams in drei verschiedenen Ligen das Double gewinnen konnte. Außerdem war er der erste Ausländer, der in Italien zum Trainer des Jahres gewählt wurde. Damals war er einer der begehrtesten Trainer des Kontinents.

Tingeltour nach Karriereknick

Eriksson war aber auch schon immer ein Wandervogel, die Episode in England aber brachte ihm auf seinen Wanderungen gehörig vom rechten Weg ab. Seitdem ist er nur noch auf einer besseren Tingeltour.

Stationen bei ManCity, als Nationalcoach von Mexiko und der Elfenbeinküste wechselten sich ab mit Engagements in den Niederungen des Fußballs: Bei Notts County (vierte Liga), Leicester City (zweite Liga) und zuletzt BEC-Tero Sasana (erste thailändische Liga). Die höchste Verweildauer: Zwölf Monate.

Und jetzt 1860 München. Die zweite deutsche Bundesliga, was zumindest in die Kategorie seiner letzten Vereinsstationen passt. Fragen wirft die Liaison trotzdem auf.

Verpflichtung wirft Fragen auf

Was will Eriksson bei einem notorisch klammen Klub in einer ihm fremden Liga? Welchen Zweck verfolgt der TSV 1860 mit der Verpflichtung des Alt-Internationalen? Haftet dem Deal zu früher Morgenstunde nicht der Beigeschmack an, im stillen Kämmerlein gegen die in Deutschland gültige 50+1-Regelung verstoßen zu haben?

SPOX-Meinung zu Hasan Ismaiks Frontalangriff auf das 50+1-Prinzip

Bei einem Poloturnier vor einigen Jahren lief Eriksson zufällig dem jordanischen Multimillionär Hasan Ismaik über den Weg. Seitdem hatten sich beide im Auge behalten. Ismaik stieg bei einem Klub in München-Giesing als Investor ein, Eriksson saß schon bald darauf zum ersten Mal auf der Tribüne der Allianz Arena.

Als es letzte Woche beim Gipfeltreffen mit den Verantwortlichen des TSV 1860 richtig krachte, zog Ismaik noch wutentbrannt von dannen. Unter anderem wurde der von ihm präferierte Eriksson - in welcher Funktion auch immer - abgelehnt. Wenige Tage später nun der Konsens. Unter sanftem Druck, wie man vermuten könnte. Immerhin drohte Ismaik damit, den Geldhahn abrupt zuzudrehen.

Die ohnehin schon verschuldeten Löwen müssen nun nicht nur ihren neuen Mitarbeiter, der sich seine Zusagen bisher immer ordentlich hat versüßen lassen, bezahlen. Sondern auch einen Weg finden, wie sie Eriksson mit Trainer Alexander Schmidt und Sportdirektor Florian Hinterberger kompatibel machen. Beide haben immerhin auch noch gültige Verträge.

Das innerbetriebliche Konstrukt bei den Löwen wird auf den ersten Blick keineswegs transparenter, eher im Gegenteil. Und mit einer Sache kann selbst Globetrotter Eriksson nicht auf Anhieb punkten: Der bald 65-Jährige spricht neben seiner Heimatsprache zwar fließend englisch, portugiesisch, italienisch und spanisch. Aber kein Wort deutsch.

Das ist der TSV München von 1860

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