Rekordsperre von sieben Monaten abgelaufen

Lewan Kobiaschwili: Alles auf Los

Von Jakob Kunz
Samstag, 05.01.2013 | 12:06 Uhr
Herthas Lewan Kobiaschwili hat seine Rekordsperre seit dem 1. Januar abgesessen
© Getty
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Lewan Kobiaschwili wurde für eine angebliche Handgreiflichkeit gegenüber Schiedsrichter Wolfgang Stark nach dem historischen Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC vom DFB-Sportgericht für über ein halbes Jahr gesperrt. Kurz darauf wurde sein Vertrag überraschend verlängert. Seit Neujahr ist die Rekordsperre abgelaufen. Doch welche Perspektiven besitzt der 35-Jährige überhaupt noch?

"Kobiaschwili ist der fairste Spieler seit dem Zweiten Weltkrieg." Diese Aussage stammt von Otto Rehhagel. Allerdings tätigte der Ex-Hertha-Coach sie nicht etwa nach dem denkwürdigen Relegationsspiel gegen Fortuna Düsseldorf, als Lewan Kobiaschwili wegen einer angeblichen Handgreiflichkeit gegen Schiedsrichter Wolfgang Stark vom DFB-Sportgericht für über ein halbes Jahr gesperrt wurde, sondern nach dessen Roter Karte gegen Bayer Leverkusen drei Spieltage vor Saisonende - übrigens der ersten in seiner langen Karriere.

Ein kurzer Zupfer am Trikot von Eren Derdiyok ließ den damaligen Bayer-Stürmer in die Lüfte abheben und brachte den Schiedsrichter dazu, Kobiaschwilli als letzten Mann vom Feld zu stellen. Das Strafmaß von zwei Spielen Sperre wollte Rehhagel hinsichtlich der durchaus strittigen Entscheidung und der anstehenden Duelle im Kampf gegen den Abstieg aber keinesfalls anerkennen und stellte sich mit einem etwas unkonventionellen Vergleich vor seinen Linksverteidiger.

Sperre: In der Bundesliga einmalig

Ganz Unrecht hatte der Altmeister nicht. In insgesamt 336 Spielen, neben Ze Roberto den meisten als Ausländer in der Bundesliga, sah Kobiaschwili nur 64 Mal die Gelbe, zwei Mal die Gelb-Rote und eben nun einmal Rot. Für einen Defensivakteur eine durchaus "magere" Bilanz, die sein Teamkollege Maik Franz nach nur 192 Liga-Partien bereits locker toppt.

Dennoch kannte die Sportgerichtsbarkeit Anfang Juni 2012 keine Gnade und verhängte gegen den Georgier eine Rekordsperre von über sieben Monaten - plus Geldstrafe in Höhe von 60.000 Euro. Eine Sanktion, deren Ausmaß in der Geschichte der Bundesliga einmalig ist. Noch nie ist ein Fußballprofi in Deutschland über einen derart langen Zeitraum vom Spielbetrieb ausgeschlossen worden.

"Habe ihn nicht geschlagen"

Kobiaschwili will bis heute von einem Faustschlag nichts wissen und beteuert seine Unschuld: "Ich habe ihn nicht geschlagen! Es war keine Absicht, ich wurde im Gedränge geschubst", rechtfertigt sich der Herthaner.

Obwohl es keine Beweise für die Tat gab, hat Kobiaschwili die harte Strafe ohne Murren akzeptiert. Man könnte es als Schuldeingeständnis werten, doch er sieht das anders: "Ich hatte keine andere Wahl. Ansonsten wäre meine Karriere vorbei gewesen. Ich wollte aber nicht, dass sie so endet. Das habe ich nicht verdient!"

Vertragsverlängerung bis 2014

Tatsächlich hätte eine solche Sperre für manch anderen Akteur in diesem Alter - der georgische Rekordnationalspieler befindet sich mit 35 Jahren im Endstadium seiner Laufbahn - das vorzeitige Aus bedeutet. Doch die Hertha zog eine überraschende Karte und verlängerte bereits kurz nach Bekanntwerden des Urteils den Vertrag des Verteidigers sogar mit Option um ein weiteres Jahr vorzeitig bis 2014.

Daraus ergibt sich zwangsläufig eine entscheidende Frage: Wieso? Denn: Welche sportliche Perspektive bietet ein 35-Jähriger, der mehr als ein halbes Jahr lang lediglich trainieren darf und auf dessen Position mittlerweile enorme Konkurrenz entwachsen ist?

Linksverteidiger Fabian Holland, von Rehhagel im Frühjahr in den Profikader befördert, hat Kobiaschwilis Auszeit genutzt, um sich als feste Größe zu etablieren. Das 22-jährige Eigengewächs ist aus dem Team von Trainer Jos Luhukay nicht mehr wegzudenken. "Fabian ist ein unglaublich positiver Junge, der für sein Alter schon sehr weit in seiner Entwicklung ist. Ich plane mit ihm langfristig auf der Position des Linksverteidigers", bestätigte der Hertha-Coach. Folgerichtig wurde auch der Vertrag des Youngsters Mitte Dezember um drei Jahre bis 2016 verlängert. Zudem steht mit Felix Bastians eine weitere Alternative für die der linke Abwehrseite bereit.

Und auch im defensiven Mittelfeld, wo der Georgier spielen kann, sind mit Peer Kluge und Kapitän Peter Niemeyer zwei Jungs vor ihm. Herthas Entscheidung, Kobiaschwili trotzdem zu halten, hat andere Gründe.

Strafe abgesessen

Er ist die Identifikationsfigur des Vereins und genießt bei Mannschaft und Fans allerhöchstes Ansehen, da in ihm der Vorzeige-Profi der "alten" Garde steckt. Kobiaschwili weiß die Entwicklung der jungen Spieler nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz durch seine Erfahrung voranzutreiben.

"Kobi ist vielleicht auch ein bisschen so ein Typ, der zwischen Startelf und Bank steht. Auch wenn er nicht spielt, kann er durch seine Erfahrung helfen", sagt Luhukay. Sinnhaft also, dass Kobiaschwili neben der Vertragsverlängerung auch die Aussicht geboten wurde, nach seiner aktiven Karriere im Nachwuchsbereich des Vereins tätig zu werden.

Doch zuvor gehört der Routinier endlich wieder zur Truppe, die den direkten Wiederaufstieg anvisiert. Seit dem Trainingsauftakt am 3. Januar darf er sich wieder als Profi wie jeder andere fühlen. Die Antriebslosigkeit, die sich in ihm breit machte und es erschwerte, täglich aufzustehen und zum Training zu fahren, hat ein Ende. "Die Geschichte hat mich unheimlich belastet. Das alles war schon brutal", so Kobiaschwili über die "schwerste Zeit meines Lebens".

Neuanfang mit 35

Mit 35 Jahren wagt Kobiaschwili also nochmal eine Art Neuanfang. Und wer weiß, gute Trainingsleistungen, Sperren und Verletzungen können immer eine neue Chance eröffnen.

Doch sollte es mit der tragenden Rolle auf dem Feld nicht mehr klappen, weiß Kobiaschwili nach der Zeit des Zuschauens seinen Beruf immerhin neu zu schätzen: "Ich weiß, dass ich in meinem Alter nicht jedes Spiel machen werde. Ich habe vielleicht noch eineinhalb Jahre, die will ich jetzt genießen. Der Fußball ist alles, was ich habe. Er ist mein Leben, das, was ich liebe."

Lewan Kobiaschwili im Steckbrief

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