Radikaler Kurswechsel bei Alemannia Aachen

Jung, mittellos, erfolgreich!

Von Thomas Jahn
Samstag, 06.11.2010 | 21:18 Uhr
Volle Kraft voraus: Aachens Trainer Peter Hyballa (r.) gibt den Weg der Alemannia vor
© Imago
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Aachens Trainer Peter Hyballa hatte bei Amtsantritt wenig Zeit, kein Geld und fand viele Baustellen vor. Dennoch formte der 34-Jährige ein junges, hungriges Team und brachte die Alemannia wieder auf Kurs. Spätestens seit der Pokalsensation gegen den großen Bruder aus Mainz schwebt der Neue Tivoli dank Hyballas "Straßenkötern" auf Wolke Sieben.

Es waren Szenen mit Symbolkraft, die sich nach dem DFB-Zweitrundenspiel zwischen Alemannia Aachen und Mainz 05 auf dem Rasen des Neuen Tivoli abspielten. Wieder einmal feierte eine Handvoll Jungprofis ausgelassen an der Eckfahne, funktionierte das Utensil zur imaginären Gitarre um und gab den Fans eine Zugabe als verkappte Boygroup.

Und wieder einmal brachen bei einem blutjungen Trainer nach der Partie alle Dämme, dessen authentische Art sich durch einen hemmungslosen Jubellauf auf den Rasen ausdrückte.

Die besagten Freizeitmusiker waren allerdings nicht Lewis Holtby, Adam Szalai und Co. und der scheinbar elektrisierte Trainer hieß nicht Thomas Tuchel. Es war Alemannia-Coach Peter Hyballa, der auf den Platz stürmte und die zugehörige Eckfahnencombo bestand aus Marco Höger, Tobias Feisthammel und Manuel Junglas. Aachen hatte den Bundesligisten mit dessen eigenen Mitteln niedergekämpft, Mainz musste eine bittere Parodie über sich ergehen lassen.

"Beide Mannschaften haben die gleiche Philosophie. Pressing und offensiv, immer hoch gegen den Ball, sehr aggressiv, giftig und gallig mit unheimlich intensiver Spielart", hatte Hyballa noch vor dem Duell erklärt. Und weiter: "Wir lieben beide die große, leidenschaftliche Fußballkultur".

In der Tat finden sich beim genauen Hinsehen zahlreiche Parallelen zwischen der Alemannia und dem klassenhöheren Seelenverwandten aus Mainz.

Das Mainz von Liga zwei

Wie sein Pendant Tuchel schaffte auch der 34-jährige Hyballa den Sprung von der Jugendarbeit in den Profizirkus. Er gibt sich am Spielfeldrand zudem ähnlich gefühlsbetont wie Tuchel. An ihr letztes Duell von 2009 können sich beide wohl noch sehr gut erinnern: Als A-Jugend-Coach von Borussia Dortmund traf Hyballa im Finale der deutschen Meisterschaft auch Tuchel und den Mainzer Nachwuchs. 05 schlug den BVB damals mit 2:1.

Ausgerechnet Jürgen Klopp hatte damals behauptet, dass Dortmund trotz besserer Einzelspieler an einem Team mit dem besseren Plan gescheitert sei.

Als Revanche oder Genugtuung deklarierte Aachens Trainer das gewonnene Pokalspiel dennoch nicht, lediglich als Bestätigung. Nichtsdestotrotz fiel der Handschlag nach dem jüngsten Pokalspiel merklich unterkühlt aus.

Inzwischen überraschen sowohl Hyballa als auch Tuchel in ihren Ligen trotz Mini-Etats mit frischem, leidenschaftlichen und erfolgreichen Fußball. Hyballa, der in Aachen erst eine Woche vor dem Vorbereitungsstart sein Amt antrat, musste sich mit den Begebenheiten abfinden.

"Der Kader stand, finanziellen Spielraum gab und gibt es kaum. Ich habe gerade mal zwei Spieler selbst verpflichtet", sagte er den "Ruhr Nachrichten".

Jugendstil fruchtet

Konsequent, aber eben auch mangels Alternativen, schenkt Hyballa fortwährend jungen Spielern wie Marco Höger, Kevin Kratz, Zoltan Stieber und Manuel Junglas das Vertrauen. Liebevoll nennt er das grünschnäblige Aachener Mittelfeld seine "20-jährige Raute" - und die sorgt ligaweit für Aufsehen. Nach einem schwachen Saisonstart zahlt sich das Vertrauen mittlerweile aus.

Mit dem jüngsten Zweitligakader holte der jüngste Zweitligatrainer zuletzt 14 Punkte aus sechs Spielen, arbeitete sich so auf Rang neun der Tabelle vor. Der vom TuS Koblenz verpflichtete Zoltan Stieber führt die Scorertabelle mit beachtlichen zehn Punkten an, ragt aus dem tadellos funktionierenden Kollektiv heraus.

Auch als unbeschriebenes Trainer-Blatt scheute Hyballa nicht davor, viele eingefahrene Trainingsmethoden selbstbewusst auf den Kopf zu stellen. Der Ball ist nun bei sämtlichen Einheiten dabei.

"Schlafmützenfußball" ist Geschichte

"Dass ich von meiner Arbeit überzeugt bin, ist ja kein Geheimnis", sagte er kürzlich im "Kicker". Diese Überzeugung scheint er auf sein Team übertragen zu können.

Auch Alemannias Geschäftsführer Erik Meijer ist das nicht verborgen geblieben. "Wir haben den Schlafmützenfußball vom letzten Jahr beiseite geschoben", attestiert der Niederländer.

"Meine Straßenköter" nennt Hyballa seine Rasselbande. Und diese scheint den Hunger des ehrgeizig-extrovertierten Trainers perfekt verinnerlicht zu haben. Die "neue" Alemannia schafft es wieder, den Tivoli mit ihrem forschen Auftreten beben zu lassen, das zuletzt kaum ausgelastete Stadion füllt sich allmählich. Die Stimmung in Aachen wirkt euphorisch und erwartungsfroh wie schon lang nicht mehr. Der eingeschlagene offensive Weg scheint sich als richtig zu erweisen.

Bei aller Euphorie will Hyballa dennoch weiter "cool bleiben und den Job machen". Denn auch er weiß, dass der Alltag ihn und seine "Straßenköter" schnell wieder einholen kann. Nämlich dann, wenn im Winter die Bundesligisten anklopfen, um seine geliebte "20-jährige Raute" auseinanderzupflücken.

Und dann, wenn sich irgendwann zwangsläufig die fehlende Beständigkeit seiner jungen Mannschaft herauskristallisiert. Nach dem zuletzt mühevoll erkämpften Sieg gegen Osnabrück trat er folgerichtig erst einmal auf die Bremse: "Gegen Mainz haben wir ja toll gespielt, gegen Osnabrück weniger. Die Jungs sind also noch nicht so weit."

Alemannia Aachen: Der Kader im Überblick

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