Uwe Rapolder im Interview

"Klinsmann ist kein Trainer"

Von Interview: Andreas Lehner
Freitag, 06.11.2009 | 14:00 Uhr
Uwe Rapolder ist seit 2007 Trainer der TuS Koblenz
© Getty
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Uwe Rapolder brachte den Konzeptfußball nach Deutschland, konnte sich in der Bundesliga aber nicht etablieren. Weil er einen großen Fehler in der Karriereplanung machte, wie er im SPOX-Interview zugibt. Der 51-jährige Fußballlehrer über seinen Einfluß auf den deutschen Fußball, die Trainer-Fähigkeiten von Jürgen Klinsmann, ein Fax für Ralf Rangnick und die Zukunft der TuS Koblenz.

SPOX: Herr Rapolder, Sie galten Mitte des Jahrzehnts als Vorreiter in Sachen Konzeptfußball. Wie Ralf Rangnick, Jürgen Klopp oder Jürgen Klinsmann galten Sie als Trainer der Zukunft...

Uwe Rapolder: Erstens muss man den Namen Klinsmann durch Löw ersetzen. Er hat bei der Nationalmannschaft die fußballerische Linie transportiert und die Inhalte vermittelt. Auf das Drumherum hatte Klinsmann großen Einfluss und das hat er auch gut gemacht. Aber Klinsmann ist ein Teammanager und kein Trainer.

SPOX: Ist er bei Bayern gescheitert, weil er keinen zweiten Löw hatte?

Rapolder: Natürlich. Zu Bayern kannst du keinen Martin Vazquez mitbringen, der den deutschen Fußball nicht kennt und auch kein ausgewiesener Fußballfachmann ist. Da musst du einen holen, der die Mannschaft taktisch und in der methodischen Arbeit weiterbringt und ihr eine Handschrift verpassen kann.

SPOX: Warum trainieren Rangnick und Klopp jetzt Bundesliga-Spitzenteams und Sie "nur" in der 2. Liga?

Rapolder: Karriereplanung ist hier das entscheidende Wort. Da habe ich einen Fehler gemacht. Klopp hat Geduld gehabt, weiter in Mainz trainiert, nebenbei noch den TV-Bundestrainer gemacht und ist dann zum BVB gewechselt. Das war topp! Rangnick hatte mit Schalke den Sprung ganz nach oben geschafft. Er ging dann für Hoffenheim zurück in die Regionalliga, was hundertprozentig zu ihm gepasst hat. Er wusste, dass er seine konzeptionelle Strategie umsetzen kann, das nötige Geld, die nötige Ruhe und die nötige Rückendeckung vorhanden ist. Bisher hat er das hervorragend durchgezogen.

SPOX: Sie dagegen wechselten nach Köln.

Rapolder: Ja, das war ein großer Fehler. Ich hatte viele Angebote und habe mich für den 1. FC Köln entschieden - einen Aufsteiger. Das war die falsche Abbiegung. An der Qualität der drei Trainer hat sich bis heute nicht viel verändert.

SPOX: Sie würden sich heute also anders entscheiden?

Rapolder: Ganz klar. Ich hatte 2005 Angebote von Großvereinen wie Stuttgart oder Leverkusen. Das Problem war, dass ich in Ahlen aus der Wohnung musste und in Bielefeld noch ein Jahr unter Vertrag stand. Leverkusen hat mir angeboten, ein Jahr zu warten und für 2006 zu unterschreiben. Andere Vereine haben gesagt, wenn sie ihren Trainer entlassen, soll ich von meiner Ausstiegsklausel Gebrauch machen und dann kommen. Meine Frau hat gesagt: 'Das machen wir nicht. Du kannst nicht ein Vierteljahr nach Bielefeld und dann wieder woanders hin. Unsere Kinder sind schulpflichtig. Entweder jetzt wechseln oder in Bielefeld bleiben.' Dann kam Wolfgang Overath und ich habe in Köln unterschrieben. Das war ein entscheidender Fehler.

SPOX: In Köln konnten Sie Ihre Philosophie nie durchsetzen, auch weil Ihnen der Heldenstatus von Lukas Podolski in die Quere kam.

Rapolder: Erstens gibt es auch in Deutschland Vereine, die wissen, dass ein Trainer Zeit braucht, um etwas aufzubauen. Zweitens gibt es Typen und Stars, die sehr teamorientiert spielen. Drittens müssen die Spieler gemeinsame Ideen und Ziele umsetzen. Was die privat machen, ist doch mir wurscht. Ich denke besonders an Matthäus, Effenberg oder jetzt Ballack, die sich immer in den Dienst der Mannschaft gestellt haben. Mit Podolski hatte ich übrigens kein so schlechtes Verhältnis, wie es immer wieder dargestellt wird. Es hieß eben: Wenn Köln verliert und Lukas spielt, kann der Trainer nichts sein.

SPOX: Werden Sie deshalb nie als Trainerkandidat gehandelt, wenn mal wieder irgendwo einer entlassen wird?

Rapolder: Ich habe kein gutes Image in der Öffentlichkeit. Da heißt es immer: Rapolder, aufpassen! Dabei habe ich viele Dinge in Deutschland initiiert. Das Vertikalspiel zum Beispiel. Als ich noch in Bielefeld war, hat mich Ralf Rangnick angerufen, ob ich ihm die Übungen fürs Vertikalspiel faxen kann. Als ich beim DFB mal nachgefragt habe, wie es mit der Viererkette aussieht, da wurde ich ausgelacht. Heute spielt jeder die Viererkette. Was den methodischen Aufbau betrifft, war ich schon sehr weit vorne.

SPOX: Also müssten Sie eigentlich einen Top-Klub in der ersten Liga trainieren?

Rapolder: Jeder Trainer hat das Ziel, einen Top-Verein zu trainieren. Ich hatte leider noch nicht die Chance dazu. Köln war zu meiner Zeit alles andere als ein Großverein. Aber ich weiß auch, dass Fußball ein Job ist, in dem man Ziele erreichen muss. Bei mir setzt jetzt auch eine gewisse Altersweisheit ein, so dass ich mit der ganzen Situation recht locker umgehen kann.

SPOX: Bleiben Sie deshalb auch so ruhig, obwohl die TuS auf einem Relegationsplatz liegt?

Rapolder: In diesem frühen Zeitpunkt der Saison macht mir das nur wenig Sorgen. In der 2. Liga werden die Karten in der Rückrunde immer neu gemischt. Freiburg hatte in der Saison 2006/07 zu Weihnachten 19 Punkte, am Schluss 60 und wäre fast noch aufgestiegen, obwohl ich mich nicht mit dem SC vergleichen will. Allerdings sollten Mannschaften wie Cottbus, 1860, Karlsruhe oder Rostock, die jetzt unmittelbar vor uns stehen, nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Da müssen wir schon aufpassen, den Anschluss nicht zu verlieren.

SPOX: Warum hat die TuS erst neun Tore erzielt und neun Punkte geholt?

Rapolder: Wir haben zu wenig Durchschlagskraft in der Offensive, neben Shefki Kuqi haben wir keinen torgefährlichen Spieler. Außerdem können wir unsere Leistung zu selten über 90 Minuten durchhalten. In den letzten 21 Spielen konnten wir kein einziges 'zu Null' halten. Das ist natürlich ein riesiges Problem. Wir kassieren meistens nicht viele Gegentore, aber das reicht, weil wir vorne zu wenig machen.

SPOX: Die neun Saisontore verteilen sich auf nur zwei Spieler - Shefki Kuqi und Benjamin Lense. Letzterer ist Innenverteidiger.

Rapolder: Vor allem aus dem Mittelfeld kommt zu wenig. Immerhin sind mit Emanuel Krontiris und Njazi Kuqi zwei Spieler zurück, die letztes Jahr zusammen 14 Tore geschossen haben. Spieler wie Melinho, Stieber, Hartmann und Müller müssen aber mehr Torgefahr ausstrahlen.

SPOX: Was erwarten Sie sich in diesem Zusammenhang von Ervin Skela?

Rapolder: Ervin ist nicht gerade ein klassischer Torjäger. Aber er wird unsere Spielstruktur stabilisieren. Er beherrscht das Vertikalspiel, klatschen lassen und nachgehen. Außerdem kann er den Ball in die Schnittstelle legen, so dass wir uns mehr Torchancen herausspielen und als Folge auch mehr Tore erzielen werden.

SPOX: An Skela zeigte auch Ewald Lienen Interesse. Was sagen Sie zu den Vorwürfen, Skela hätte 1860 München nur benutzt, um seinen Wert für die TuS zu steigern?

Rapolder: Das stimmt überhaupt nicht. Wir hatten schon im Sommer Kontakt mit Ervin, konnten ihn damals aber nicht bezahlen. Erst durch das Erreichen des Achtelfinals im Pokal und den neuen Trikotsponsor haben sich unsere finanziellen Möglichkeiten verbessert, so dass er jetzt den Vertrag hat, den er im Sommer wollte. Außerdem ist er von unserem Konzeptfußball überzeugt. Das kommt seiner Spielweise entgegen und hilft ihm auch bei seiner späteren Karriere im Fußball.

SPOX: Koblenz spielt seine vierte Saison in der 2. Liga. In der Saison 2007/08 hatten Sie mit 47 Punkten (ohne Punktabzug) das beste Resultat. Ist für einen Verein wie die TuS Koblenz überhaupt mehr möglich?

Rapolder: Ich habe Koblenz 2007 vorm Abstieg gerettet, dann war Euphorie da und wir haben einen Vierjahresvertrag unterzeichnet mit der Zielsetzung nach oben. Seitdem haben wir aber jedes Jahr den Etat abgesenkt, fürs Stadion wird Geld gebraucht und auch für die Infrastruktur. Unser Sportetat beträgt nur sieben Millionen Euro. Das ist unteres Niveau in der 2. Liga. Da kann nur der Nichtabstieg das Ziel sein.

SPOX: Wie kann man die TuS langfristig nach oben bringen?

Rapolder: Die anderen Teams haben ganz andere Möglichkeiten. Trotzdem können wir mit unserem Konzeptfußball erfolgreich sein, aber um ganz nach oben zu kommen, wird es schwierig. Als ich vor 10 Jahren bei Waldhof Mannheim Trainer war, war es einfach aufzusteigen, aber jetzt ist es schon richtig schwer. Wir müssen schauen, dass wir mehr Geld durch Marketing und Sponsoring erwirtschaften. Mit den momentanen Verhältnissen können wir nicht aufsteigen.

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