(K)Eine Randerscheinung

Von Stefan Rommel
Dienstag, 01.07.2014 | 10:03 Uhr
Daniel van Buyten spielt für Belgien sein letztes großes Turnier
© getty
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Im Hype um die vielen Jung-Stars geht Daniel van Buyten bei den Roten Teufeln fast unter. Der Routinier wirkt bei seinem letzten Turnier ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Dabei ist er für Belgien vor dem Achtelfinale gegen die USA (22 Uhr im LIVE-TICKER) so wichtig wie selten zuvor.

Die Tränen kullerten mit der Ankunft des weißen Kastenwagens. Oma Francine ist 80 Jahre alt und Fan der belgischen Nationalmannschaft, die bei Oma Francine Diables Rouge heißen und nicht Rode Duivels. Francine ist Wallonin aus dem französisch sprechenden Teil Belgiens. Aber das ist in Bezug auf die Nationalmannschaft eigentlich kein großes Thema mehr.

Die rüstige Rentnerin jedenfalls hat Post bekommen von ihren Roten Teufeln und eine Botschaft. Sie hatte der Mannschaft davor zahlreiche nette Grüße und Briefchen zukommen lassen, also antwortete Eden Hazard mit einer elektronischen Videogruß und einem signierten Trikot.

Die Mannschaft und ihre Fans sind eins, das soll diese Episode wohl belegen. Das war nicht immer so. Genau genommen gab es Zeiten, da war nicht einmal die Mannschaft als solche eine geschlossene Einheit. Der Konflikt zwischen Wallonen und Flamen erstickte jegliches Talent im belgischen Team bereits im Keim.

Seit fast 13 Jahren dabei

Das ist noch gar nicht so lange her und erst Trainer Marc Wilmots ist es letztlich gelungen, die beiden Lager zu befrieden und vereinen. Sechs Endrunden verpassten die Roten Teufel, insgesamt zwölf Jahre lang hatte es Belgien vor der WM nicht mehr zu einem großen Turnier geschafft.

Das letzte Mal war 2002 in Japan und Südkorea. Daniel van Buyten war da bereits dabei. Als er sein erstes Länderspiel bestritt, im November 2001, wurden einige seiner aktuellen Teamkollegen gerade eingeschult.

Daniel van Buyten fällt aus dem Rahmen dieser Mannschaft. Er ist der mit Abstand älteste Spieler im Kader, könnte mit seinen 36 Jahren der Vater der Teenager Adnan Januzaj oder Divock Origi sein, beide erst 19 Jahre alt.

22 der 23 belgischen WM-Fahrer sind das Produkt einer gezielten Nachwuchsförderung, erst mit der systematischen Umstellung der Ausbildungsmodule hat der Königlich Belgische Fußballbund die Weichen in jene Zukunft gestellt, die bei dieser WM bereits Erfolge in der Gegenwart liefern soll. Van Byuten ist die Ausnahme, die die Regel erst bekräftigt.

Kariereende nach der WM?

Als er vor 17 Jahren bei Sporting Charleroi den Sprung zu den Profis schafft, ist er ein erfolgreicher Stürmer. 36 Tore in einer Saison im Reserveteam reichten als Empfehlung. Ein paar Wochen später wurde der 1,97 Meter große Van Buyten aber plötzlich ins Abwehrzentrum verpflanzt. Größer konnte der Kulturschock selbst zur damaligen Zeit kaum sein. Heute ist so ein Szenario fast ausgeschlossen.

Einige seiner Kollegen in der Nationalmannschaft gehören auf ihren Positionen zu den begehrtesten Spielern der Welt, erreichen Marktwerte von 40 oder 50 Millionen Euro. Ihre Zukunft im roten Trikot schimmert rosig.

Daniel van Buyten wird nach dieser Weltmeisterschaft seine Karriere in der Nationalmannschaft beenden und womöglich sogar ganz aufhören mit dem Profi-Fußball. Sein Marktwert liegt bei rund einer Million, beim FC Bayern München hat er für die kommende Saison keinen neuen Vertrag erhalten.

"In der Nationalelf werde ich nach der WM wohl nicht weitermachen. Alles andere wird man sehen", sagt van Buyten. "Ich werde mir alles anhören und dann werde ich schauen, wie es weitergeht. Ich gehe auf die 37 zu und wollte mehr Zeit für die Familie haben, auch weil mein Vater schwer krank war. Vielleicht gibt es einen Verein, bei dem ich mehr Zeit habe, aber das muss man abwarten."

Acht Jahre FCB, zehn große Titel

Bei den Bayern spielte er acht Jahre, wurde je viermal Deutscher Meister und Pokalsieger, gewann die Champions League und den Weltpokal. In der öffentlichen Wahrnehmung flog er immer ein wenig unter dem Radar, stets wurden ihm neue Konkurrenten vor die Nase gesetzt. Breno, Badstuber, Boateng, Dante, Martinez. Gespielt hat van Buyten trotzdem immer, erst in den letzten beiden Spielzeiten wurde er immer mehr in den Hintergrund gedrückt.

Dass er es in München überhaupt so lange wird aushalten können, damit hatten nur die wenigsten gerechnet. Eine Zeit lang schien seine Stellenbeschreibung "Dolmetscher und ziemlich bester Freund von Franck Ribery" vorzusehen. Natürlich war er für den frisch zu den Bayern gewechselten Ribery ein Fixpunkt, zumal sich der Franzose in seiner Anfangszeit mit der neuen Sprache und den Gepflogenheiten der bajuwarischen Kultur nur wenig Mühe gab.

"Daniel hat mir in allen Bereichen geholfen. Daniel ist ein Mensch, auf den man sich immer verlassen kann, das ist sehr wichtig", sagt sein Kumpel Ribery. Van Buyten war bei den Bayern schnell für mehr zuständig als grätschen, köpfen, Tore verhindern.

In der Mannschaft hatte sein Wort er auf Grund seiner natürlichen Autorität und trotz vieler vermeintlicher Welt-Stars Gewicht. Seine integrative Art und seine Professionalität, mit der er auch persönliche Rückschläge wegstecken konnte, waren für alle seine Trainer wichtige Faktoren im Zusammenspiel einer Profimannschaft.

Kein Kommentar zur Nationalmannschaft

Dass sein Wert für die Mannschaft von den Medien nur selten richtig eingeschätzt wurde, war für "Van Bolzen", wie er auf Grund seiner bisweilen rustikalen Art wenig charmant genannt wurde, bei den Bayern kein Problem. In der Nationalmannschaft dagegen schon. Einige Jahre legte er sich selbst eine Art Schweigegelübde auf. Van Buyten gab freundlich und gewillt Auskunft, so lange die Sprache nicht auf die Roten Teufel kam. Dann war das Gespräch jäh beendet.

Besonders in der Heimat wurde der Wallone von Teilen der flämischen Presse hart attackiert. Van Buyten hat das registriert und auf seine Art darauf geantwortet. Als einer der wenigen Konstanten in einer damals darbenden Nationalmannschaft und als ehemaliger Kapitän stand er immer besonders heftig im Sturm der Entrüstung, wenn Belgien wieder einmal die Qualifikation für ein großes Turnier vermasselt hatte.

Vergessen und vorbei. Längst hat er seinen Frieden gemacht mit jenen, die ihn gerne verteufelt hatten. Bei seinem letzten Auftritt auf der ganz großen Bühne hat er bislang alle Spiele bestritten, von der ersten bis zur letzten Minute. Und er war in Belgiens Defensivverbund der bisher zuverlässigste Akteur. Ein bisschen traurig ist er schon, dass er jetzt, wo sich Belgien im Kreis der besten Mannschaften Europas und vielleicht sogar der Welt zurückgemeldet hat, aufhören wird.

Van Buyten genießt die letzten Tage

Bis dahin genießt er aber die Zeit. "Es macht mir unheimlich viel Spaß mit dieser jungen Mannschaft", sagt er. Dass Belgien nach den teilweise überzogenen Vorschusslorbeeren bislang noch nicht so recht überzeugen konnte, ist für Van Buyten normal. "Natürlich spielen wir nicht den schönsten Fußball, und wir bieten vielleicht auch kein Spektakel - aber es funktioniert. Wir haben eine gute Balance."

Oft ist es im Leben so, dass man die Dinge erst so richtig wertschätzen lernt, wenn sie nicht mehr da sind. Bei Daniel van Buyten und der belgischen Nationalmannschaft könnte das ähnlich sein.

Die flämische Zeitung "Het Nieuwsblad", die Van Buyten stets besonders kritisch gegenüberstand, hat jüngst eine Liste jener Belgier veröffentlicht, die in der deutschen Bundesliga besondere Spuren hinterlassen haben.

Marc Wilmots ist unter den Top drei, Jean-Marie Pfaff auch. Beide haben es aber nicht auf Platz eins geschafft. Da steht Daniel van Buyten.

Belgien: Kader, News, Spiele

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