Lehrgeld bis zum bitteren Ende

Von Daniel Reimann
Mittwoch, 12.03.2014 | 15:19 Uhr
Youngster Marquinhos (r.) mit seinen Star-Kollegen Zlatan Ibrahimovic und Co.
© getty
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Als einer der teuersten Innenverteidiger aller Zeiten soll Marquinhos das "andere" Paris Saint-Germain symbolisieren. Doch in seiner Debütsaison landet der Brasilianer schnell auf dem Boden der Tatsachen. Zum Glück spielt sein wichtigster Lehrer neben ihm - sogar bei der WM?

"Wir wollen nicht Lionel Messi verpflichten, sondern in die großen Stars von morgen investieren." Worte von Nasser Al-Khelaifi aus dem Jahr 2011. Im Interview mit "L'Equipe" erläuterte der Scheich und PSG-Präsident so die Transferstrategie von Paris Saint-Germain.

Messi wurde bis heute nicht geholt. Dafür aber haufenweise gestandene Hochkaräter wie Zlatan Ibrahimovic, Thiago Silva oder Edinson Cavani. Stars von morgen? Sie alle waren längst Superstars, bevor sie zu PSG wechselten. Besonders konsequent setzte Al-Khelaifis seine Vorgabe nicht um.

Doch es gibt auch einzelne Talente, die jene "andere" Seite von Paris symbolisieren. Eines davon ist Marquinhos. Wenngleich sein Transfer bewies, dass Paris nicht nur für etablierte Ausnahmefußballer sondern auch für vielversprechende Youngster exorbitante Summen zu zahlen bereit ist, wenn sie sich ihrer Sache sicher sind.

In den Sphären von Thuram, Silva und Ferdinand

Marquinhos wurde vergangenen Sommer nach nur einer Saison in Europa, wo er in 30 Spielen bei der Roma für Aufsehen sorgte, für sagenhafte 35 Millionen Euro verpflichtet. Mit 19 Jahren war er der viertteuerste Innenverteidiger der Fußballgeschichte.

Finanziell spektakulärer waren nur die Transfers von Rio Ferdinand zu Manchester United (46 Millionen), Thiago Silva zu PSG (42 Millionen) und Lilian Thuram zu Juventus (41,5 Millionen). Geht es um Wunschspieler, macht der Scheich keine halben Sachen.

Auch Manchester United und der FC Barcelona sollen am Brasilianer interessiert gewesen sein. Doch als Al-Khelaifi den Geldbeutel öffnete, zog sich die Konkurrenz wehrlos zurück. Und Al-Khelaifi verkündete stolz: "Der Transfer von Marquinhos, einem zukünftigen Star, unterstreicht den Plan des Vereins, einen der größten Klubs Europas zu schaffen."

Aushängeschild für Nachhaltigkeit

Der 19-Jährige ist das Aushängeschild des Vereins, um den Wunsch nach Nachhaltigkeit beim französischen Hauptstadtklub zu symbolisieren. Gepaart mit der gewaltigen Ablösesumme eine große Bürde für Marquinhos. Dabei ist das Jungtalent noch weit davon entfernt, eine dieser Bürde entsprechende Rolle bei PSG einzunehmen. Marquinhos hat gezeigt, dass er noch einiges zu lernen hat.

Zwar ist der Brasilianer eines der größten Talente seiner Zunft und beeindruckt durch sein cleveres Zweikampfverhalten und eine tolle Antizipationsgabe. Doch demgegenüber stehen sein zwangsläufiger Mangel an Erfahrung, Nervosität und die fehlende Wettkampfhärte.

Am deutlichsten wurden diese Faktoren beim 2:2 in Saint-Etienne, als der Youngster gleich beide Gegentore verschuldete. "Ich habe großartige Spiele gemacht, ich habe Tore geschossen, aber Feler passieren leider auch. Der Fehltritt gegen Saint-Etienne hat mich traurig gemacht", erzählt Marquinhos im Nachhinein.

Doch der 19-Jährige will sich von öffentlicher Kritik nicht verrücktmachen lassen. Er schien zu ahnen, dass er in seinem Debütjahr bei PSG gnadenlos Lehrgeld bezahlen wird. "Ich versuche die Kritik aufzunehmen, um mich als Spieler weiterzuantwickeln. Ich weiß, dass ich erst 19 Jahre alt bin. Ich habe noch viel zu lernen und ich muss aus meinen Anlagen das beste machen: Ruhig bleiben und bis zum bitteren Ende fighten."

"Er wird noch mehr Fehler machen"

Das tat Marquinhos auch, als ihn unmittelbar nach dem Wechsel zu PSG eine Virusinfektion kaltgestellt hatte und er den Teamkollegen bei der Saisonvorbereitung zusehen musste: "Ich hatte eine schwierige Zeit mit dieser Krankheit", gibt er zu und richtet seinen Dank vor allem an eine Person: "Laurent Blanc war einer der ersten, die mich anriefen und mit mir sprachen. Er sagte mir, ich solle ruhig bleiben und mich gut erholen. Das werde ich ihm nie vergessen."

Blanc kümmert sich besonders um seinen Schützling und verteidigt ihn gegenüber dessen Kritikern: "Er wird noch mehr Fehler machen. Er ist erst 19 und hat noch viel zu verbessern", stellte der Franzose klar. Und dafür könnte es für ihn kaum ein besseres Umfeld geben.

Bei PSG ist der Brasilianer von Landsmännern umringt. Neben seinen Abwehrkollegen Thiago Silva, Alex und Maxwell kicken noch Supertalent Lucas Moura und Halbbrasilianer Thiago Motta für Paris. Besonders sein Innenverteidiger-Pendant Silva dient dem Youngster als wichtigste Bezugsperson.

"Er ist mein Vorbild, mein Idol", verrät Marquinhos. "Er bedeutet mir und dem Team sehr viel. Er ist unser Kapitän, der Boss auf dem Feld und in der Kabine."

Thiago als Lehrer - auch bei der WM?

Thiago selbst prophezeit seinem Nebenmann eine "große Zukunft". Marquinhos erwecke mit seinen 19 Jahren sein Eindrück, "als wäre er 28. Er hat alle Voraussetzungen für eine super Karriere."

Seine Karriere könnte noch in diesem Sommer einen gewaltigen Schub erhalten. Im vergangenen Herbst wurde er zum ersten Mal in den Kader der brasilianischen Nationalmannschaft berufen und gab beim 5:0 gegen Honduras sein Debüt. Der Traum von der WM im eigenen Land lebt.

"Mit 20 Jahren bei der Weltmeisterschaft dabei zu sein, wäre unglaublich", sagt Marquinhos. Spätestens seit seiner Selecao-Premiere gehört er auf jeden Fall zum erweiterten Kandidatenkreis.

Ob er reif genug für das absolute Top-Level ist, bleibt fraglich. Sicher ist jedoch: Er könnte bei der WM nochmals gewaltig dazulernen. Und seinen Lehrer Thiago Silva hätte er praktischerweise auch im Nationalteam an seiner Seite.

Marquinhos im Steckbrief

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