Franck Ribery: Zwei Welten

Freitag, 15.11.2013 | 10:56 Uhr
Franck Ribery fehlt in Frankreich die Anerkennung, die er in Deutschland genießt
© getty
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Franck Ribery befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere und ist beim FC Bayern ein Superstar. In seiner Heimat Frankreich muss er weiter um Anerkennung kämpfen. Der Titel des Weltfußballers würde ihm helfen. Die Playoffs gegen die Ukraine (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) sind mindestens genauso wichtig.

Der 13. Januar 2014 ist ein wichtiges Datum in der Karriere von Franck Ribery. Der Fußball-Weltverband FIFA vergibt an diesem Tag im Züricher Kongresshaus den Ballon d'Or für den Weltfußballer 2013.

Nachdem Ribery schon als bester Spieler Europas ausgezeichnet wurde, entscheidet sich in den kommenden Wochen, ob sich der Franzose auch in der Abstimmung von Nationaltrainern, Kapitänen und Journalisten gegen Lionel Messi, Cristiano Ronaldo, Zlatan Ibrahimovic und Co. durchsetzen kann.

Platz auf dem Kamin

Im Hause Ribery sind sie jedenfalls zuversichtlich, dass zu den vielen Trophäen bald eine weitere hinzukommen wird. "Auf dem Kamin im Wohnzimmer" werde der goldene Ball im erhofften Fall dann stehen, verriet Ribery der "L'Equipe". Seine Frau habe schon alles vorbereitet. "Ich versuche, nicht permanent daran zu denken. Aber meine Frau, ja, sie denkt wirklich oft daran."

Einen Kopf macht sich Ribery auf jeden Fall nicht ob der Wahl, die für ihn so bedeutend sein könnte. Die Suche nach dem Weltfußballer ist für ihn keine Belastung, seine Leistungen im Trikot des FC Bayern sind Spiel für Spiel auf außerordentlichem Niveau.

Ribery garniert Bayerns Kader

Der FC Bayern hat eine herausragende Mannschaft zusammengestellt mit vielen klasse Spielern, garniert wird diese Truppe aber vom Individualismus' Riberys.

Seine Stärke im Eins-gegen-eins löst schwierige Situationen, seine Qualitäten als Vorbereiter helfen Spielern wie Mario Mandzukic und Thomas Müller und spätestens in der vergangenen Saison hat er gelernt, dass er der Mannschaft noch mehr hilft, wenn er auch defensiv mitarbeitet.

In der Form seines Lebens

Zuletzt hat er auch noch vermehrt das Toreschießen für sich entdeckt. Noch nie hatte er zu einem so frühen Zeitpunkt so viele Treffer auf dem Konto wie in dieser Spielzeit. "Das Kommen von Guardiola hat sicher dazu beigetra­gen, meine Lust, Tore zu erzielen, zu steigern", erklärt Ribery. "Im Training sagt er mir oft, dass ich schießen soll statt zu passen. Im Vergleich zum letz­ten Jahr mache ich nun noch mehr den Unterschied aus."

Ribery sieht sich auf dem Gipfel, in der Form seines Lebens. Die Fans in München lieben ihn ohnehin für all seine Eigenschaften. Kaum ein Spieler genießt bei den Anhängern den Status des Franzosen, der 2007 von Olympique Marseille an die Isar übersiedelte, nicht einmal Eigengewächse wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Thomas Müller.

Liebe auf den ersten Blick

Es war Liebe auf den ersten Blick. Schon als er sich das erste Mal das rote Trikot überstreifte, in einem Freundschaftsspiel bei Lahms Heimatklub FT Gern, flogen ihm die Sympathien zu. Ribery sorgte mit ein paar spielerischen Einlagen und Gesten Richtung Publikum sofort für Nähe. Die ist seitdem geblieben.

Seine offensive, draufgängerische Spielweise kommt bei den Leuten an. Auch seine Vorliebe für Streiche mit seinen Kollegen. Das reicht von Kleinigkeiten wie Zahnpasta auf Türklinken und Duschen mit Wassereimern bis hin zu unangenehm riechenden Fischen im Kofferraum eines Autos.

Ribery hat über die Jahre beim FC Bayern - von der Zeit unter Louis van Gaal abgesehen - seinen Schalk nie verloren, ist aber trotzdem zu einem ernsthaften Spieler und zu einer Führungsfigur gereift.

Bayern-Familie schützt Ribery

Natürlich gab es auch Dellen in seiner Leistungskurve und kritische Phasen. Sein Handgemenge mit Robben in der Kabine, das der Niederländer mit einem Veilchen bezahlte. Seine voreilige Auswechslung in der Verlängerung des Champions-League-Finals 2012, die nicht alle Fans nachvollziehen konnten. Und sein Drängen auf einen Wechsel zu Real Madrid 2009. Damals glaubte er nicht daran, dass er mit Bayern einmal die Champions League gewinnen oder gar Weltfußballer werden könnte.

Heute sagt er über den goldenen Ball: "Ich bin drauf und dran, es zu schaffen. Und sollte es tatsächlich gelingen, weiß ich, dass mich die Bayern so stark gemacht haben."

Ribery hat in schwierigen Phasen gemerkt, dass die viel beschriebene Bayern-Familie nicht nur eine Worthülse ist. Die Verantwortlichen in München "sind ehrlich und den Spielern sehr nahe. Sie sind da, wenn man sie braucht. In anderen Klubs hat man das nicht." Vor allem Uli Hoeneß hat Ribery immer wieder gegen alle Widerstände verteidigt.

Zidanes Erbe und das Fiasko von Knysna

Gegenwind spürt er vor allem in seiner Heimat. Jahrelang wurde ihm vorgeworfen, die Leistungen, die er beim FC Bayern abrufe, zeige er für Frankreichs Nationalteam nicht. Ihm fehle es an Biss, Leidenschaft und Identifikation.

Ribery gehörte zu den Schuldigen für den schleichenden Abstieg nach der Ära von Zinedine Zidane. Die Franzosen hatten ihn als Nachfolger Zizous auserkoren, dabei aber übersehen, dass beide völlig andere Spielertypen und Charaktere waren.

Dann kam die WM 2010 in Südafrika und das "Fiasko von Knysna", wie es die Franzosen nennen. Ribery galt als einer der Rädelsführer der Revolte gegen Nationaltrainer Raymond Domenech, er wurde nach dem Turnier vom Verband für drei Spiele suspendiert.

Parallelwelt in Frankreich

Frankreichs Sportministerin meinte sogar, Ribery dürfe nie wieder für die Equipe Tricolore auflaufen. Erst im März 2011 wurde er wieder nominiert, bei seiner Einwechslung gab es Pfiffe.

Dazu kam die Affäre mit einer minderjährigen Prostituierten, die weiter an seinem Image kratzte.

In München ein Held, in Frankreich ein Geächteter. Ribery bewegte sich zwischenzeitlich in zwei Welten.

Das letzte Stücken Anerkennung

Auch wenn sich die Situation entspannt hat, noch immer stehen ihm viele Franzosen kritisch gegenüber. "Ich könnte schon etwas mehr Unterstützung gebrauchen", sagt er im Hinblick auf die Weltfußballerwahl. "Ich habe den Eindruck, dass die Leute in Frankreich Messi und Ronaldo mir vorziehen."

Die Playoff-Duelle gegen die Ukraine gewinnen durch die Geschichte noch mehr Bedeutung für Ribery. Die Franzosen erwarten von ihm, dass er das Land mit großen Leistungen zur WM führt und damit teilweise Wiedergutmachung leistet.

Trainer Didier Deschamps stärkt ihm immer wieder öffentlich den Rücken, bezeichnet ihn als "Schlüsselspieler" und "Lokomotive" des Teams. "Franck wurde ja nicht von ungefähr zu Europas Fußballer des Jahres gewählt und hat gute Chancen, Weltfußballer zu werden", sagte Deschamps. Für Ribery geht es dabei um das letzte Stückchen Anerkennung, das ihm in seinen beiden Welten noch fehlt.

Franck Ribery im Steckbrief

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