Trümmer einer verhängnisvollen Ehe

Von Andreas Lehner
Freitag, 18.06.2010 | 11:10 Uhr
Die französische Nationalmannschaft: Einig bei der Nationalhymne?
© Getty
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Frankreichs Fußball liegt am Boden. Der Trainer wird in der Heimat gehasst und den Spielern fehlt es an Charakter. Auch der Verband muss sich kritische Fragen gefallen lassen.

Wer geglaubt hatte, die Pointe des Abends schon auf dem Spielfeld gesehen zu haben, der täuschte sich. Raymond Domenech, Trainer der französischen Nationalmannschaft, saß auf dem Podium des Pressesaals zur Beantwortung der vielen Fragen, die das erneut desaströse Spiel seiner Mannschaft aufgeworfen hatte. Den Kopf hatte er auf seine rechte Hand gestützt.

Würde man die Vorgeschichte nicht kennen, könnte man ihn mit Rodins Denker vergleichen. Aber man würde der bekanntesten Skulptur der Moderne und seinem Schöpfer Auguste Rodin Unrecht tun. Denn es blieb offen, was Domenech dachte. "Ich bin sehr betroffen, ich habe keine Analyse", sagte er. Und: "Ich weiß in diesem Moment nicht, was ich meinen Spielern sagen werde."

Überall Ratlosigkeit

Spricht so ein Trainer einer Mannschaft, die an einer WM teilnimmt und noch kleine Restchancen auf das Erreichen des Achtelfinals hat? Wohl eher nicht. So spricht ein Mann, dessen Zeit abgelaufen ist - und das schon vor langer Zeit.

Domenechs Auftritt vor der internationalen Presse war die Bestätigung der völligen Ratlosigkeit, die er auch schon während der 90 Minuten auf dem Platz in Polokwane ausstrahlte und seine Mannschaft auf dem Rasen fortführte.

Wobei es sich fast verbietet bei dieser Ansammlung von Spielern, die in ihren Vereinen auf höchstem internationalem Niveau spielen, von einer Mannschaft zu sprechen.

Ein Trauerspiel in blau

Enthusiasmus, Engagement und Esprit - all das strahlten nur die Mexikaner aus. Die Franzosen zeigten sich zwar zu Beginn etwas williger und spielfreudiger als gegen Uruguay. Aber dieser Eindruck verblasste schnell.

Frankreich vs. Mexiko: Die Analyse

"Ich bin enttäuscht, denn Frankreich hatte nicht einen einzigen Schuss auf das gegnerische Tor. Das ist das Mindeste, was man erwarten kann", sagte Zinedine Zidane, dessen Worte in Frankreich schon ein ähnliches Gewicht haben wie hierzulande die von Franz Beckenbauer. "Das bessere Team hat gewonnen. Frankreich hat nicht gut gespielt. Mexiko war vor allem physisch in ausgezeichneter Verfassung."

Das heißt im Umkehrschluss natürlich auch, dass Frankreich dies nicht war. Es war ein Trauerspiel, Akteuren wie Bacary Sagna und Patrice Evra zusehen zu müssen, wie sie sich von ihren Gegenspielern ohne die ihnen sonst eigene Dynamik und Willenskraft vorführen ließen.

Gehasster Trainer, charakterlose Spieler

Frankreich ließ sein Schicksal über sich ergehen. Zum einen, weil es einen Trainer hat, der von den Fans und Medien im eigenen Land gehasst wird, sich von den Spielern längst entfernt hat und mit seiner verschrobenen Art der Welt entrückt wirkt.

Zum anderen, weil es Spieler hat, die sich der Größe und der Chance einer Weltmeisterschaft sowie ihrer Repräsentationskraft in der ganzen Welt nicht bewusst sind. Sie konnten und wollten das Wohl der Grande Nation nicht über ihre Egos stellen. Das Resultat war ein zerstrittener Haufen, der sich auf und abseits des Platzes nichts zu sagen hatte.

"Von offizieller Seite werden Lügen und plumpe Propaganda über eine brüderliche und harmonische Atmosphäre verbreitet: die kleinen Männer in den Trikots hätten sich lieb und werden getragen vom Willen die heilige Mission zu erfüllen. Wenn man weiß, dass sich Ribery mit Gourcuff so gut versteht wie zwei Cliquen-Anführer in einem Gymnasium, dann darf man diese Propaganda einfach nicht glauben", schrieb die größte französische Sporttageszeitung "L'Equipe" bereits vor dem Spiel in ihrem Leitartikel. Am Montag machte das Blatt mit der Überschrift "Les Imposteurs" (die Betrüger) auf.

Zidane: "Ich bin anderer Meinung"

Domenech verzichtete gegen Mexiko auf Gourcuff und stellte Ribery ins Zentrum, wo sich der Bayern-Star noch nie richtig heimisch fühlte.

"Der Trainer hat die Entscheidung so getroffen, aber ich bin anderer Meinung", sagte Zidane zu Gourcuffs Degradierung. Es gibt nicht wenige, die den Spielmacher von Girondins Bordeaux als Nachfolger von Zizou im Zentrum des französischen Spiels sehen.

So auch der künftige Coach der Equipe Tricolore, Laurent Blanc, der Gourcuff schon in Bordeaux trainierte.

Es wird kein leichter Auftrag werden für den Weltmeister von 1998, diese Mannschaft wieder zu einen und ein funktionierendes Team auf die Beine zu stellen. Blanc steht vor den Trümmern einer verhängnisvollen Ehe zwischen Domenech und dem französischen Verband (FFF).

Warum reagierte der Verband nicht?

Die FFF muss sich fragen lassen, warum sie die offensichtlichen Missstände so lange ignorierte, an Domenech festhielt und ihm auch noch alle Freiheiten gewährte. Domenech durfte sich zweimal mit Müh und Not für EM und WM qualifizieren, das Team in der Vorbereitung auf das Turnier in Südafrika komplett von der Öffentlichkeit und den Fans abschotten und Thierry Henry kommentarlos degradieren.

Nicht nur, dass er den Barca-Star als Kapitän absetzte, gegen Mexiko wechselte er ihn nicht einmal ein. Obwohl Frankreich nichts sehnlicher gebraucht hätte als Tore.

An seiner Stelle kam Andre-Pierre Gignac vom FC Toulouse in der Halbzeit für den erneut apathisch wirkenden Mittelstürmer Nicolas Anelka. Warum Spieler wie Samir Nasri und Karim Benzema nicht zum Kader gehörten, weiß ohnehin nur Domenech.

Verheerende Bilanz

Was bleibt, ist eine verheerende Bilanz. Der Vize-Weltmeistertitel 2006 war ein Werk Zidanes, der ein letztes Mal die Equipe auf seine Schultern nahm und bis ins Finale trug. Seit seinem Rücktritt gab es für die Franzosen bei großen Turnieren in fünf Spielen drei Niederlagen und zwei Unentschieden. Bei einem Torverhältnis von 1:8.

Schon nach der EM in Österreich und der Schweiz hätte der Verband einen Schnitt machen müssen. Und auch im Vorfeld der WM gab es genügend Anzeichen, die auf dieses Ergebnis hindeuteten, der Verband hat sie ignoriert und darauf verzichtet, Blanc sofort ins Amt zu heben. Bixente Lizarazu sprach von "zwei verlorenen Jahren".

Was bleibt ist ein grausamer Eindruck der Les Blues und eine Mannschaft die in der Bevölkerung ohne Rückhalt ist. Viele hätten lieber Irland bei der WM gesehen. Auch die meisten Franzosen.

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