Große Gesten nach dem ersten Stern

Von Thomas Gaber
Montag, 12.07.2010 | 11:20 Uhr
Iker Casillas streckt nach dem EM-Pokal 2008 auch den WM-Pokal in die Höhe
© Getty
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Mit Geduld und Überzeugung hat Spanien seinen ersten Weltmeistertitel und im Moment des Triumphs auch Sympathien gewonnen. Die Holländer gingen brutal zur Sache und outeten sich als schlechte Verlierer.

Vier Minuten waren noch zu spielen nach dem Tor von Andres Iniesta, plus Nachspielzeit. So lange hielt Iker Casillas nicht durch. Der spanische Torhüter begann zu weinen. Fast schon hemmungslos. Die Torwarthandschuhe wurden bis zum erlösenden Abpfiff zweckentfremdend genutzt, um die Tränen aus dem Gesicht zu wischen.

Schon unmittelbar vor dem größten Erfolg in der Geschichte des spanischen Fußballs gingen die Emotionen durch mit Casillas. Wenig später brachen dann sämtliche Dämme. Weltmeister! Der erste Stern auf dem Trikot! 46 Millionen Landsleute glücklich gemacht!

Und dann darf auch noch die eigene Freundin die ersten Fragen stellen. Sara Carbonero arbeitet als Frontfrau beim spanischen Fernsehen und war entsprechend nah dran am Göttergatten.

Casillas hatte seine Emotionen weit nach Spielende noch immer nicht im Griff: "Ich danke allen, die mich immer unterstützt haben. Meinen Eltern, meinem Bruder..." Weiter kam Casillas nicht. Er fiel vor laufender Kamera über seine Sara her und gab ihr einen innigen Kuss.

Sara war peinlich berührt und bemühte sich ihrerseits um Fassung und Professionalität. Man war schließlich live auf Sendung. Auf einen Heiratsantrag verzichtete Casillas. Ist auch besser so, wenn man an Boris Beckers Hechtsprung von der Wetten dass..?-Couch durch ein brennendes Herz auf eine Weichbodenmatte denkt.

Geduld und Überzeugung

Jahre, fast schon Jahrzehnte lang, scheiterte Spanien bei großen Turnieren an den eigenen Ansprüchen. In Südafrika erreichte La Roja zum ersten Mal überhaupt ein Halbfinale. Die Mannschaft hat dieses Spiel gegen Deutschland gewonnen. Und sie hat auch das nächste Spiel gegen die Niederlande gewonnen. Sie hat nach der Auftaktpleite gegen die Schweiz die restlichen sechs Spiele gewonnen.

Nicht immer mit der Dominanz, Eleganz und Leichtigkeit wie gegen die DFB-Elf. Aber stets mit einer Menge Geduld und der Überzeugung, dass der eigene Stil zum Erfolg führen wird.

"Spanien ist der verdiente Weltmeister", sagte Bastian Schweinsteiger nach der Ankunft der deutschen Mannschaft am Montagmorgen in Frankfurt. Kaum jemand wird ihm widersprechen. Beeindruckend, mit welcher Coolness Gerard Pique bei seinem ersten großen Turnier die Abwehrarbeit erledigte. Für Sergio Busquets macht es offenbar keinen Unterschied, ob er ein Kleinfeld-Turnier im Vorgarten oder ein WM-Finale spielt. Sein Puls steigt nie über 100, auch dann nicht, wenn Nigel de Jong oder Mark van Bommel angeflogen kommen.

"Diese Mannschaft ist ein Schatz", jubelte der spanische Kronprinz Felipe. Selbst der so angenehm zurückhaltende Trainer Vicente del Bosque geriet ins Schwärmen: "Wir haben fantastische Spieler. Jeder einzelne hat diesen Titel verdient. Es war ein langer, harter Weg. Wir haben 50 Tage geschuftet für diesen Triumph. Ich bin ein sehr zufriedener Mensch."

Große Gesten

Siegtorschütze Iniesta nahm an, dass man den WM-Titel erst in einigen Tagen realisieren könne. "Wir sind uns der Tragweite dieses Sieges noch gar nicht bewusst", sagte der Star aus Barcelona unter Tränen. Nach seinem Tor habe er "an alle gedacht, die ich liebe". Er dachte in erster Linie an Dani Jarque. Sein Freund vom Stadtrivalen Espanyol Barcelona war im August 2009 während des Trainingslagers an einem Herzinfarkt gestorben. Iniesta riss sich das Trikot vom Leib und zeigte der Welt, wem er dieses Tor widmete. "Dani Jarque, siempre con nosotros" (Dani Jarque, für immer bei uns") stand auf seinem T-Shirt.

Auch Sergio Ramos dachte im Moment des Triumphs an einen verstorbenen Freund. Er trug ein Trikot des FC Sevilla mit der Nummer 16 von Antonio Puerta. Puerta hatte im August 2007 während eines Spiels mehrere Herzattacken erlitten und war wenig später auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben. Sympathische, weltmeisterliche Gesten. Wie die von David Villa, der sich den Schal seines Heimatvereins CD Tuilla um den Kopf wickelte.

Spanien hat dem EM-Titel von 2008 noch eins drauf gesetzt. Aber das soll's noch nicht gewesen sein. "Wir wollen Geschichte schreiben und drei große Titel in Folge gewinnen", sagte Cesc Fabregas. Europameister, Weltmeister, Europameister - das ist noch keinem Team gelungen.

Van Marwijk geht mit Anstand

Schon gar nicht den Holländern. Oranje muss nach dem dritten verlorenen Finale weiter auf den ersten WM-Titel warten. Es war teilweise schrecklich mitanzusehen, mit welchen Mitteln die Elftal versuchte, den Spaniern den Schneid abzukaufen. Van Bommels Attacke von hinten gegen Iniesta war schon jenseits des guten Geschmacks, de Jongs Kung-Fu-Einlage gegen Xabi Alonso vorsätzliche Körperverletzung. Beide kamen mit einer Gelben Karte davon. Schiedsrichter Howard Webb war überfordert, die Spieler machten es dem Engländer aber auch nicht leicht.

Sogar Hollands Nationaltrainer Bert van Marwijk wirkte auf der Pressekonferenz geschockt ob der Treterei seiner Spieler: "Es ist normalerweise nicht unsere Art, so viele Fouls zu spielen. Es waren einige üble Dinger dabei. Wir sind natürlich alle enttäuscht, aber man muss Spanien gratulieren. Die beste Mannschaft hat den Titel gewonnen."

Der Coach der Niederländer ging mit Anstand, im Gegensatz zu einigen seiner Spieler. "Über Webb will ich nicht sprechen. Er hat sehr viele Fehler gemacht, die uns benachteiligt haben. Das hat jeder gesehen", sagte van Bommel. Wesley Sneijder bezeichnete Webb als "Schande für den Sport". Kommentar überflüssig.

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