32 Länder - 32 Geschichten: Spanien

Dompteur in einer grausamen Welt

Von Thomas Gaber
Sonntag, 06.06.2010 | 21:35 Uhr
Vicente del Bosque (r.) wurde nach der EM 2008 Nachfolger von Luis Aragones
© Getty
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32 Teams nehmen an der Weltmeisterschaft in Südafrika teil. Jedes Teilnehmerland hat seine eigene Geschichte zu erzählen. SPOX greift aktuelle Entwicklungen auf, lässt Protagonisten zu Wort kommen oder beleuchtet historische Ereignisse. Heute: Spanien.

Vicente del Bosque fiel etwas aus der Reihe damals. Mit seinem schmalen Körper, seinen langen dünnen Ärmchen und seinem hageren Gesicht passte er so gar nicht zu seinen gut gebauten, kompakten, eher klein geratenen Mitspielern.

Auch fußballerisch verkehrten Günter Netzer, Paul Breitner oder Santillana in einer anderen Liga als der staksige Vicente del Bosque Gonzalez. Aber ohne ihn wären die Künstler nicht mal halb so viel wert gewesen. Del Bosque war im defensiven Mittelfeld beheimatet und hielt den Stars den Rücken frei.

Über Jahre hinweg war er unverzichtbar für Real Madrid. 312 Mal trug der Mann aus dem hübschen, geschichtsträchtigen Universitätsstädtchen Salamanca das königliche Trikot in der Primera Division und wurde zwischen 1975 und 1980 fünf Mal spanischer Meister.

Del Bosque formt eine Maschine

Dem süßen Leben, das den Spielern von Real Madrid bei der Vertragsunterzeichnung quasi aufoktroyiert wird, begegnete del Bosque stets mit Skepsis. Ein gut bezahlter Fußballer habe in erster Linie seine sportliche Leistung zufriedenstellend abzuliefern. Mit Stargehabe konnte er nichts anfangen. "Nur der gewinnt, der intelligent und bescheiden ist", sagte er einmal.

Dieser Einstellung blieb er treu, als er 1999 gebeten wurde, seinen gemütlichen Job als Jugendkoordinator von Real Madrid gegen den Cheftrainersessel der ersten Mannschaft einzutauschen. Luis Figo, Ronaldo, Redondo, Roberto Carlos, Zinedine Zidane, Nicolas Anelka - der Kader war gespickt mit großartigen, egozentrischen Individualisten.

Notlösung del Bosque formte eine brillante Mannschaft, die zwischen 2000 und 2003 zwei Meister-  und zwei Champions-League-Titel gewann.

Nach Reals 3:1-Sieg im Champions-League-Viertelfinale 2003 gegen Manchester United wurde er in den Medien als Architekt einer Fußballmannschaft gefeiert, der es als erstem Team der Welt gelungen war, ein perfektes Computerspiel im echten Leben auf den Rasen zu simulieren.

Einer wie Aragones - nur netter

Die Stars unter einen Hut zu bringen, sei für ihn nie ein Problem gewesen, sagte de Bosque der "Berliner Zeitung" im November 2009. "Es gab keine Schwierigkeiten. Diese Spieler waren gutmütige, großherzige Menschen. Es ist fast immer so: Je besser ein Fußballer ist, desto größer ist auch seine Persönlichkeit."

Als Trainer der spanischen Nationalmannschaft erlebt del Bosque sein Deja-Vu. 2008 folgte er auf den Europameistertrainer Luis Aragones. Ein schweres Erbe, auch wenn der kauzige Haudegen Aragones viele Feinde in Spanien hatte, vor allem im Journalistenkreis.

Del Bosque wird deutlich mehr respektiert als sein Vorgänger. Seine Erfolge mit Real Madrid wirken nach. Das war es dann aber auch mit den Unterschieden zu Aragones. Del Bosque kommt ähnlich hemdsärmlich daher, redet nur das Nötigste und lässt sich von außen partout nicht reinreden.

Fan-Ikone Raul spielt bei ihm ebenso keine Rolle wie bei Aragones. Beide Trainer verstehen es, einen Haufen Stars mit höchst unterschiedlichen Charakteren mit einfühlsamer Diplomatie auf ein Ziel einzuschwören und sich dabei selbst nicht allzu wichtig zu nehmen.

Barca gibt den Takt vor

Del Bosque hat die Philosophie von Aragones übernommen. "Was nicht kaputt ist, muss man auch nicht reparieren", sagte del Bosque nach seiner Einführung als Trainer der Furia Roja.

Nach der überragenden WM-Qualifikation mit zehn Siegen in zehn Spielen sagte er: "Es war meine Absicht, dem vorgezeichneten Weg zu folgen. Natürlich habe ich meine eigene Handschrift. Aber es ging dabei nur um Details."

Nicht die elf besten Spieler Spaniens spielen, sondern diejenigen, die am besten zusammenspielen können. Es verwundert nicht, dass del Bosque sieben Spieler vom FC Barcelona mit nach Südafrika nimmt. Xavi, Iniesta und Busquets sind im Mittelfeld gesetzt.

"Wir müssen uns danach richten, was in den Vereinen passiert und gerade ist es der FC Barcelona, der die Spielweise auch in der Nationalmannschaft vorgibt. Es sind gerade die Mittelfeldakteure, die das Spiel einer Mannschaft definieren", sagt der Coach.

Fußball ist grausam

Die Tatsache, dass seine Mannschaft ständig als Topfavorit auf den WM-Titel genannt wird, lässt del Bosque kalt.

"Es scheint in Mode zu sein, Spanien als großen Favoriten zu deklarieren. Aber es gibt 31 Konkurrenten, der eine oder andere ist vielleicht stärker als wir. Alle Teams, die schon einmal Weltmeister waren, gehören zu den Favoriten. Ich kann mich nicht erinnern, dass Spanien schon einmal den Titel geholt hat."

Der Fußball sei oft nicht vorhersehbar. "Es gewinnt nicht immer die beste Mannschaft", sagt der 59-Jährige, der seine teilweise ablehnende Haltung gegenüber dem futbol auch als Mann im wichtigsten Amt des spanischen Sports beibehalten hat.

"Der Fußball ist oft grausam. Die Spieler sollen Millionen Menschen eine Show bieten. Man darf aber nicht vergessen, dass alle Spieler im Endeffekt einfache Menschen sind. Das gilt auch für die Trainer. Und die erleben generell keine schöne Zeit. Der Druck als Nationaltrainer ist schon heftig, aber was die Kollegen in manchen Vereinen ertragen müssen, ist mörderisch. Jeder Tag, an dem man nicht von den Medien mit Füßen getreten wird, ist ein gewonnener Tag."

Damit die Medien brav bleiben, sind del Bosque und seine Spanier zum Siegen verdammt. Alles andere als der WM-Titel wird nicht akzeptiert. Schließlich könne kein Team spielerisch mit Espana mithalten, keine andere Mannschaft beheimate so viele geniale Fußballer.

Soziale Netzwerke verboten

Del Bosque will nichts dem Zufall überlassen. Er hat seine Spieler aufgefordert, sämtliche soziale Netzwerke zu ignorieren. Kein Facebook, kein Twitter. "Zufriedenheit und Ablenkung sind die größten Schritte zum Scheitern", sagt del Bosque.

Über seine Zukunft muss sich der Coach keine Gedanken machen. Selbst bei Misserfolg darf er bleiben. Verbandpräsident Angel Maria Villar hat ihn mit einem Freifahrtsschein ausgestattet.

"Del Bosque war klar, wie man unsere Nationalmannschaft nach ganz oben führt, er hat ein hohes Level erreicht und es gehalten", erklärte Villar. "Er bleibt in jedem Fall bis 2012, egal was in Südafrika passiert."

Spaniens Gruppe H

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