Mittwoch, 09.06.2010

32 Länder - 32 Geschichten: Slowakei

Marek Hamsik: Der König und der Mafioso

32 Teams nehmen an der Weltmeisterschaft in Südafrika teil. Jedes Teilnehmerland hat seine eigene Geschichte zu erzählen. SPOX greift aktuelle Entwicklungen auf, lässt Protagonisten zu Wort kommen oder beleuchtet historische Ereignisse. Heute: die Slowakei.

Marek Hamsik erzielte in der abgelaufenen Saison in 37 Spielen zwölf Tore für den SSC Neapel
© Getty
Marek Hamsik erzielte in der abgelaufenen Saison in 37 Spielen zwölf Tore für den SSC Neapel

Es ist nur ein Foto. Doch die Aufnahme sorgt zu Beginn des Jahres in ganz Italien für Aufruhr. Zahlreiche Zeitungen im Land des Weltmeisters drucken das Bild ab.

Darauf zu sehen ist Marek Hamsik, slowakischer Mittelfeldstratege des SSC Neapel. Die Haare nach oben gegelt, Brille auf der Nase und eine Perlenkette um den Hals lächelt er etwas verlegen in die Kamera. Auch der ältere Herr neben ihm muss sich zu einem freundlichen Gesichtsausdruck zwingen.

Mit gutem Grund. Denn Domenico Pagano ist nicht etwa ein gewöhnlicher Fan des 22-Jährigen. Er ist alles andere als ein Unbekannter: Pagano hat sich als Mafia-Boss einen Namen gemacht. Er nimmt eine hohe Position innerhalb der Camorra ein.

Verständlicherweise werden schnell Fragen aufgeworfen. Wusste Hamsik, wer da neben ihm stand? Hat er Kontakt zur Mafia? Ist er gar ein Freund Paganos?

Vater: "Kein Kontakt zur Mafia"

Um alle Spekulationen im Keim zu ersticken, schaltet sich Hamsiks Vater Richard ein. Er wendet sich an die Presse: "Mein Sohn bekommt täglich Dutzende Wünsche nach Autogrammen und Fotos. Da kann er nicht jedes Mal schauen, mit wem er es zu tun hat. Marek hat keinen Kontakt zur Mafia."

Ähnlich wie Hamsik erging es zu deren Zeit bei Real Madrid auch schon Fabio Cannavaro und Roberto Carlos, die von der Mafia gelinkt wurden. Für Hamsik war es ein regelrechter Schock, nachdem seine Karriere und sein Leben als Profi-Kicker zuvor verliefen wie in einem Märchen.

Zwar wurde im Dezember 2008 sein Auto aufgebrochen und eine teure Uhr entwendet. Doch die Napoli-Fans machten sich sofort eigenhändig auf die Suche und gaben dem von ihnen geliebten Marekiaro das gute Stück wenig später zurück. Und als wäre dies nicht genug, entschuldigten sie sich zu Tausenden via Internet für das Geschehene.

Mit 140 Sachen durch die Stadt

Hamsik hat das nicht vergessen. Er weiß um seine Bedeutung für die Anhängerschaft und die ganze Stadt. So betitelt er sich selbst als "König von Neapel", stellt provokant fest: "Ich könnte mit 140 Stundenkilometern durch die Stadt rasen, ohne dass mich jemand dafür belangen würde."

Es ist der Heldenstatus eines jungen Mannes, dem der Fußball quasi doppelt in die Wiege gelegt worden ist. Noch bevor Marek auf die Welt kam, besaß er schon sein erstes Paar Fußballschuhe. Vater Richard jagte früher selbst dem Leder hinterher, Mutter Renata entschied sich wie die jüngere Schwester Michaela für Handball.

Erste Schritte: Bratislava statt Prag

Mit vier Jahren trat Klein-Marek seinem Heimatklub bei. Von Beginn an spielte er gegen ältere Kontrahenten. Sein erster Trainer Peter Stafanak erinnert sich: "Er war schon immer sehr lernfähig. Das unterschied ihn von den anderen Kindern."

Schnell war klar: Hier wächst ein großes Talent heran. Nachdem ein Engagement bei Sparta Prag nicht zustande kam, entschied sich Hamsik in der Slowakei zu bleiben. In der Jugend von Slovan Bratislava brach er so manchen Rekord.

Der Wechsel ins Ausland kam dann doch früh. Scouts von Brescia Calcio wurden bei einem Quali-Turnier zur U-17-EM auf den schussgewaltigen und beidfüßigen Dribbelkönig aufmerksam. Mit gerade einmal 17 Jahren wagte Hamsik den Sprung.

In den Fußstapfen von Diego Maradona

Bereuen sollte er es nicht. Wobei der Abstieg Brescias im Jahr 2005 in die Serie B ihm als Sprungbrett galt. In der zweithöchsten Spielklasse Italiens wurde Hamsik schnell zum Führungsspieler und sorgte mit seinen Toren für die Rückkehr ins Oberhaus.

Für Hamsik jedoch ging die Reise weiter gen Süden. 5,5 Millionen Euro überwies der SSC Neapel nach Brescia. Seit der Zeit von Diego Maradona Ende der 80er und Anfang der 90er lechzen die Azzurri nach Titeln. Zu Feiern gab es lange nichts mehr.

In der abgelaufenen Saison erreichte der Klub nach zahllosen düsteren Jahren zumindest die Europa League - noch vor Juventus Turin. Hauptverantwortlich für den Erfolg? Marek Hamsik.

Der Nachfolger von Nedved?

"Er wird sich zum besten Mittelfeldspieler der Welt entwickeln", ist SSC-Präsident Aurelio De Laurentis sicher. Unterstützung bekommt er ausgerechnet von einer Juve-Legende. "Hamsik ist mein legitimer Nachfolger. Er hat die Fähigkeiten, um mein Spiel zu imitieren", sagt kein Geringerer als Pavel Nedved, Hamsiks großes Vorbild.

Was besonders mit Blick auf die WM wichtig ist: Hamsik übernimmt Verantwortung. Auf und neben dem Platz. Im Januar brachte Freundin Martina Söhnchen Christian zur Welt. Für Napoli trug Marek ebenso schon die Kapitänsbinde wie für die slowakische Auswahl, in der er  Rekordspieler Miroslav Karhan abgelöst hat.

"Marek ist für sein Alter schon ziemlich gereift. Mit seiner Anwesenheit auf dem Platz reißt er die anderen Mitspieler regelrecht mit, so dass diese nie aufstecken", lobt Nationaltrainer Vladimir Weiss "meinen Goldjungen". Das Turnier in Südafrika wird für Hamsik auch eine Bühne sein, um sich für einen Wechsel zu einem der ganz großen Klubs zu empfehlen.

Mancini, Mourinho oder Ferguson?

Roberto Mancini macht keinen Hehl daraus, dass er Hamsik schon zu seiner Zeit bei Inter holen wollte. Nun streckt er als Coach von Manchester City erneut die Fühler aus. Sir Alex Ferguson soll auf der Suche nach einem torgefährlichen Nachfolger für Paul Scholes ebenso auf den Slowaken gekommen sein.

Oder wird der König von Neapel tatsächlich ein Königlicher? Es gibt Gerüchte, dass Jose Mourinho seinen Wechsel zu Real Madrid an eine Verpflichtung Hamsiks geknüpft hat.

Neuer Vertrag unterschriftsreif

Der Umworbene selbst lässt sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Er werde seinen bis 2013 laufenden Vertrag in Neapel demnächst verlängern, lässt er auf Nachfrage stets verlauten. Inklusive einer mittlerweile in der Branche üblichen festgeschriebenen Ablösesumme versteht sich. Die dürfte bei rund 40 Millionen Euro liegen.

Madrid, Mailand und Manchester müssen sich also noch gedulden. Doch Hamsik stellt schon mal klar: "Ich will wichtige Titel gewinnen. Eines Tages möchte ich Meister werden und in der Champions League spielen."

Damit andere Fotos von Hamsik in Erinnerung bleiben. Nicht jenes aus dem Frühjahr 2010.

Der Spielplan zur WM 2010 im Überblick

Marcus Giebel

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