WM-Serie: Damals in... Italien

Andy Brehme: "Irgendeiner musste ja schießen"

Von Interview: Florian Bogner
Donnerstag, 04.03.2010 | 23:30 Uhr
Mit diesem Elfmeter schoss Andreas Brehme die deutsche Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft
© Imago
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Seit 1954 war die deutsche Nationalmannschaft bei Weltmeisterschaften immer unter den besten acht Teams der Welt - eine einmalige Erfolgsstory. In der Rubrik "Damals in..." lässt SPOX zu jeder WM einen deutschen Nationalspieler von seinen Erlebnissen während des WM-Turniers erzählen. Diesmal: Andy Brehme über die WM 1990 in Italien.

Weltmeisterschaft 1990 in Italien. Finale. Argentinien gegen Deutschland. Rudi Völler fällt, ganz Argentinien tobt. Lothar Matthäus geht stiften, Andreas Brehme schnappt sich den Ball. Anlauf, Schuss - Tor! Deutschland ist zum dritten Mal Weltmeister!

Auch zwanzig Jahre danach bekommt Andy Brehme immer noch leuchtende Augen und feuchte Hände, wenn er von dieser "notte magica", dieser magischen Nacht, spricht. Ein Gespräch über den Elfmeter, der Deutschland im Jubel vereinte, die Stollen von Lothar Matthäus, den grantelnden Franz Beckenbauer und Scherze über Bodo Illgner.

SPOX: Herr Brehme, ganz Deutschland befand sich im Sommer 1990 in Aufbruchstimmung. War Ihnen von Anfang der WM an klar, dass der Titel nur über die deutsche Mannschaft führen wird?

Andreas Brehme: Insgeheim haben wir uns das erhofft. Franz Beckenbauer hat vorher gesagt: Wenn wir gut ins Turnier starten, ist alles möglich. Unser erster Gegner Jugoslawien hatte damals eine Riesenmannschaft, war Mitfavorit auf den Titel. Wenn du da 4:1 gewinnst, schwimmst du auf einer Welle und entwickelst unglaubliches Selbstbewusstsein.

SPOX: Das erste Spiel hat den Turnierverlauf also vorgegeben?

Brehme: Wenn wir uns heute treffen, sagt jeder: Das erste Spiel war das wichtigste. Und wenn du so ein Spiel ablieferst, hast du Selbstvertrauen, das glaubt kein Mensch. Da glückt dir alles. Und ich sage immer: Ab dem Achtelfinale geht eine WM erst los. Wir sind mit Holland gleich auf einen großen Gegner getroffen - und haben ihn rausgehauen.

SPOX: Unter anderem dank Ihnen - dieser Schlenzer zum 2:0...

Brehme: Eines der schönsten Tore, das ich je gemacht habe. Und das war mit Sicherheit nicht einfach. Die ganze Situation, am Sechzehner nach innen gezogen und dann mit dem anderen Fuß abgeschlossen...

SPOX: Vorteil Beidfüssigkeit.

Brehme: Ja. Das sind die Spieler ja heute leider nicht mehr. Schauen sie sich Lothar Matthäus an - der kam mit 27 nach Italien und konnte mit links überhaupt nichts. Das hat er erst bei Inter unter Giovanni Trapattoni gelernt. Der hat ihm gesagt: Lothar, Du nimmst im Training nur noch den linken Fuß. Und dann hat er bei der WM gegen Jugoslawien aus vollem Lauf aus 20 Metern mit links getroffen. Man kann immer dazulernen. Diese Einstellung vermisse ich heute manchmal.

SPOX: Arbeiten die Profis heutzutage zu wenig an ihren Schwächen?

Brehme: Neulich habe ich Raimond Aumann getroffen. Ich sagte: 'Balu, kannst Du Dich noch dran erinnern, was wir damals noch nach dem Training alles gemacht haben, wie viele Flanken wir gehauen haben, wie viele Freistöße wir geübt haben?' Matthäus, Karl-Heinz Rummenigge, Dieter Hoeneß sind immer noch draußen geblieben und haben weiter geübt. Nur so wird man ein Großer. Wenn man nur das trainiert, was vorgeben wird, bleibt man irgendwann stehen.

SPOX: Nach einem eher schwachen Viertelfinale gegen die Tschechoslowakei warteten 1990 im Halbfinale die Engländer.

Brehme: Das war für mich das beste Spiel der WM.

SPOX: Wirklich?

Brehme: Ja. Das Spiel war über 120 Minuten total intensiv. Da wurde sich beharkt, gekämpft, aber hinterher gab man sich die Hand. Ich habe immer gerne gegen England gespielt. Die haben zwar körperbetont gespielt, aber nie unfair. Ich glaube, dass die Engländer dieses Mal noch stärker sind als damals. Fabio Capello hat Disziplin rein gebracht, der starke Vereinsfußball tut sein Übriges. Für mich gehört England neben Brasilien, Spanien und Holland zu den Favoriten.

SPOX: Aber England auch nur, wenn es kein Elfmeterschießen gibt.

Brehme: Unglaublich, dass die das nie gebacken kriegen. Wovor haben die denn immer Angst? Beim Elfmeterschießen muss man mit voller Überzeugung hingehen und das Ding rein machen. Und wenn nicht - keiner reißt einem danach den Kopf ab, wenn man nicht trifft. Ball schnappen, reinhauen. Sage ich zu meinem Sohn auch immer. Der hat mal gesagt: 'Aber wenn ich ihn verschieße?' So darf man gar nicht denken!

SPOX: Ihr Elfmeter im Finale gegen Argentinien kurz vor Schluss...

Brehme: ...war unhaltbar! Ich habe ihn mir kürzlich mit Freunden noch mal angesehen, den Elfmeter, und die sagten dann, uiii, der war knapp neben dem Pfosten, der Torwart in der richtigen Ecke... Aber den kann er nicht halten. Das einzige Problem an dem Elfmeter war, dass ich sieben, acht Minuten warten musste, bis ich schießen konnte.

SPOX: Weil die Argentinier so Theater gemacht haben.

Brehme: Genau. Die haben wild diskutiert, immer wieder den Ball weggehauen, Riesentheater. Ich habe mir den Ball dann hingelegt, bin raus aus dem Sechzehner, und wieder ist so ein Idiot gekommen und hat ihn weggehauen. Ich habe ihn trotzdem reingemacht.

SPOX: Waren Sie nervös?

Brehme: Nein. Wenn ich zuvor ein schlechtes Spiel gemacht hätte, wäre ich vielleicht nicht hingegangen. Wir hatten drei Schützen vereinbart: Rudi Völler, Lothar Matthäus, ich. Rudi ist gefoult worden und der Gefoulte schießt nicht. Lothar wollte nicht und ist abgehauen. Irgendeiner musste ja schießen.

SPOX: Lag es bei Matthäus wirklich daran, dass aus seinem Schuh in der ersten Halbzeit Stollen raus gebrochen waren und er sich in den neuen Tretern nicht sicher fühlte?

Brehme: Das fragen alle. (überlegt) Ich weiß es nicht. Er hat sich zumindest bis heute nicht genau dazu geäußert.

SPOX: Sind Sie den Elfmeter danach noch öfter durchgegangen?

Brehme: Sicher habe ich noch ein paar Mal davon geträumt. Meistens hab ich ihn dann auch reingemacht. Und vor ein paar Jahren bin ich für einen guten Zweck noch mal gegen Sergio Goycochea angetreten. Er sagte: 'Komm, wir machen Gaudi und Du haust ihn wieder ins selbe Eck.' Und ich: 'Klar, hundertprozentig.' (lacht) Und dann habe ich ihn ins andere geschoben. Da war Goycochea wieder fix und fertig.

SPOX: Als der Elfmeter 1990 rein ging - war Ihnen sofort klar: Wir sind Weltmeister?

Brehme: Ja. Die Argentinier waren am Ende ja auch nur noch zu neunt und sind gar nicht mehr an den Ball gekommen. Wir hätten schon ein Eigentor machen müssen. Bodo Illgner hat im ganzen Spiel keinen Ball aufs Tor bekommen. Ich weiß gar nicht, was der Trainer denen gesagt haben muss.

SPOX: Weil Argentinien so defensiv gespielt hat?

Brehme: Das war wirklich kein schönes Finale. Nicht wegen uns, wegen den Argentiniern. Die haben sich schon im Viertelfinale und Halbfinale nur durch Elfmeterschießen durchgemogelt. Und dann das Finale - ich habe noch nie eine so schlechte argentinische Mannschaft gesehen. Die hatten keinen Eckball, keine Torchance. Die haben nur auf Elfmeterschießen gespielt.

SPOX: Es waren aber auch fünf Stammspieler im Finale nicht dabei.

Brehme: Die hatten aber auch einen Kader von 22 Mann. Das lasse ich nicht gelten! Wir hätten uns mit Sicherheit auch nicht aufgehängt, wenn bei uns fünf Mann gefehlt hätten. Wir hatten so einen guten Kader, mehr als ausgeglichen. So eine Nationalmannschaft wird es wahrscheinlich nie wieder geben.

Teil 2: Andy Brehme über den heißen Draht zu den Italienern, Franz Beckenbauers Ausraster, Witze über Bodo Illgner und die WM-Chancen 2010

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