Mittwoch, 20.08.2008

England-Keeper Joe Hart im Porträt

Kulturschock für den Sonnyboy

Manchester / München - Joe Hart hatte die Aufsicht. Nach dem Gastspiel seines Klubs Manchester City beim Hamburger SV (0:1) Ende Juli wachte der 21-jährige Torhüter der Citizens bei schwülwarmem Wetter in den Katakomben der HSH Nordbank Arena mit der Akribie eines englischen Buchhalters darüber, dass alle Mitglieder der City-Delegation auch ja rechtzeitig den gecharterten Mannschaftsbus bestiegen und dass wirklich alles richtig verstaut wurde.

wm 2010, hart, england
© Getty

Keine zufällige Beobachtung: Joe Hart gilt auf der Insel als Perfektionist.

Für Englands strengen Nationalcoach Fabio Capello ist er ein "mehr als interessanter Mann" und auch sonst ruhen auf Charles Joseph "Joe" Hart (zum Steckbrief), dem 1,91 m großen Blondschopf von Manchester City, viele Hoffnungen.

Beim EM-Zuschauer England sehnt man sich nach einem sportlichen Neuanfang und nach einer Ära ohne peinliche Torwart-Pannen.

Beim Saisonauftakt in Wembley gegen Tschechien (2:2) saß Hart allerdings nur auf der Bank, der etablierte David James erhielt eine weitere Bewährungschance.

Kindheitstraum wird Realität

Zuvor hatte Paul Robinson (Tottenham Hotspur) beim 1:2 gegen Deutschland ebenso die Lacher auf seiner Seite wie Scott Carson (Aston Villa) beim bereits legendären Aus in der EM-Quali gegen Kroatien (2:3). Und auch der mittlerweile 38-jährige "Calamity" (englisch für Elend) James vom FC Portsmouth ist immer für einen Klops gut.

Mit Joe Hart könnte nun alles anders werden. Schon als Kind, so erzählt man sich in seiner Heimatstadt Shrewsbury in der Grafschaft Shropshire, habe Hart relativ humorlos davon gesprochen, einmal englischer Nationaltorhüter zu werden.

Profi-Debüt mit 17

Mit elf Jahren fuhr er im Teambus der ersten Mannschaft von Shrewsbury Town mit zu den Auswärtsspielen, ehe er 2004 mit 17 sein Profi-Debüt gab. Im Mai 2006 wechselte Hart für umgerechnet 900.000 Euro zu Manchester City in die Premier League.

"Am Anfang", so Joe Hart in einem "BBC"-Interview, "war alles für mich wie ein Kulturschock. Von Shrewsbury nach Manchester zu wechseln und in diesem fantastischen Stadion spielen zu können, das war schon verrückt."

"Für mich wäre es das Schönste, nächstes Jahr wieder im Europa- cup zu spielen und davor gleich zwei Mal gegen United zu gewinnen."
(Joe Hart)

Das Nationalmannschafts-Debüt von Joe Hart am 1. Juni 2008 in Port of Spain gegen Trinidad & Tobago (3:0 für England) war auch ein lohnender Deal für die Shrews.

"Märchenhafter Aufstieg"

Mit dem ersten Länderspiel wurden noch einmal satte 750.000 Euro, die vertraglich garantiert waren, aus Manchester an den Viertligisten überwiesen. "Harts erste Nominierung für England besiegelte einen märchenhaften Aufstieg", schrieb Premier-League-Experte Martin Lipton im "Mirror" über Hart, "immerhin begann er die letzte Saison in Manchester noch als dritter Keeper hinter Andreas Isaksson und Kasper Schmeichel."

Zu Saisonbeginn setzte City-Coach Mark Hughes in beinahe allen wichtigen Testspielen - wie beim HSV und gegen den AC Mailand (1:0) - auf Joe Hart.

Die Ankündigung seines Trainers, dass man "noch einen erfahrenen dritten Mann brauche", lächelt Joe Hart im Gespräch mit SPOX einfach weg: "Für einen Torhüter in der Premier League ist es ganz besonders wichtig, Stärke zu zeigen. So sieht es einfach aus. Mir ist es egal, wer noch zu uns kommt, ich will mich bei Manchester City durchsetzen und die Nummer 1 werden, das ist mein ganz persönliches Ziel."

"Jeder will für sein Land spielen"

Sein Ehrgeiz, sein beidfüßiges Spiel und starke Reflexe zeichnen Joe Hart als Keeper aus. Insider sehen Hart als aussichtsreichsten Kandidaten auf die wackelige Nummer 1 bei den Three Lions: "Die Torhüterposition ist vakant, es gibt keinen eindeutigen Favoriten", erklärte Shrewsburys PR-Manager Alan Stevenson nach Harts Debüt gegenüber "BBC Sport", "und für Joe ist die Zeit gekommen, seine Ansprüche darauf zu formulieren."

Stevenson verweist auf die englische Torhüter-Tradition: "Bei David Seaman, Peter Shilton, Ray Clemence oder Gordon Banks war es früher genauso. Irgendwann kommt ein Torhüter und sichert sich die Position für lange Zeit."

Soweit denkt Hart, der als Kind für David Seaman schwärmte, noch nicht. "Jeder will für sein Land spielen, das ist doch klar", so der Keeper, "es ist großartig, zurückzublicken und zu sehen, wie weit ich bisher in meiner Karriere gekommen bin und wohin es noch gehen kann. Das ist für mich nicht selbstverständlich."

Europacup und United besiegen

Bevor Hart seine Ansprüche aufs Nationaltor untermauern kann, will er vor allem mit Manchester City weiter nach vorn. "Im Verein mache ich jeden Tag einen Schritt vorwärts", erklärt er, "wir hatten bereits in der Saisonvorbereitung starke Gegner wie den AC Mailand, Celtic Glasgow oder den Hamburger SV. Ich denke, dass ich es sein werde, der in dieser Saison im Tor von Manchester City einen guten Job machen wird."

Dass Citys thailändischer Boss Thaksin Shinawatra gewohnt unbescheiden einen Platz unter den ersten Vier in der Premier League als Saisonziel ausgelobt hat, sieht Joe Hart als "sehr aufregende Herausforderung für jeden von uns." Der Saisonstart ging mit einer 2:4-Niederlage bei Aston Villa allerdings in die Hose.

Hart glaubt dennoch an Citys Weg: "Wir wollen nicht jedes Spiel mit 25:0 gewinnen, aber für mich wäre es das Schönste, nächstes Jahr wieder im Europacup zu spielen und davor in der Premier League gleich zwei Mal gegen United zu gewinnen."

Hart-Family voller Stolz

Das größte Lob für den designierten Nationalkeeper kommt ausgerechnet von dem Mann, den Hart einst in Shrewsbury auf die Bank befördert hat: Glyn Thompson, mittlerweile 27 und im Nebenberuf Busunternehmer, von Newport County.

"Joe ist einfach cool und angenehm und er strahlt eine große Sicherheit aus. Wenn er in Form bleibt, kann er sehr lange für City und auch für England spielen."

Für die Hart-Familie könnte das eventuell eine harte Geduldsprobe sein. Joes Mutter Louise jedenfalls trieb schon die erste Nominierung gegen Trinidad die Tränen in die Augen: "Wir sind alle mächtig stolz auf ihn."

Carsten Germann

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