"Das Sterben gehört zum Alltag"

Von Interview: Stefan Moser
Sonntag, 14.06.2009 | 12:21 Uhr
Asienmeister 2007 - Jubel und Hoffnung verdrängen kurz die Angst auf Bagdads Straßen
© Getty
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Der Irak eröffnete mit einem 0:0 gegen Gastgeber Südafrika den Confederations Cup. Die Mannschaft von Trainer Bora Milutinovic qualifizierte sich 2007 durch den Gewinn der Asien-Meisterschaft - zum ersten Mal in der Geschichte.

Dabei gilt der Irak seit über 30 Jahren als eine der stärksten Fußballnationen Asiens. Dennoch blieben sportliche Schlagzeilen in der westlichen Öffentlichkeit aus. Bekannt sind in Europa allenfalls ein paar Trainer der Nationalmannschaft: der Brasilianer Edu, der Deutsche Bernd Stange, der Norweger Egil Olsen und nun der ewige Wandervogel Bora Milutinovic.

Darüber hinaus gab es nur vereinzelt Nachrichten, wie jene aus dem März dieses Jahres, als ein Spieler im Irak während eines Pokalspiels erschossen wurde. Die politische und militärische Geschichte des Landes füllt auch die Geschichte des irakischen Fußballs mit schauerlichen Anekdoten. Der irakische Journalist Hassanin Mubarak* erzählt...

SPOX: Im März wurde ein Spieler im Irak auf dem Feld erschossen. Gehören also Gewehrkugeln im irakischen Fußball noch zum Alltag?

Hassanin Mubarak: Es ist Krieg im Irak, und so traurig es klingt: Der Tod wurde zur Norm. Das gilt für Sportler genauso wie für alle anderen. Aber dieser spezielle Vorfall auf dem Fußballplatz war mehr oder weniger ein tragischer Unfall und von daher eher ein Einzelfall.

Allerdings hat die westliche Presse die Sache oft falsch dargestellt. Der Spieler wurde nicht erschossen, als er gerade den Ausgleich auf dem Fuß hatte. Aber wie sagt man doch: Eine Lüge kann längst um den halben Erdball wandern, während sich die Wahrheit noch die Schuhe zubindet.

SPOX: Was ist wirklich passiert?

Mubarak: Das Opfer war der 20-jährige Torhüter Haidar Hakim Shrad Al Taei. Sein Team Al-Sinjar spielte am 14. März in einem lokalen Pokalfinale gegen Buhaira. Schirmherr der Veranstaltung war der Chef einer großen Fisch-Firma, und dessen Bruder, Qaisar Khalaf Mahdi, trug eine russische Kalaschnikow.

In der letzten Minute erzielte Buhaira den Ausgleich, worauf die Anhänger der Heimmannschaft jubelnd aufs Feld stürmten. Qaisar Khalaf Mahdi versuchte, die Fans mit einer Maschinengewehr-Salve über ihre Köpfe zu verscheuchen. Doch eine Kugel traf den jungen Torwart in den Kopf und tötete ihn. Was die Geschichte noch trauriger macht, ist, dass der Vaters des Opfers nur wenige Tage vorher starb. 

SPOX: Fußball spielt im Irak bereits seit dem britischen Mandat in den 20ern eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Der erste große internationale Titel gelang aber erst 2007: Der Gewinn der Asien-Meisterschaft und damit die Qualifikation für den Confed-Cup. Was bedeutet das für die Menschen im Irak?

Mubarak: Die Teilnahme am Confed-Cup bedeutet den Leuten sehr viel, weil das Land damit zum ersten Mal wieder auf einer weltweiten Bühne auftritt, ohne dass es dabei unmittelbar um Krieg geht. Vor allem aber war gerade der Sommer 2007 wohl die schlimmste Zeit seit der amerikanischen Invasion 2003. Das Sterben gehörte in Bagdad wieder zum Alltag. Der Gewinn der Asien-Meisterschaft gab den Leuten endlich wieder einen Grund zu feiern - zum ersten Mal seit langer, langer Zeit.

SPOX: Verglichen mit anderen Mannschaften aus dem Nahen Osten war der irakische Fußball immer schon stark. Trotzdem stehen in der Wahrnehmung der Weltöffentlichkeit andere arabische Teams im Vordergrund. Warum?

Mubarak: In den 80er Jahren war der Irak mit Sicherheit die stärkste Mannschaft in Asien. Die Qualifikation für die WM 1986 und die Teilnahme an drei Olympischen Spielen sind dafür ein Beleg. Doch während des Krieges gegen den Iran ging es Saddam Hussein und der Baath-Partei nur darum, sich der arabischen Welt - die den Krieg finanzierte -  als starke Nation im Krieg zu präsentieren, die die Araber vor einer iranischen Invasion beschützen kann. 

SPOX: Und Fußball wurde zur Image-Kampagne? 

Mubarak: Deshalb lag die Priorität damals auf den arabischen Wettbewerben, wie dem Arab Cup, den Pan Arab Games oder dem Golf Cup. Während des Kriegs gegen den Iran nahm der Irak nicht an den Asien-Meisterschaften teil - das war einfach nicht das Zielpublikum des Regimes.

 

SPOX: Wie viele Diktaturen instrumentalisierte also auch das baathistische Regime den Sport für seine Zwecke. Welche Rolle spielte dabei der "berüchtigte" Udai, Saddam Husseins ältester Sohn?

Mubarak: Unter Saddam war Fußball, wie alles andere auch, ein Werkzeug für das Regime, das für Propagandazwecke missbraucht wurde. Udai war sicher kein großer Fußball-Fan, aber er benutzte den Sport, um sich öffentlich zu profilieren. In den 80ern entstand innerhalb der Baath-Partei die Idee, mithilfe des Sports vor allem die Jugend zu kontrollieren und sie während des langen und harten Kriegs gegen den Iran moralisch auf Kurs zu halten.

SPOX: Also übernahmen Parteikader die Schlüsselpositionen als Sportfunktionäre. Udai wurde unter anderem Chef des Nationalen Olympischen Komitees.

Mubarak: So ist es. Und Sabah Mirza, ein ehemaliger Boxer und Leibwächter von Saddam übernahm den irakischen Fußballverband. Saddams Schwiegersohn, Hussein Kamel, gründete mit Udai zusammen einen neuen Klub, den sie Al-Rasheed nannten. Seine beiden Mitstreiter verloren allerdings schnell Saddams Gunst, Hussein Kamel wurde 1995 sogar verbannt und nach seiner Rückkehr in den Irak erschossen. Übrig blieb Udai.

SPOX: Der als Alleinherrscher immer brutaler wurde...

Mubarak: Zu Beginn seiner Herrschaft war Udais Team sehr erfolgreich und er beschenkte seine Spieler mit Häusern und teuren Autos. Zu was er allerdings fähig war, zeigte sich 1986, als Al-Rasheed gegen einen seiner größten Rivalen unterlag: Udai ließ seinen Spielern daraufhin die Köpfe rasieren. Das blieb natürlich auch dem brasilianischen Trainer Edu, ein Bruder von Zico, nicht verborgen. So wurde die Geschichte bekannt.

SPOX: Udais Gewaltfantasien eskalierten schließlich, nachdem der Irak in den 90ern unter westlichen Sanktionen stand. Bekamen das auch seine Spieler zu spüren?

Mubarak: Seine Einschüchterungen wurden in der Tat immer ernster. Und seine Brutalität mündete in handfester Folter. 1998 etwa hatte eine irakische Nachwuchsmannschaft während der Asien-Meisterschaft in Thailand die ersten beiden Partien verloren. Im dritten Spiel musste gegen Südkorea ein Sieg her, um die Chancen auf das Halbfinale aufrecht zu erhalten. Zur Halbzeit stand es 0:0, also ging Udai in die Kabine und brüllte: "Ihr geht alle ins Gefängnis, wenn ihr nicht gewinnt!"

SPOX: Wie ging das Spiel aus?

Mubarak: Den Jungs zitterten natürlich die Knie vor Angst, und das Spiel ging mit 0:3 verloren. Etliche Spieler fingen an zu weinen - und einer von Udais Gehilfen teilte ihnen mit, dass sie ihre Familien nie mehr wieder sehen würden.

SPOX: Was passierte dann nach der Rückkehr mit der Mannschaft?

Mubarak: Die komplette Delegation wurde auf eine von Udais Farmen in der Nähe von Bagdad verschleppt. Ihre Köpfe wurden rasiert, sie wurden zur Feldarbeit gezwungen und mussten bei den Tieren im Stall schlafen. Sie tranken dreckiges Wasser aus einem Bach und aßen verfaultes Essen. Mehr als zwei Wochen lang wusste niemand, wo die Mannschaft war. Am Ende gingen die Familien der Spieler zum Olympischen Komitee: Sie wollten wenigstens die Leichen ihrer Söhne sehen.

SPOX: Aber die Söhne kamen zurück - auf eine groteske Weise...

Mubarak: In der vierten Woche wurden sie freigelassen, nachdem sich 20 von 22 Spielern mit Cholera infiziert hatten. Udai aber hatte Friesische Rinder auf der Farm, die er sich extra aus den Niederlanden importiert hatte. Er hatte Angst, sie würden auch die Cholera bekommen. Er ließ die Spieler nur gehen, um sein Vieh zu schonen!

SPOX: Udai verbaute auch etlichen Spielern größere Karrieren, weil er sie nicht ins Ausland gehen ließ.

Mubarak: Es gab einige Spieler, die das Talent hatten, den Sprung in eine der ausländischen Ligen zu schaffen. 1988 hatte Ahmed Radhi ein Angebot über eine Millionen Dollar aus Uruguay, nachdem er in Asien zum Fußballer des Jahres gewählt wurde. Ein Jahr später signalisierte der FC Barcelona Interesse an Laith Hussein, nachdem er mit der irakischen U 20 während der WM durch Siege gegen Spanien, Argentinien und Norwegen Gruppensieger wurde. Aber beide Spieler spielten für Al-Rasheed, also waren sie für Udai mehr wert als eine Million Dollar. Er lehnte die Angebote ab. Die Spieler wurden als "Nationaler Schatz" bezeichnet. In Wahrheit wurden sie als Werkzeuge des Regimes missbraucht.

SPOX: Bernd Stange holte 2006 Hawar Mulla Mohammed nach Zypern. Vor wenigen Wochen unterschrieb Nashat Akram beim FC Twente in Holland. Die Lage scheint sich nach dem Sturz des Regimes langsam zu verbessern...

Mubarak: Es wird noch eine Weile dauern, bis die großen europäischen Vereine von irakischen Talenten Notiz nehmen. Hawar spielte mit Famagusta in der abgelaufenen Saison ordentlich in der Champions League. Aber im Fußball geht es heute nur mit Beratern und Vermittlern. Im Irak gibt es bislang nur einen einzigen FIFA-lizenzierten Agenten. Hoffentlich überzeugt Nashat bei Twente - dann werden vielleicht mehr Vereine irakische Spieler unter Vertrag nehmen. Vermutlich braucht es nur einen Spieler, der eine Erfolgsgeschichte in Europa schreibt, und schon werden andere Klubs aufmerksam.

SPOX: Welche Spieler aus dem aktuellen Kader hätten das Zeug zu einem Wechsel ins Ausland? Auf wen sollte man im Confed-Cup ein Auge haben?

Mubarak: Der talentierteste Spieler ist sicher Nashat Akram, die Nummer 5: Ein Spielmacher mit großer Ballkontrolle und gutem Auge. Der berühmteste ist der Kapitän: Younis Mahmoud, der das entscheidende Tor im Finale der Asienmeisterschaft erzielte. Er schlägt sich seither allerdings immer wieder mit Verletzungen herum. Achten sollte man auch auf Karrar Jassim: Ein guter Dribbler, der sich leider noch oft zu spät vom Ball trennt.

Stürmer Mustafa Karim, der in der ägyptischen Liga elf Tore erzielte, wird leider fehlen, weil er nicht rechtzeitig im Trainingslager war. Er spielte mit Al-Ismaili noch um die Meisterschaft in Ägypten.

Sein Klub verlor mit 0:1. Trotzdem strich ihn Bora Milutinovic aus dem Kader. Doch so etwas klingt doch auch für europäische Ohren wohl wieder ziemlich "normal".

*Hassanin Mubarak wurde in Bagdad geboren, lebt aber seit seinem zweiten Lebensjahr überwiegend in Europa. Heute lebt er in London und veröffentlichte diverse Publikationen über den irakischen Fußball, unter anderem für "When Saturday Comes", "Trivela" und "IraqSportCom". Mubarak ist außerdem Mitglied der "Rec.Sport.Soccer Statistics Foundation" (RSSSF) und der "International Federation of Football History & Statistics" (IFFHS).

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