Dienstag, 31.08.2010

Die Kevin Kuranyi Kolumne

"Die Nationalmannschaft bleibt mein Ziel"

Kevin Kuranyi brach im Sommer seine Zelte in Deutschland ab und spielt nun für Dynamo Moskau in Russland. Ab sofort berichtet der 28-Jährige in seiner eigenen SPOX-Kolumne regelmäßig von seinen Erlebnissen im fernen Russland. Zum Start schreibt Kuranyi über Schalke und leckere Teigtaschen - und er erklärt, warum seine Frau fast eine Vermisstenanzeige aufgeben musste.

Kevin Kuranyi hat in seinen ersten vier Spielen für Dynamo Moskau schon dreimal getroffen
© Getty
Kevin Kuranyi hat in seinen ersten vier Spielen für Dynamo Moskau schon dreimal getroffen

Priwjet is Moskwi, hallo aus Moskau,

es freut mich, dass Ihr in meine erste Kolumne aus Russland reinschaut. An dieser Stelle werde ich zukünftig immer ein wenig über das berichten, was hier so passiert. Was ich in den vergangenen Monaten immer wieder gemerkt habe: Das Land im Allgemeinen und der Fußball dort im Speziellen ist vielen noch ein Buch mit sieben Siegeln.

Dabei liegt Moskau näher an Berlin als Barcelona oder Madrid. Was ich damit sagen will: Entgegen mancher anders lautender Gerüchte bin ich nicht auf dem Mond gelandet. Moskau ist eine sehr moderne Stadt, in der es sich wirklich gut leben lässt.

Und die russische Liga ist auch keine Ansammlung von Feierabendkickern. Im Gegenteil. Es ist ja kein Zufall, dass ZSKA Moskau 2005 und Zenit St. Petersburg 2008 den UEFA-Pokal gewonnen haben, dass Rubin Kasan in der letzten Champions-League-Saison den FC Barcelona im Camp Nou bezwungen hat - und dass der russischen Liga genauso viel Europacupstarter zustehen wie der Bundesliga.

Vier Spiele, drei Tore

Mittlerweile kann ich auch aus eigener Erfahrung bestätigen: Das Niveau der Premjer Liga ist wirklich gut. Das der Verteidiger leider auch... Wirklich robuste Jungs, die taktisch absolut topp sind.

Mein sportlicher Start ist zum Glück trotzdem ganz gut gelaufen. Vier Spiele, drei Tore. Was aber noch viel wichtiger ist als die persönliche Bilanz: Wir hatten einen guten Lauf, bis wir leider am letzten Wochenende in Tomsk eine 0:1-Niederlage kassiert haben.

Aber: Unser Abstand auf Platz fünf beträgt bei einem Spiel weniger nur noch sechs Punkte. Es wäre natürlich klasse, wenn wir uns bereits in dieser Saison für den Europapokal qualifizieren könnten - aber spätestens in der kommenden Saison wollen wir richtig angreifen.

Trainingszentrum der Extraklasse

Schließlich haben die Dynamo-Verantwortlichen ambitionierte Pläne, das erkennt man alleine an dem Trainingszentrum im Norden der Stadt, in Nowogorsk. Ich bin ja nun auch schon ein bisschen rumgekommen in meiner Karriere - aber so etwas habe ich noch nie gesehen.

Es gibt zahlreiche erstklassige Rasenplätze, ein Schwimmbad, hochmoderne Fitnessräume, für jeden Spieler ein eigenes Zimmer, in dem er die Trainingspausen verbringen kann - und sogar ein kleines Restaurant.

Dort wird alles serviert, was das kulinarische Herz eines Russen begehrt. Ich stehe ja vor allem auf Piroschki, leckere Teigtaschen, die mit Fleisch, Kartoffelpüree oder Kraut gefüllt sind.

"Ich drücke Schalke die Daumen"

Aber bevor ein falscher Eindruck entsteht: Wir lassen es uns nicht nur gut gehen, wir arbeiten auch hart. Das ist gerade für mich ganz entscheidend. Denn ich weiß, dass ich für mein Spiel topfit sein muss. Deshalb habe ich in meinen ersten Wochen bei Dynamo einige Extraschichten eingelegt, um richtig in Form zu kommen.

Natürlich verfolge ich auch von Russland aus, was in Deutschland passiert, speziell bei meinem alten Klub Schalke 04. Ich hatte dort eine fantastische Zeit und bin aus der Ferne beeindruckt, wie es Felix Magath geschafft hat, einen wunderbaren Spieler wie Raul nach Gelsenkirchen zu lotsen.

Ich denke, dass die Elf so gut verstärkt wurde, dass Magath trotz der zwei Niederlagen zum Auftakt endlich die Meisterschaft nach Schalke holen kann. Ich drücke jedenfalls die Daumen.

DFB-Team bleibt großes Ziel

Das gilt natürlich auch für die EM-Quali-Spiele der deutschen Nationalmannschaft, da fiebere ich immer mit wie ein Fan. Und natürlich ist es nach wie vor mein Ziel, noch mal für die DFB-Elf aufzulaufen. Ich weiß, dass es schwer wird, diesen Traum zu verwirklichen, ich bin ja nicht naiv.

Aber ich werde dafür kämpfen und weiterhin versuchen, den Bundestrainer mit den besten Argumenten zu überzeugen, die ich vorbringen kann: mit guten Leistungen. Es war und ist nicht mein Stil, mit großen Sprüchen irgendwelche Ansprüche zu stellen.

Jetzt aber gilt meine ganze Konzentration erst einmal Dynamo. Wie schon auf Schalke wohne ich auch hier ganz in der Nähe des Trainingsgeländes, um unnötige Energieverluste zu vermeiden. Aber natürlich fahren meine Familie und ich manchmal ins Zentrum.

Moskau bietet alles

Und ich muss zugeben: Wenn mir früher jemand erzählt hat, er sei auf dem Roten Platz gestanden und sei unglaublich beeindruckt gewesen, habe ich mir immer gedacht: Mit etwas weniger Pathos wäre sein Reisebericht auch nicht schlechter geworden.

Aber als ich nun selbst das erste Mal dort war und so zwischen Kreml und Basiliuskathedrale stand - mein lieber Schwan. Das lässt dich nun wirklich nicht kalt. Ich bitte nachträglich alle um Entschuldigung, deren Erzählungen ich in Zweifel gezogen habe.

Das ist die historische Seite der Stadt. Aber es gibt auch noch eine andere, eine moderne. Moskau hat alles, was eine Weltmetropole an Lebensqualität zu bieten hat. Da gibt es keine großen Unterschiede - außer vielleicht, dass ich mich hier bisher nicht so verständlich machen kann.

Wenn in Moskau mal Stau ist...

Mein Russisch ist noch ausbaufähig. Aber es ist ja nicht das erste Mal, dass ich eine Sprache ganz neu lernen muss. Als ich mit 16 Jahren nach Deutschland kam, konnte ich kein Wort Deutsch. Ich kenne die Situation also - und werde versuchen, sie möglichst schnell zu ändern. Zum Glück spricht meine Frau Viktorija fließend Russisch, das ist eine enorme Hilfe.

Es ist also alles gut. Na ja, fast alles. Denn so schön manche Orte in der Stadt auch sind - es gibt hier Tage, da hast du das Gefühl, sie nie erreichen zu können. Wenn in Moskau Stau ist, und hier ist oft Stau, geht gar nichts mehr.

Dagegen garantieren die Autobahnen rund um Köln im größten Berufsverkehr zügiges Dahingleiten. Erst kürzlich hatte ich einen Termin knapp zwölf Kilometer von zu Hause entfernt. Dass meine Frau keine Vermisstenanzeige aufgegeben hat, war alles. Ich habe über vier Stunden benötigt.

Allerdings ist das nichts, was mir nachhaltig die Laune verhageln kann. Hauptsache auf dem Platz läuft es.

Bis bald.

Euer Kevin

 

 

 

 

 

Kevin Kuranyi, geboren am 2. März 1982 in Rio de Janeiro, gehört zu den besten Stürmern Deutschlands. Von 2001 bis 2005 spielte er als Profi für den VfB Stuttgart, danach wechselte er zum FC Schalke 04. Seit Sommer 2010 trägt Kuranyi nun das Trikot von Dynamo Moskau. Für die Nationalmannschaft war er bislang 52 Mal im Einsatz. Mehr Informationen über Kevin Kuranyi gibt es unter www.kevin-kuranyi.de.

Kevin Kuranyi im Steckbrief


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