Ligue 1: Ein absolutes Fußball-Wunder! Stade Brest ist sogar besser als PSG

Von Francesco Schirru / Niklas Staiger
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Nach dem sechsten Spieltag der französischen Ligue 1 steht Stade Brest einsam an der Spitze. Mit Éric Roy als Cheftrainer, Romain Del Castillo als Leistungsträger und einem Ex-Spieler vom SV Waldhof Mannheim aus der 3. Liga.

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Fußball-Romantiker und Liebhaber besonderer Geschichten im Fußball kommen in ganz Europa derzeit auf ihre Kosten. In fast allen Top-Ligen Europas befinden sich derzeit Überraschungsteams ganz weit oben im Spitzenrennen.

In der spanischen La Liga steht der FC Girona sensationell punktgleich mit Spitzenreiter FC Barcelona ganz vorne, hat nur ein Gegentor mehr kassiert. In der Bundesliga liegt der VfB Stuttgart nach den Relegationsspielen in der Vorsaison nur einen Punkt hinter dem Spitzenduo Bayern/Bayer und stellt den aktuellen Top-Torschützen Serhou Guirassy. In der italienischen Serie A ist US Lecce aktuell in den Top-3 zu finden - noch vor Rekordmeister Juventus. Und in der englischen Premier League ist mit Brighton & Hove Albion auch ein selten gesehener Gast in der Spitzengruppe zu finden.

Eine dieser Geschichten vom Sturz der Mächtigen schreibt in dieser Saison auch Stade Brest 29 in der französischen Ligue 1. Nach dem Sieg gegen Olympique Lyon am 6. Spieltag steht Brest alleine an der Tabellenspitze. Seit dem Aufstieg in die französische Topliga 2019 beendeten "die Piraten" keine Saison auf einem einstelligen Tabellenplatz.

Jetzt stehen sie ganz oben - ein absolutes Fußball-Wunder, wenn man die Erwartungen, den Kader und die Geschichte von Trainer Éric Roy bedenkt. Der Trainer übernahm Brest erst im vergangenen Januar und führte den Verein vom Abstiegsplatz 17 zum sicheren Klassenerhalt. Dabei hatte er zuvor im November 2011 letztmals als Trainer an der Seitenlinie gestanden, also über elf Jahre nicht mehr gecoacht.

Éric Roy, OGC Nizza, OGC Nice
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Brest-Erfolgstrainer Éric Roy: Nizza-Legende & Sportkommentator

Eigentlich ist Roy ein Sohn Nizzas. Er ist als Spieler bei der OGC Nizza aufgewachsen, hat dort nach mehreren anderen Stationen 2004 seine Karriere beendet und begann auch dort seine Funktionärslaufbahn. Im März 2010 übernahm er dort als Cheftrainer. Wenn man von Éric Roy spricht, denkt man an "die Adler".

Roy hatte zu Nizza eine besondere Beziehung, die nur am Ende seiner Karriere, d.h. während des Trainerjahres 2010/2011, negativ war: Als René Marsiglia ihn auf der Vereinsbank ersetzte, musste Nizza in nach einem langen Rechtsstreit mit rund 700.000 € entschädigen. Grund war damals die Entlassung ohne einen triftigen Grund.

Von da an war Roy nie wieder Trainer. Nach seiner Nizza-Entlassung nahm er 2012 zunächst einen Job als TV-Kommentator an und entwickelte sich zu einer der beliebtesten Stimmen des französischen Fernsehens. Einzig bei Spielen der OGC Nizza wurde ihm fehlende Objektivität vorgeworfen, insbesondere im französischen Pokalfinale 2022, das der FC Nantes mit 1:0 gewann.

Zwischenzeitlich arbeitete er noch in zwei Funktionärsposten bei anderen Vereinen: 2017 stieg er für zwei Jahre als Sportdirektor bei RC Lens ein. Danach war er noch ein halbes Jahr in derselben Position beim FC Watford tätig.

Éric Roy, Stade Brest 29
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Darum wählte Brest einen TV-Kommentator als Trainer

Obwohl er seit knapp zwölf Jahren nicht mehr Trainer war, wurde Roy 2023 von Brest verpflichtet. Im Januar ersetzte er Interimstrainer Bruno Grougi, der im Oktober nach der Entlassung von Michel Der Zakarian übernommen hatte. Der Zakarian ist mittlerweile Trainer von Montpellier HSC, Grougi arbeitet seit dem Tausch im Januar als Co-Trainer Roys. Der führte Brest zum sicheren Klassenerhalt.

Er tat dies mit einem offensiven 4-3-3, einem sauberen und "einfachen" System. Brest entschied sich für Roy wegen dessen Fähigkeit, Spiele zu lesen. Außerdem gibt es kaum jemanden, der sich - unter den Trainern - im französischen Fußball so gut auskennt wie er. Seine Rückkehr auf die Trainerbank hatte dabei niemand erwartet.

Dabei setzt Roy vor allem auf einfache Mittel. Er will den Fußball nicht revolutionieren. Doch er weiß, wie er seinen Spielern Leidenschaft und Erfahrung vermitteln kann. Außerdem gibt er ihnen immer wieder Lösungen mit, um die Fehler der Gegner bestmöglich auszunutzen. Wenn es besser auf den Gegner passt, variiert Roy sein 4-3-3 zu einem 4-2-3-1. Diese Umstellung nimmt er auch gerne mal innerhalb eines Spiels vor, wenn er sieht, dass seine Grundidee nicht funktioniert.

Stade Brest 29
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Stade Brest: Der Weg an die Spitze der Ligue 1

Stade Brests 13 Punkte in sechs Spielen sind das Ergebnis von vier Siegen, einem Unentschieden und nur einer Niederlage - gegen Marseille. Doch das Spiel gegen OM hat gezeigt, dass Brest mit jedem mithalten kann - auch wenn es mit einem 0:2 endete.

Roy scheint vor keinem Gegner Angst zu haben, genauso wenig gibt er sich mit guten Einzelleistungen zufrieden. Roy treibt die Mannschaft Woche für Woche dazu an, das Maximum aus sich herauszuholen. Dazu gehört auch, eine Führung abzusichern und über die Zeit zu bringen, wenn man früh im Spiel die Oberhand gewonnen hat. Insgesamt hat Brest nur sechs Gegentore kassiert - zwei davon gegen Marseille. Die sichere Defensive ist einer Mannschaft zu verdanken, die gelernt hat, wann sie das Risiko aus dem Spiel nehmen und nicht mehr unbedingt dem nächsten Tor nachjagen muss.

In einer Liga, die normalerweise von Spitzenklub Paris Saint-Germain angeführt wird und die auf mehrere weitere Topklubs folgen, kann Stade Brest weiter träumen. Mit dem Vorjahres-Überraschungsteam Lens und zuletzt Olympique Lyon gab es zudem nicht nur Siege gegen kleinere Klubs - auch die erste Garde der Liga wurde niedergerungen. Am 1. Oktober reist Roy als Tabellenführer zu seiner alten Liebe nach Nizza. Mit dabei: Der neue Leistungsträger, ein torloser Mittelstürmer und ein Spieler, der zuletzt noch in der deutschen 3. Liga für den SV Waldhof Mannheim stürmte.

Romain Del Castillo, Stade Brest 29
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Stade Brest: Das ist der große Leistungsträger

Als ehemaliger Jugendspieler von Lyon und ehemaliger U21-Nationalspieler Frankreichs hat Romain Del Castillo den großen Durchbruch bisher nie geschafft. Die Konkurrenz bei Lyon war immer zu groß und auch bei seinem folgenden Klub Stade Rennes - dem einzigen Unentschieden Brests diese Saison - lief es nicht.

Doch Del Castillos Technik war immer herausragend, auch wenn er sie lange nicht richtig einzusetzen wusste. Doch Roy gelingt es nun, Del Castillo zu seiner besten Waffe zu machen, die auch das Niveau des Spielers anhebt. Der Spieler mit der Rückennummer 10 erzielte bereits drei Saisontore, legte zudem zwei weitere Treffer auf. Del Castillo kann sowohl als Gestalter im offensiven Mittelfeld sowie als Rechtsaußen eingesetzt werden und entscheidet so Spiele.

Immer wieder stößt Del Castillo in Lücken, die seine Kollegen und insbesondere der Mittelstürmer reißen, und wird dort gefährlich. Dabei ist er ein unermüdlicher Arbeiter. Egal ob er die Seitenlinie rauf und runter ackert, oder in den Strafraum einrückt und Tore erzielt. Der 27-Jährige ist das Geheimnis des Erfolgs von Stade Brest und steht symbolisch auch für eine Mannschaft, in der mehrere Spieler ihr Karriere-Hoch erleben.

Adrien Lebeau, SV Waldhof Mannheim
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Stade Brest: Das steckt hinter dem Erfolgsmodell

Ein weiterer Spieler, der das Erfolgsmodell von Stade Brest in dieser Saison gut erklärt, ist Adrien Lebeau. Der gelernte Flügelstürmer kommt aus der Jugend von Racing Straßburg, spielte die vergangenen drei Jahre aber beim SV Waldhof Mannheim in der 3. Liga Deutschlands.

Obwohl er immer wieder von Verletzungen ausgebremst wurde, zeigte Lebeau 2022/23 mit sieben Scorern in 15 Partien seinen Wert - und überzeugte im Sommer beim Probetraining in Brest. Doch nicht etwa als Flügelstürmer: Lebeau agiert beim Spitzenreiter der Ligue 1 als Rechtsverteidiger. Er kam zwar erst auf 14 Einsatzminuten, doch unter Roy bekommt jeder Spieler seine Chance, der sich in den Dienst der Mannschaft stellt und vollen Einsatz zeigt.

Arbeit für das Team ist auch ein Stichwort bei Mittelstürmer Martín Satriano. Der 22-jährige Uruguayer ist bereits zum zweiten von Inter Mailand ausgeliehen. Als er in der Rückrunde 2022 für Brest spielte, galt er als Torjäger und knipste viermal. Doch jetzt ist der Stoßstürmer des aktuellen Tabellenführers der Ligue 1 nach sechs Spieltagen (fünf Einsätze) immer noch torlos.

Anstatt die Tore zu erzielen, hat Satriano unter Roy andere Aufgaben - und ist auch ohne Treffer unverzichtbar. Er läuft extrem viel gegen den Ball und kämpft unentwegt für sein Team. Dabei führt er im Schnitt 9,5 Zweikämpfe pro Spiel und gewinnt davon starke 55 Prozent. Pro Spiel klaut er dem Gegner zwei Bälle in hohen Positionen, aus denen er dann seine Mitspieler einsetzen kann. Damit ist er ein wichtiger Bestandteil der taktischen Ideen des ehemaligen Sportdirektors und Sportkommentatoren, um die Siegchancen von Brest zu maximieren - und dem Verein etwas mehr als den Abstiegskampf bieten zu können.

Ligue 1: Die aktuelle Tabelle

PlatzTeamSp.ToreDiffPkt.
1.Brest68:6213
2.Nice68:4412
3.PSG614:6811
4.Monaco615:8711
5.Strasbourg67:8-110
6.Le Havre610:739
7.Olympique Marseille67:8-19
8.Rennes610:648
9.Nantes611:1108
10.Lille57:708
11.Metz67:10-38
12.Reims59:727
13.Montpellier69:906
14.Lorient610:12-26
15.Toulouse66:8-26
16.Lens66:12-64
17.Olympique Lyonnais63:11-82
18.Clermont65:12-71
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