Lieber Uno am Strand als englische Nationalelf: Arsenals Ben White polarisiert wie kaum ein anderer

Von Stefan Petri
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Mit Ben White ist beim FC Arsenal ein ehemaliger Innenverteidiger in einer ganz neuen Rolle zum Leistungsträger gereift. Unter Trainer Mikel Arteta hat sich der 26-Jährige zum Publikumsliebling gemausert und arbeitet aktiv gegen das "Schönspieler-Image" des Klubs an, was auch mal für Negativschlagzeilen sorgt. Dabei hat White manchmal gar keine Lust auf Fußball - und auf eine besondere Ehre auch nicht.

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Beim FC Bayern München sorgt die Position des Rechtsverteidigers seit Jahren für Diskussionsstoff: Joshua Kimmich will eigentlich nicht, muss aber immer mal wieder - so wie aktuell. Neuzugänge wie Bouna Sarr, Noussair Mazraoui oder im Winter Sasha Boey waren entweder nicht gut genug oder zu oft verletzt, sodass sogar Konrad Laimer das eine oder andere Mal aushelfen musste. Fortsetzung im Sommer nicht ausgeschlossen.

Von einem Problem hinten rechts kann beim FC Arsenal derweil keine Rede sein, spätestens seit Beginn der Saison 2022/23. Da nämlich wurde Innenverteidiger Ben White an die rechte Seitenlinie versetzt. Seitdem sind dort keine Fragen mehr offen: Beim ungefährdeten 3:0 in Brighton absolvierte White seine 100. Premier-League-Partie im Trikot der Gunners, seit seiner Ankunft im Sommer 2021 hat er an stolzen 122 von 134 möglichen Pflichtspielen teilgenommen.

Daran wird sich so schnell auch nichts ändern: Mitte März verlängerte der 26-Jährige seinen Vertrag beim Tabellenführer vorzeitig bis 2028. "Ben ist ein Schlüsselspieler für uns, ein Top-Profi mit einer Siegermentalität und einer derjenigen, die jeden Tag mit gutem Beispiel vorangehen", lobte Trainer Mikel Arteta. Und White erklärte: "Ich habe es schon einmal gesagt, dass ich nirgendwo sonst sein will. Es ist perfekt."

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Ben White beim FC Arsenal: Artetas Geniestreich führt zu Positionswechsel

Perfekt scheint auch die Rolle zu sein, die Arteta seinem "Schlüsselspieler" auf den Leib geschneidert hat. Wobei es eine Weile dauerte, bis der das in White schlummernde Potenzial entdeckte, schließlich war der in den ersten Jahren seiner Karriere als klassischer Innenverteidiger unterwegs. Vielseitig zwar, und technisch durchaus beschlagen, aber bis auf wenige Ausflüge ins defensive Mittelfeld zentral hinten verortet.

Keineswegs erfolglos, muss dazu gesagt werden: White hatte mit Brighton & Hove Albion gerade mal ein volles Jahr in der Premier League hinter sich und unlängst bei den Three Lions debütiert, als Arsenal am 30. Juli 2021 50 Millionen Pfund - umgerechnet über 58 Millionen Euro - für ihn hinblätterte. Ein stolzer Preis, den so mancher Experte als etwas zu hoch erachtete. Und diese Zweifel blieben, selbst als White sich ohne viel Anlaufzeit als Stammspieler etablierte und mit dem Team nur knapp die Champions-League-Qualifikation verpasste.

Es war ein Geniestreich Artetas, White im darauffolgenden Sommer als Rechtsverteidiger auflaufen zu lassen. So schuf er nicht nur Raum für Rückkehrer William Saliba, sondern den Grundstein für die Achse "White-Saka-Ödegaard", mittlerweile eine der gefährlichsten rechten Flanken im europäischen Fußball.

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Ben White "hat den totalen Siegeswillen"

Die neue Position machte sich der in der englischen Küstenstadt Poole geborene White schnell zu eigen. "Ich war nie das ganz große Supertalent, etwas 'Einzigartiges'", sagte er einmal. "Aber ich habe härter gearbeitet als alle anderen." Eine Eigenschaft, die Arteta an ihm schätzt: "Er ist immer bereit dazuzulernen, trainiert ohne Ende und spielt, egal unter welchen Umständen. Er ist unvoreingenommen und hat den totalen Siegeswillen. Das macht den Unterschied", betonte er nach dem Brighton-Spiel.

So konnte sich der 1,86-Meter-Mann als Rechtsverteidiger mit stetig steigendem Offensivdrang etablieren. An der Seite von Dribbler Bukayo Saka und Stratege Martin Ödegaard reißt White mit einem enormen Laufpensum Lücken, ob er nun zur Grundlinie überläuft oder als "inverser Außenverteidiger" immer wieder in die Mitte zieht. "Um für Mikel Arteta Außenverteidiger zu spielen, muss man ein Sechser sein, Innenverteidiger, Flügelspieler und Nummer zehn", erklärte White im vergangenen Sommer. "Also musste ich mein Spiel entwickeln, mehr als bei einem klassischen Außen- oder Innenverteidiger."

Die Passqualität eines Trent Alexander-Arnold oder Keiran Trippier erreicht White nicht, aber er bringt seine Qualitäten ein und kann durchaus Flanken: Beim 2:1 gegen Brentford vor einigen Wochen bereitete er beide Tore durch hohe Flanken vor. Dazu findet er mittlerweile auch selbst den Weg in den gegnerischen Strafraum. Die nötige Physis und Zweikampfhärte für den defensiven Part bringt er ohnehin mit. Das erlaubt seinem Trainer flexible Formationen: Bei eigenem Ballbesitz spielt Arsenal auch mal Dreierkette, mit einem ins Mittelfeld gerückten Linksverteidiger, weil White hinten ohne Qualitätsverlust absichern kann.

Ben White: Statistiken der Saison 2023/24 beim FC Arsenal

PflichtspieleEinsatzminutenToreVorlagenGelbe Karten
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Ben White: Diese Eigenart verwundert die Fußball-Fans

Der Aufschwung des Teams in den vergangenen beiden Spielzeiten liegt so auch am Dauerbrenner auf der rechten Seite. White hat sich in Nordlondon zum Publikumsliebling gemausert, von den Fans wurde er am Montag zum Spieler des Monats März gewählt. Dementsprechend schnell verzeiht man ihm die eine oder andere Eigenart - wie etwa die Tatsache, dass er bei seiner Verpflichtung nicht wirklich viel mit dem Namen Patrick Vieira anfangen konnte. Dabei übernahm er doch die Rückennummer vier der Klublegende.

Der Grund: In seiner Freizeit hat White mit Fußball nicht viel am Hut. "Als Kind habe ich nie Fußball geguckt, das mache ich bis heute nicht", verriet er bei Sky Sports. "Den Sport habe ich geliebt, aber ich habe immer selbst gespielt, statt zuzugucken." Daran hat sich auch als Profi nichts geändert: "Ich komme jeden Tag rein und gebe 100 Prozent. Danach will ich nur noch nach Hause und an etwas anderes denken", erklärte er. "Ich analysiere meine eigenen Leistungen und schaue vielleicht noch die Nationalmannschaft, aber ich bin eigentlich immer beschäftigt. Da setze ich mich nicht einfach hin und sehe mir ein Spiel an."

Für einen Profi eine ungewöhnliche Einstellung, aber keineswegs einmalig. "Das ist vielleicht bei fünf Prozent aller Spieler so", mutmaßte Ex-Gunner Cesc Fabregas vor einigen Wochen im "Planet Premier League"-Podcast. "Das muss man respektieren."

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Ben Whites dunkle Seite: "Ein verdammter Witz!"

Verfolgen wird White diese Einstellung erst dann, wenn es mal nicht so läuft. Und in den Zeitungskolumnen die Frage gestellt wird, ob es nicht auch daran liegen könnte, "dass er den Fußball nie geliebt hat."

Was ihm allerdings schon jetzt nachhängt, sind die Eigenschaften seines Spiels, die nicht zum Arsenal-Image als Schönspieler-Klub passen. White ist nämlich nicht nur für sauberes Kombinationsspiel zuständig, sondern gleichermaßen für zynische Fouls, oder Behinderungen des gegnerischen Torwarts im Fünfer, wo er "einfach im Weg steht" und "schaut, was passiert". Ellbogeneinsatz inklusive.

"Es geht darum, wirklich alles für den Sieg zu tun", beschreibt er selbst seine Mentalität. Eine, die Arteta seinem oftmals etwas zu braven Team einimpfen will. White, mit seinen 26 Jahren auf dem Weg zum Führungsspieler, geht hier "mit gutem Beispiel voran". Das war selten so eindeutig zu sehen wie gegen Brighton: Beim Stand von 1:0 fuhr White gegen Gegenspieler Pervis Estupiñán abseits des Balles erst den Ellenbogen aus und ließ sich anschließend mit den Händen am Hals theatralisch zu Boden fallen, als der sich mit einem Wischer revanchierte.

Auf der Insel kam Whites sterbender Schwan gar nicht gut an. "Ein verdammter Witz", schimpfte Torjägerlegende Alan Shearer, "peinlich" sei die Aktion gewesen. Aber auch das werden ihm die Fans verzeihen, sollten die "dunklen Künste" am Ende den ersehnten Erfolg bringen. "Ich will einfach alles gewinnen", sagt White über sich selbst. "Schon als Kind habe ich aggressiv gespielt und alles für den Sieg getan."

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Keine Lust auf Three Lions: Ben White macht lieber Urlaub

Zwei mögliche Titel visiert White mit den Gunners in den kommenden knapp zwei Wochen noch an. In der Königsklasse wartet mit den Bayern ein wankender Riese, in der Liga hat man es bei sieben verbliebenen Partien selbst in der Hand.

Auf einen dritten verzichtet er derweil freiwillig: Für die beiden Länderspiele im März sagte White Three-Lions-Manager Gary Southgate über seinen Klub ab, zeigte sich in den sozialen Medien lieber zeitgleich beim Uno-Spielen am Strand mit Frau Milly. Eine weitere Entscheidung, die in England heiß diskutiert wurde, schließlich hätte ihn Southgate gern nominiert, eine Verletzung lag ebenfalls nicht vor.

The Athletic berichtete, dass White in der Vergangenheit mit seiner Rolle als Ersatzmann im Nationalteam nicht gut zurecht gekommen sei. Auch einen Streit mit Co-Trainer Steve Holland soll es am Rande der WM 2022 in Katar gegeben haben. Von dort war White vorzeitig abgereist, das letzte seiner vier Länderspiele ist nun über zwei Jahre her. "Für mich ist das sehr schade", sagte Southgate, der White auch im Nationaltrikot gern neben Saka gesehen hätte: "Die Tür ist weit offen."

White selbst schweigt zu den Gründen für seine Absage. Und konzentriert sich auf seine Heimat Arsenal. "Dieses Gefühl stellte sich in der Vorbereitung auf mein zweites Jahr ein", verriet er nach seiner Vertragsverlängerung: "Davor war ich immer nur ein Jahr beim gleichen Klub, zuerst per Leihe, dann in Brighton, dann Arsenal. Zum ersten Mal bin ich nicht gegangen. In diesem Moment habe ich realisiert, dass ich noch lange hier bleiben werde."

Champions League: Die Viertelfinalspiele auf einen Blick

DatumAnpfiffHeimAuswärts
Di., 09. April21.00 UhrFC ArsenalFC Bayern München
Di., 09. April21.00 UhrReal MadridManchester City
Mi., 10. April21.00 UhrAtlético MadridBVB
Mi., 10. April21.00 UhrParis Saint-GermainFC Barcelona