Mittwoch, 30.06.2010

Neuanfang beim FC Liverpool

Roy Hodgson: Magier in gefährlicher Mission

Roy Hodgson wird Nachfolger von Rafael Benitez beim FC Liverpool. Die Aufgabe für den 62-jährigen Weltenbummler mutet wie ein Himmelfahrtskommando an und die Basis ist skeptisch, doch womöglich ist Hodgson genau der richtige Mann am richtigen Ort.

Ovationen im Craven Cottage: Roy Hodgson führte Fulham zum größten Erfolg der Klubgeschichte
© Getty
Ovationen im Craven Cottage: Roy Hodgson führte Fulham zum größten Erfolg der Klubgeschichte

Es mutet wundersam an, was Roy Hodgson in nur zweieinhalb Jahren als Trainer des FC Fulham bewegt hat. So wundersam, dass man ihm magische Fähigkeiten attestierte.

Als er im Dezember 2007 beim kleinen Westlondoner Klub anheuerte, schien dieser dem Abstieg aus der Premier League geweiht. Doch Hodgson gelang die Mission Klassenerhalt mit einem Sieg am letzten Spieltag.

Die Saison darauf wurde mit Platz sieben die erfolgreichste in der Geschichte des Klubs und zuletzt führte Hodgson Fulham sensationell bis ins Finale der Europa League.

Aus dem Nichts war Hodgson für viele gekommen, nachdem er von zwei kurzen Intermezzi abgesehen, über Jahrzehnte fern der englischen Heimat gearbeitet hatte.

Klub mit Schlagseite

Und jetzt mit 62 und im 35. Karrierejahr steht er vor der größten Herausforderung seiner Karriere. Als Nachfolger von Rafael Benitez soll Hodgson dem FC Liverpool nach der schlechtesten Saison seit 2003 wieder auf die Sprünge helfen.

Doch es ist kein Neuanfang, den Hodgson bewerkstelligen soll. Er kommt nicht in ein Klima, das von Aufbruchstimmung und freudiger Erwartung geprägt ist.

Hodgson übernimmt einen Klub, der deutlich Schlagseite und 237 Millionen Pfund Schulden hat. Nicht genug damit, ist die Zukunft der Reds vollkommen ungewiss: Die beiden US-amerikanischen Besitzer Tom Hicks und George Gillett haben den Klub zum Verkauf angeboten.

Sparen heißt die Losung, sollte kein Käufer auf den Plan treten, der sich nicht von den aufgerufenen 800 Millionen Pfund abschrecken lässt, und für einen Finanz- und Politikumschwung sorgt.

Frostiger Empfang der Basis

Die Basis hat sich schon lange von den Klubbesitzern losgesagt, denen sie eine Politik der Lügen und der falschen Versprechungen vorwirft. Die Fangruppierungen organisieren lautstarken Protest und arbeiten an Modellen, um die Übernahme von Klubanteile zu bewerkstelligen.

In diesem rauen Klima schlägt dem neuen Trainer schon vor seinem offiziellen Amtsantritt ein eisiger Wind entgegen.

Hodgson sei zur falschen Zeit am falschen Ort, heißt es etwa auf dem Fanportal "anfieldroad.com" und seine Verpflichtung ein Zeichen dafür, dass man seitens der Klubführung auf Mittelmaß setze.

Andere Anhänger sehen in Hodgson durchaus einen fähigen Mann, lehnen aber jegliche Entscheidung unter den gegenwärtigen Strukturen aus Prinzip kategorisch ab.

Andere sagen, Hodgson habe nicht die entsprechenden Referenzen, um Trainer bei einem der ruhmreichsten Klubs der Welt zu sein.

Gut, er sei bei Inter Mailand gewesen und mit der Schweiz im WM-Achtelfinale 1994, doch die meiste Zeit habe er eben in Schweden und vor seinem Engagement in Fulham in den Vereinigten Arabischen Emiraten, bei Viking Stavanger und in Finnland verbracht.

Top 4 in weiter Ferne

Hodgons Auftrag besteht in erster Linie darin, aus einer Mannschaft, die vor 14 Monaten beinahe Meister geworden wäre und in der zurückliegenden nur durch Portsmouths Insolvenz in die Europa League gerutscht ist, eine zu machen, die wieder unter die ersten Vier kommt.

Ein Unterfangen, dass schwieriger denn je werden dürfte, da Chelsea und Manchester United den Reds um Lichtjahre voraus scheinen und auch Arsenal, Manchester City und Tottenham Hotspur nur schwer zu verdrängen sein werden.

Der FC Liverpool - Porträt in Bildern
You'll Never Walk Alone - Motto, Markenzeichen und Hymne des FC Liverpool, eines der erfolgreichsten und traditionsreichsten Fußball-Klubs der Welt
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You'll Never Walk Alone - Motto, Markenzeichen und Hymne des FC Liverpool, eines der erfolgreichsten und traditionsreichsten Fußball-Klubs der Welt
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Das Stadion an der Anfield Road. Die Heimspielstätte der Reds bietet Platz für 45.632 Fans
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Mit 18 nationalen Titeln ist der FC Liverpool die Nummer zwei in England hinter Manchester United - auch wenn die meisten Erfolge schon eine Weile zurückliegen
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Ein Blick in die Kabine - Den letzten Meistertitel feierten die Reds dort im Jahr 1990
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Ein Blick in die Kabine - Den letzten Meistertitel feierten die Reds dort im Jahr 1990
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The Kop: Die wohl berühmteste Fankurve im internationalen Fußball. Sie machte "You'll Never Walk Alone" zur Fußball-Hymne schlechthin
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Seine größten Erfolge feierte Liverpool zwischen 1965 und 1985. Einer der Stars von damals: Kevin Keegan (l.), der Ende der 70er auch für den HSV aktiv war
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Zu einer Spitzenmannschaft wurde Liverpool unter Bill Shankly. Der Trainer ist noch heute eine Ikone - dank seiner Erfolge und seiner markigen Sprüche
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Liverpool-Legende Shankly: "Viele halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich versichere Ihnen aber, dass es viel ernster ist!"
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Shankly zu einem am Knie bandagierten Spieler: "Nimm sofort den Scheiß-Verband ab! Und was heißt hier dein Knie? Das Knie gehört Liverpool!"
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Die Heysel-Katastrophe von 1985: Vor dem Europapokal-Finale gegen Turin in Brüssel stürmen Liverpool-Anhänger einen neutralen Fanblock
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Während der anschließenden Massenpanik fanden 39 Menschen den Tod, 454 wurden verletzt. Eine der größten Tragödien im europäischen Fußball
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Alle englischen Fußball-Klubs wurden daraufhin für fünf Jahre von internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen, der FC Liverpool sogar für sieben
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1989 die nächste Stadion-Tragödie in Hillsborough: Die Polizei ließ zu viele Fans in den Liverpool-Block. Mehrere hundert Fans wurden gegen den Zaun gedrückt
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96 Liverpool-Fans kamen dabei ums Leben, 730 wurden verletzt. "You'll Never Walk Alone" wurde daraufhin ins Vereins-Wappen der Reds aufgenommen...
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...die Fans singen die Hymne seither vor jedem Heimspiel auch als Zeichen der Anteilnahme für die Hinterbliebenen der 96 Toten
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Es dauerte fast 20 Jahre, ehe Liverpool wieder auf die ganz große europäische Bühne zurückkehrte. 2005 gewannen die Reds die Champions League
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In einer legendären Partie lag Liverpool gegen Milan zur Pause schon 0:3 zurück und rettete sich noch ins Elfmeterschießen. Didi Hamann verwandelte...
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Jerzy Dudek hielt einen Elfmeter gegen Andrej Schewtschenko, und Liverpool gewann am Ende das Elfmeterschießen mit 6:5
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Danach brachen in Liverpool alle Dämme: Die Reds feierten ihren insgesamt fünften Erfolg in der europäischen Königsklasse
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Zwei Jahre später die Revanche. Doppel-Torschütze Filippo Inzaghi und der AC Mailand feierten den 2:1-Triumph gegen Liverpool im Endspiel in Athen
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Liverpool naturgemäß am Boden zerstört. Doch die eigenen Fans empfingen die Mannschaft bei ihrer Rückkehr mit: "You'll Never Walk Alone!"
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Jagd auf Gerrard, Torres und Co.

Zudem muss sich Hodgson darauf gefasst machen, dass er sich gleich nach seinem Amtsantritt, spätestens aber nach dem Ende der WM, im Mittelpunkt einer gnadenlosen Treibjagd auf seine besten Spieler wiederfinden wird.

Im Kampf um die Granden Steven Gerrard, Fernando Torres und Javier Mascherano steht er zahlungskräftiger Konkurrenz aus Italien, Spanien und der eigenen Nachbarschaft mit wenig finanziellen Mitteln und ohne das Faustpfand Champions League gegenüber.

Ruhiger Mann in rauer See

Was nach einem Himmelfahrtskommando klingt, muss aber keines werden. Für den Schlamassel, in dem der FC Liverpool steckt, kann Hodgson nichts. Für finanzielle Engpässe und ein geringes Transferbudget auch nicht. Und um sich wegen des Gegenwinds von Seiten der Basis verrückt zu machen, ist er zu erfahren, zu gesetzt und zu intelligent.

Hodgson ist nicht der Startrainer, den sich die Fans der Reds vielleicht gewünscht haben, aber in einem chaotischen Umfeld mit seiner ruhigen Art womöglich genau der richtige Mann.

Enervierende Akribie

Er hat in Fulham bewiesen, dass er einer Mannschaft eine klare Handschrift geben kann. Tausendfaches Erproben jeder erdenklichen Spielsituation im Training, ist sein bevorzugtes Lehrmittel. Die perfekte Ordnung und Organisation sind das Ziel.

"Wir machen die gleichen Sachen in jeder Session und das wird schon mal langweilig, aber wir wissen, dass es funktioniert und deshalb tun wir es gern", erzählt Fulhams Zoltan Gera von der Zeit unter Hodgson. "Ich will's mal so sagen: Wenn ich mitten in der Nacht aufwache, dann weiß ich sofort, was ich auf dem Spielfeld zu tun habe. Ich weiß jede Kleinigkeit über unser Spiel."

Auch Simon Davies hatte mit Hodgons enervierender Akribie zu kämpfen: "Manchmal lachen wir darüber, aber als er kam, waren wir im Abstiegskampf und zuletzt spielten wir Europa League, also machst du es. Wenn du für ihn spielst, dann legst du den Schalter um, bringst Leistung und machst deinen Job im System."

Üben bis zum Erbrechen

Hodgson selbst gibt nicht viel auf den Hype, der um das Fulham-Märchen gemacht wurde. "Das macht den Leuten natürlich Spaß, zu glauben, dass manche Trainer mit magischen Kräften geboren werden und Böses in Gutes verwandeln können, aber ich glaube nicht daran."

Für ihn ist Erfolg das Ergebnis knochenharter Arbeit und jeder Menge Fleiß, die er selbst tagtäglich in Trainingsanzug und Fußballstiefeln an den Tag legt. Und üben. Immer wieder üben. Bis zum Erbrechen. Hodgson kann auch Lahme wieder gehen machen und fast ohne Geld eine tolle Mannschaft bauen. Aber mit Magie hat das alles überhaupt nichts zu tun.

Inter verpflichtet Benitez für zwei Jahre

Oliver Wittenburg

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