Newcastle United im Fokus

Bescheidenheit ist der Anfang aller Vernunft

Von Matthias Kerber
Freitag, 11.06.2010 | 15:23 Uhr
Newcastle United stieg mit elf Punkten Vorsprung souverän in die Premier League auf
© Getty
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Es ist ein gutes Jahr her, als der englische Traditionsklub Newcastle United den bitteren Gang in die zweite Liga antreten musste. Mit dem direkten Wiederaufstieg in die Premier League konnten die Magpies den Betriebsunfall schnell korrigieren. Probleme gibt es aber dennoch.

Die Abstiegssaison beim als launische Diva bekannten Klub kann man selbst für dessen exzentrische Standards getrost als turbulent und chaotisch bezeichnen.

Der damalige Coach Alan Shearer, der im April als Trainer verpflichtet wurde und den totalen Absturz in die Zweitklassigkeit verhindern sollte, resümierte nach dem Abstieg: "Wir können uns nicht beschweren. Wir können nicht sagen, dass wir Pech hatten." Mit Pech hatte der Abstieg der Magpies in der Tat wenig zu tun. Die Kategorien Unvermögen und Konzeptlosigkeit treffen den Kern sehr viel besser.

Das Chaos nimmt seinen Lauf

Der Klub machte seinem Ruf als Chaos-Verein alle Ehre. Zunächst warf der wie ein Heilsbringer gefeierte Coach Kevin Keagan nach einem Streit mit Klub-Besitzer Mike Ashley und Sportdirektor Dennis Wise im September 2008 das Handtuch. Die treuen Fans quittierten dies mit dem totalen Liebesentzug für den unbeliebten Ashley, der sich daraufhin nicht mehr in Newcastle blicken lassen konnte.

Die Fans demonstrierten für den geschassten Trainer und beim darauffolgenden Match im Ligapokal gegen Tottenham fanden nur 20.577 Fans den Weg ins Stadion - der Negativrekord seit dem Umbau des St. James' Park in eine moderne Arena mit über 50.000 Plätzen im Jahr 2000.

Eigentümer Ashley, ohne jedes Gespür für das Innenleben der Fans, spielte nach den Tumulten um die Keagan-Entlassung den trotzigen Jungen und stellte den Klub zum Verkauf - allerdings ohne Erfolg.

Ashley, ein Londoner Sportartikelhersteller, der seit seiner Übernahme des Klubs Mitte 2007 stets im Newcastle-Jersey auf der Ehrentribüne zu sehen war, traute sich aus Angst vor der Toon-Army, den Fans der Magpies, nun gar nicht mehr in Englands Norden. Die Anhänger fühlten sich von der "Cockney Mafia" verschaukelt.

Der tiefe Fall

Als der neue Coach Joe Kinnear das Ruder übernahm - eine der wenigen gelungenen Entscheidungen der Klubführung - und die Mannschaft wieder in ruhigeres Fahrwasser gesteuert hatte, musste er mit akuten Herzproblemen zurücktreten. Das war dann wirklich Pech für den Verein und tragisch für Kinnear.

So kam das mit Stars wie Michael Owen, Obafemi Martins und Fabricio Coloccini besetzte Team nie zur Ruhe. Als dann in der Winterpause auch noch Torhüter Shay Given nach zwölf Jahren den Klub entnervt verließ, war das Chaos perfekt. Der irische Nationalkeeper wurde für die verhältnismäßig geringe Summe von sieben Millionen Euro an Manchester City geradezu verscherbelt.

Der Klub taumelte zielsicher Richtung zweite Liga. Auch die Maßnahme Alan Shearer als neuen sportlichen Leiter zu verpflichten, verpuffte. Der beste Newcastle-Torjäger aller Zeiten holte magere fünf Punkte aus den letzten acht Partien. Der Abstieg nach 16 Jahren Premier League war Gewissheit.

Souveräne Rückkehr

Newcastle United verlor Stars wie Owen, Martins und Mark Viduka. Das Gerüst der Mannschaft um den ehemaligen Nationalspieler Alan Smith und Coluccini blieb allerdings zusammen. In der zweiten Liga startete das Team furios.

In den ersten fünf Spielen fuhr man vier Siege und ein Unentschieden ein. Die Toon-Army unterstützte die Mannschaft vorbehaltlos. Der Klub konnte in der Aufstiegssaison einen Zuschauerschnitt von knapp 43.000 verzeichnen. Nur vier Premier-League-Vereine hatten mehr Besucher.

Der Klub lebt weiter über seine Verhältnisse

In Newcastle wurde nichts anderes als der sofortige Wiederaufstieg erwartet. Zum einen aus simplem sportlichem Prestige, zum anderen, weil der Klub hochverschuldet ist und auf Dauer die satten Einnahmen aus den Fernsehübertragungsrechten der Premier League benötigt.

Mit dem Verbleib der meisten Spieler ging der Verein ein finanziell großes Risiko ein und man lebte auch in Liga zwei weiter über seine Verhältnisse. Newcastle leistete sich einen Kader, der rund 50 Millionen Euro an Spielergehältern verschlang.

Trainer Chris Hughton verstand es aber sein Team von diesem Druck abzuschirmen. "Ich denke, dass wir sehr gut mit dem Druck umgegangen sind", bilanzierte Stürmer Alan Smith zum Abschluss einer überzeugenden Saison. Newcastle holte in 46 Ligaspielen unglaubliche 102 Punkte und stieg souverän in die Premier League auf.

Doch wie sehen die Planungen für die neue Saison aus?

Angespanntes Verhältnis zwischen Fans und Klubführung

Dass das Verhältnis zwischen Klubführung und Fans gelinde gesagt ein großes Missverständnis ist, machen die Erwartungen und Planungen für die kommende Saison deutlich.

Die Fans erwarten nun Investitionen in den Kader. Diesem Wunsch erteilte die Vereinsspitze aber eine klare Absage. "Die erst Mannschaft, die dieses Jahr die Liga gewonnen hat, wird die Basis für die kommende Premier-League-Saison bilden", ließ der Klub in einer Pressemitteilung verlautbaren.

Die Mannen um Ashley besannen sich damit offenbar auf verantwortungsvolles Wirtschaften. In den letzten beiden Geschäftsjahren hat der Verein einen Verlust von umgerechnet 85 Millionen Euro gemacht.

Keine Investitionen für die neue Saison

Auch wenn der Aufstieg rund 70 Millionen Euro wert sein dürfte, gehen die Planungen eher in die Richtung, dass Jugendspieler in die erste Mannschaft geholt werden oder aber dass man Spieler ausleiht.

Mit Jack Wilshere von Arsenal, Danny Welbeck und Tom Cleverley von ManUtd hat man drei Spieler auf dem Zettel, die dem Spiel der Magpies mehr Kreativität verleihen sollen. "Ich gehe nicht davon aus, dass viele neuen Spieler zu uns stoßen werden. Es werden aber auch nicht viele den Verein verlassen", so Trainer Hughton.

Einer, der den Verein möglicherweise verlassen könnte, ist Andy Carroll. Der Stürmer erzielte 19 Tore in 35 Spielen und weckt Begehrlichkeiten beim FC Chelsea. Die sind bereit, rund neun Millionen Euro für den 21-Jährigen zu investieren.

Mit der Personalie Carroll zeigt sich das Dilemma, in welchem Newcastle steckt. Einerseits will man die Leistungsträger halten, kann aber aufgrund des selbstverordneten Sparzwangs die ohnehin schon üppige Gehaltsliste nicht noch weiter aufblähen.

Toon-Army kritisiert Klubführung

Die, die kommen werden, sollen vor allem charakterlich in das Mannschaftsgefüge passen. "Es kann nicht noch mal so ablaufen wie letztes Mal. Wir kaufen einen großen Namen ein und alles fokussiert sich dann auf ihn", so Mittelfeldspieler Kevin Nolan.

Der Klub plant in fünf Jahren die Gewinnschwelle zu erreichen und dafür muss gespart werden. Trainer Chris Hughton ist also dazu verdammt, mit dem vorhandenen Spielermaterial auszukommen.

Fangruppierungen sehen das Sparmodell weitaus kritischer. "Sie reden zwar davon in fünf Jahren den Break-even-Point zu erreichen, aber das ist davon abhängig, dass der Klub in der Premier League bleibt", sagt Mark Jensen, Herausgeber des Fanmagazins "The Mag".

Die Fans befürchten, dass der jetzige Kader den Ansprüchen der Premier League nicht genügt. "Wir haben immer gesagt, dass der Klub eine langfristige Strategie verfolgen muss. Aber dieser Fünf-Jahres-Plan reflektiert nicht, was Newcastle wirklich nach vorne bringt", so Jensen weiter.

Erfolgreich in der Premier League, wenn...

Für Newcastle geht es darum, das in der letzten Saison gewonnene Selbstvertrauen in die neue Spielzeit hinüber zu retten. Wenn sich die Mannschaft als geschlossene Einheit präsentiert und als Team funktioniert, kann der Klassenerhalt gelingen. Die Qualität besitzt der Kader allemal.

Der Klubführung muss es gelingen, die Balance zwischen den nötigen Sparzwängen und gezielten, zukunftsweisenden Investitionen zu finden. Es muss darum gehen, das verlorene Vertrauen der Fans zurückzugewinnen. Dann ist auch eine Versöhnung mit den Anhängern möglich und der Verein kann sich langfristig und erfolgreich in der Premier League etablieren.

Alle Daten und Fakten zur Premier League

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