Mittwoch, 06.08.2008

Kolumne von Wolff Fuss

Scolaris großer Auftrag

Am 16. August startet die englische Premier League. Auch in der neuen Saison überträgt Premiere wieder live. Die Highlights der wichtigsten Spiele sehen Sie als Video bei SPOX.TV. Für Premiere begleitet Kommentator Wolff Fuss das Geschehen. Bei SPOX wagt er einen Ausblick und beleuchtet die Situation beim FC Chelsea.

Scolari, Deco, Chelsea
© Getty

Jetzt ist er also doch in England gelandet. Vor Jahren schon war er ein ganz heißer Anwärter auf den Posten des englischen Nationaltrainers, kniff allerdings seinerzeit vor den Enthüllungskünstlern des englischen Boulevards.

Die hatten kurz vor Vertragsunterzeichnung in seinem Vorgarten für exklusive Familienfotos auf der Lauer gelegen und so ließ Luiz Felipe Scolari die Sache platzen. Statt dem kostbarsten englischen Schatz nach den Kronjuwelen, verwaltet der brasilianische Weltmeistertrainer von 2002 nun also das Heiligtum von Roman Abramowitch, den FC Chelsea.

Er ist der vierte Trainer in der Ära Abramowitch, der zum Heben des heiligen Grals zugelassen wird - es geht, na klar, um den Champions-League-Sieg.

Der gegrätschte Elfmeter

Claudio Ranieri durfte sich 2003 als erster versuchen, scheiterte im Halbfinale. Es folgte Jose Mourinho: zweimal Meister, zweimal Ligapokal-Sieger, FA-Cup-Sieger, zweimal das Halbfinal-Aus in der Champions-League gegen den FC Liverpool. The Special One war am Ende zu special für den russischen Oligarchen. Beide duldeten und dulden keine anderen Götter neben sich.

Mit Avram Grant folgte ein treuer Erfüllungsgehilfe im Roman Empire. Chelsea schien zwei Nummern zu groß für ihn. Sein Stil war eher spröde. Und trotzdem: Keiner seiner Vorgänger kam dem Pott mit den großen Ohren bislang so nah wie er. Doch weil John Terry Elfmeter mitunter eben nicht nur schießt, sondern auch grätscht, verlor er seinen Posten. Er ging allerdings erhobenen Hauptes und bleibt ein Freund des Hauses.

Deco das alter Ego

Jetzt also Luiz Felipe Scolari. Ein Name wie Donnerhall im Weltfußball, auch wenn er erstmals in seiner Karriere eine europäische Vereinsmannschaft trainiert. Mit Brasilien, insbesondere aber auch mit der potugiesischen Nationalmannschaft hat er unter Beweis gestellt, dass sich bei seiner Art Fußball zu praktizieren Ästhetik und Organisation nicht ausschließen.

Sein gewissermaßen alter Ego auf dem Platz ist Deco. Ihn, den gebürtigen Brasilianer, machte er einst zum Portugiesen, ihn verpflichtete er als erste Amtshandlung aus Barcelona. Mit Jose Bosingwa holte er einen weiteren portugiesischen Nationalspieler für die rechte Abwehrseite, Chelseas einzige echte ernsthafte Schwachstelle der Vorsaison.

Ballack und die großen Fünf

Premiere-Kommentator Wolff Fuss
Premiere-Kommentator Wolff Fuss
© Premiere

Ansonsten ist es ihm gelungen, spektakuläre Transfers zu verhindern, insbesondere in auswärtige Richtung. Jose Mourinho versuchte sirenengleich Frank Lampard und Didier Drogba zu Inter Mailand zu locken, beide werden nach momentanem Stand dem FC Chelsea erhalten bleiben.

Mit Claude Makelele hat lediglich ein Leistungsträger des Vorjahres, mit 35 allerdings im Spätherbst seiner Karriere, den Verein verlassen. Ein Verlust also, den diese Mannschaft locker wegstecken kann, zumal es sich bei ihm um einen Akteur aus dem Mittelfeld, wo die Leistungsdichte bei den Londonern am größten ist.

Scolari ist ein Verfechter des 4-3-3 und für die mittlere Drei stehen mit Deco, Lampard, Essien, Ballack und Obi Mikel große Fünf zur Verfügung. Als Scolaris größte Problemzone stellt sich die Offensive dar. Für die beiden Außenstürmerpositionen stehen mit Joe Cole, Florent Malouda und Salomon Kalou gerade mal drei gleichwertige Spieler zur Verfügung. Und das, wo doch gerne bei den großen Klubs erzählt wird, jede Position müsse mindestens doppelt besetzt sein.

Für das Sturmzentrum steht mit Schewtchenko, Anelka und Drogba, dem Namen nach drei Mal Weltklasse im Kader. Doch Didier Drogba bleibt der Platzhirsch in der Sturmspitze. Andrei Schewtchenko wird sich einmal mehr nicht in der Stammformation etablieren können, hinter Nicolas Anelka steht ein dickes Fragezeichen. Die 20 Millionen Euro, die man im Januar für ihn investierte, stehen im Betriebsergebnis dieses Jahres bislang noch unter Schwund zu Buche.

Dem Nachwuchs eine Chance

Insofern wird der FC Chelsea in der Offensive noch mal nachlegen. Robinho von Real Madrid wird, seriösen Quellen zufolge, ernsthaft mit den Blues in Verbindung gebracht. Nichtsdestotrotz: Das große Transferballyhoo wird es in diesem Sommer beim FC Chelsea nicht geben.

Mit Scott Sinclair und Franco di Santo können sich sogar zwei offensive Nachwuchskräfte berechtigte Hoffnungen auf Einsatzzeiten in der Premier League machen. In den vergangenen Jahren war so etwas undenkbar. Aber Scolari gilt eben auch als Nachwuchsförderer und gerade beim argentinischen U-20-Nationalspieler di Santo war er schnell überzeugt und räumt ihm eine realistische Chance ein.

Und Scolari ist keiner, der wie Mourinho zum Amtsantritt erstmal öffentlich hunderte Millionen für Neuzugänge fordert. Das schafft mit dem Inhaber eine sachliche Basis für eine fruchtbare Zusammenarbeit.

Das neue Profil

Durch das grandiose, ja dramatische Scheitern in Meisterschaft und Champions-League-Finale in der Vorsaison hat der Verein an Seele gewonnen. In Luis Felipe Scolari hat man jetzt wieder einen Trainer mit Profil und größtmöglicher Kompetenz.

Jemanden, und auch das ist elementar, der mit der rigorosen englischen Presse umzugehen und sie zu bedienen weiß. Jemanden, der den Namen Jose Mourinho endgültig von der Stamford Bridge verbannen kann.

So hat er eine erhebliche Kreditlinie bei Fans und Kritikern. Klar ist, langfristig erhält er sich die nur mit Erfolgen und gutem Fußball. Die Sympathie des Bosses allerdings bekommt er auf Dauer nur mit dem Champions-League-Sieg.

Bleiben Sie sportlich,

Wolff Fuss


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