Fussball

Der 100-stündige Fußballkrieg zwischen El Salvador und Honduras: Erst fielen die Tore, dann die Bomben

Von Dennis Melzer
El Salvador und Honduras duellierten sich um ein Ticket für die WM 1970.

El Salvador und Honduras duellierten sich um ein Ticket für die WM 1970. Im Anschluss brach ein Krieg zwischen den Nachbarn aus. Mit tausenden Toten.

Tegucigalpa in der Nacht des 7. Juni 1969. Eine krakeelende Menge zieht durch die Straßen der honduranischen Hauptstadt. Vor einem Hotel macht sie abrupt Halt. Der Mob hat sein Ziel erreicht. Der Lärmpegel wird mithilfe von Trommeln und Trompeten hochgeschraubt, auch Böller werden gezündet, Augenblicke später durschneidet das Geräusch zerberstenden Glases die Dunkelheit. Im Inneren des Gebäudes residiert eine Fußballmannschaft, die aufgrund der Krawalle keine Ruhe findet. Doch was steckt dahinter, warum diese aufgeheizte Stimmung?

Es geht dieser Tage um viel. Darum, die Chance zu wahren, sich als erstes mittelamerikanisches Land sportlich für eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Um damit verbundene Ehre und großen Ruhm. Da scheinen alle Mittel recht, um dem Gegner das Leben schon vor dem ersten von zwei Quali-Spielen zur Hölle zu machen. Vor allem, wenn der Kontrahent aus dem Nachbarland kommt: El Salvador. Und offenbar trägt die nächtliche Krawalle Früchte. Honduras bezwingt El Salvador dank eines Last-Minute-Tores von Roberto Cardona mit 1:0.

Beging ein salvadorianisches Mädchen Selbstmord?

Ein Treffer, der laut des mehrfach für seine nichtfiktionalen Werke ausgezeichneten Starjournalisten Ryszard Kapuscinski verheerende Auswirkungen hatte. Der Pole, der sich mit den damaligen Geschehnissen intensiv auseinandersetzte und diese in "Der Fußballkrieg: Berichte aus der dritten Welt" zusammenfasste, berichtete von einem salvadoriansichen Mädchen namens Amelia Bolanos.

Kapuscinski zufolge habe sich die 18-Jährige die Begegnung zwischen Honduras und El Salvador vor dem heimischen Fernseher angeschaut, sei im Moment des niederlagenbringenden Tores aufgestanden, habe sich die väterliche Pistole aus dem Schrank geholt und Selbstmord begangen. Weil sie die Schmach nicht ertragen konnte, wie die hiesige Zeitung El Nacional tags darauf titelte. Bolanos, die junge Patriotin, wurde gefeiert wie eine Märtyrerin. Ihre Beerdigung, bei der Regierungsvertreter sowie die komplette Nationalmannschaft anwesend gewesen sein sollen, nahm demnach staatsbegräbnisartige Züge an.

Bis heute findet sich die Geschichte in zahlreichen Artikeln über den Fußballkrieg, selbst in wissenschaftlichen Arbeiten wird der Tod von Amelia Bolanos aufgegriffen. Mittlerweile gibt es allerdings berechtigte Zweifel an der Darstellung. Der deutsche Autor Dr. Klaus Ehringfeld sowie die beiden polnischen Journalisten Maria Hawranek und Szymon Opryszek hatten sich auf Spurensuche begeben, versucht, den Mythos, der sich um Bolanos rankt, zu verifizieren. Es sollte ihnen nicht gelingen. Weder die Nationalspieler, die bei der Beerdigung mitmarschiert sein sollen, noch andere potenzielle Zeitzeugen konnten sich erinnern. Auch die Suche im Zeitungsarchiv brachte keinen Aufschluss. Weil es ein Blatt namens El Nacional offensichtlich nie gegeben hat. Darüber hinaus wurde in jener Nacht kein Selbstmord bei den Behörden dokumentiert.

Rodrigo Arias, ehemaliger Journalist bei La Prensa Grafica, einer der vier bedeutendsten Zeitungen El Salvadors, verbrachte rund zwei Jahre mit der Suche nach dem Mädchen - um letztlich zu dem Schluss zu kommen: "Ich denke, sie hat nie existiert. Vielmehr glaube ich, dass Kapuscinski sich die Geschichte ausgedacht hat, um sein Buch besser verkaufen zu können. Daran habe ich nicht den kleinsten Zweifel. Aber das ist bloß meine persönliche Meinung." Kapuscinski kann zu den Vorwürfen keine Stellung mehr beziehen. Er verstarb 2007, noch bevor sich diesbezügliche Skepsis breitgemacht hatte.

Honduras-Trainer Griffin glücklich über Niederlage: "Ansonsten hätten wir das Ganze nicht überlebt"

Was allerdings in der Folge geschah, ist keine urbane Legende. Am 15. Juni stieg das Rückspiel. Diesmal waren es die Nationalspieler von Honduras, die am Vorabend der Partie kein Auge zumachen sollten. Salvadorianische Fans hatten die Unterkunft belagert. Wieder gingen Fensterscheiben zu Bruch, Eier, selbst tote Ratten und Fäkalien sollen in die Zimmer geflogen sein.

Via Militäreskorte ging es für die Gäste in den Hexenkessel Estadio Nacional Flor Blanca in San Salvador, als Symbol der Abneigung wurde anstatt der honduranischen Flagge ein löchriger Lumpen gehisst. El Salvador entschied das zweite Aufeinandertreffen mit 3:0 für sich. Im Anschluss brach sich das Chaos Bahn. Autos gingen in Flammen auf, etliche Menschen mussten verletzt ins Krankenhaus gebracht werden, zwei Gästefans kamen bei den Ausschreitungen ums Leben. "Wir können glücklich darüber sein, heute verloren zu haben", resümierte Honduras-Trainer Mario Griffin die Ereignisse damals. "Ansonsten hätten wir das Ganze nicht überlebt."

Bemüht man die heutigen Regularien, wäre die Sache eindeutig zugunsten der Salvadorianer ausgefallen. Ende der Sechzigerjahre bedeutete eine derartige Ergebniskonstellation allerdings, dass ein Entscheidungsspiel auf neutralem Boden ausgetragen wird. Dieses stieg in der Hauptstadt des späteren WM-Ausrichters, im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt. Tausende Schlachtenbummler machten sich auf den Weg, um ihr jeweiliges Team zu unterstützen und den Gegner im Idealfall niederzubrüllen.

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