Fussball

Von Pornostar beleidigt, von Experten gefeiert: Der steile Aufstieg von Arsenal-Schnäppchen Guendouzi

Von Casimir Holder
Matteo Guendouzi vom FC Arsenal schockt die Fußballwelt mit seinem Selbstbewusstsein und seinem rasanten Aufstieg.

Nachdem Unai Emery den Cheftrainerposten beim FC Arsenal übernommen hatte, hofften die Anhänger der Gunners auf namhafte Verpflichtungen. Die ganz großen Transfers blieben jedoch aus, stattdessen überraschte der Verein mit der Verpflichtung von Matteo Guendouzi. Der damals völlig unbekannte Mittelfeldspieler vom französischen Zweitligisten FC Lorient konnte jedoch vollends überzeugen. SPOX und Goal werfen einen Blick auf den außergewöhnlichen Wuschelkopf.

"Er ist erst 19 Jahre alt, aber er spielt, als wäre er schon immer da", schwärmte Dimitar Berbatov vor einigen Wochen in der Goals on Sunday Show bei Sky Sports. "Er nervt mich geradezu mit seinem Selbstvertrauen."

Wovon genau Berbatov sprach, konnte man jüngst beim 2:0-Erfolg der Gunners gegen den FC Chelsea bestaunen.

Stets von zweikampfstarken Akteuren wie N'Golo Kante oder Matteo Kovacic unter Druck gesetzt, löste Guendouzi beinahe jede Situation mit der Reife eines langjährigen Routiniers. "Er ist selbstbewusst am Ball und überall auf dem Platz zu finden", meinte Berbatov. Trotz seines Alters lässt sich der 19-Jährige einfach nicht aus der Ruhe bringen, selbst gegen die Besten der Welt.

Als unbekannter Youngster in die Premier League

Wer also ist dieser so frech aufspielende Youngster? In Poissy, nordwestlich von Paris, wurde Guendouzi am 14. April 1999 als Sohn eines marokkanischen Vaters und einer französischen Mutter geboren. Nach einer ersten fußballerischen Ausbildung in der Jugend von Paris Saint-Germain zog es ihn im Sommer 2014 in die Jugend des FC Lorient. Dort reifte er weiter, um schließlich im Januar 2017 sein Profidebüt im französischen Ligapokal gegen Nizza zu geben.

Seine Qualitäten erkannten seine Trainer schon früh und so etablierte sich Guendouzi schnell in der ersten Mannschaft. Letztlich absolvierte er aufgrund von Verletzungen und Sperren zwar nur 18 von 38 Ligaspielen für den französischen Zweitligisten, er konnte bei seinen Einsätzen aber zumeist überzeugen und spielte sich in den Fokus zahlreicher Topteams. "Es stimmt, dass PSG und mehrere andere Klubs an mir interessiert waren", sagte der Mittelfeldmotor. "Aber für mich war Arsenal die beste Wahl, das war mir sofort klar."

Das Selbstbewusstsein eines ganz Großen

Weil der neue Trainer Unay Emery ihn unbedingt wollte, wechselte Guendouzi im Sommer für acht Millionen Euro zu den Gunners. Und der junge Mann wusste, dass fortan jede Spielminute entscheidend sein würde.

"Der Schlüssel für meinen guten Start waren die Testspiele auf der Vorbereitungstournee in Singapur. Da konnte ich dem Trainerteam und der Mannschaft meine Qualitäten zeigen", sagte Guendouzi im Gespräch mit Sky Sports und resümierte: "Diese Zeit war immens wichtig, denn als wir zurückkehrten, war die Integration deutlich einfacher."

Guendouzis Auftritte während der Vorbereitung brachten die Fans und Kritiker bereits ins Schwärmen. Emery überraschte dennoch, als er seinen nicht gerade prominenten Neuzugang in den ersten beiden Saisonspielen gegen Manchester City (0:2) und den FC Chelsea (2:3) gleich ins kalte Wasser warf und jeweils von Beginn an und über 90 Minuten spielen ließ.

Dabei wirkte Guendouzi gegen die beiden Topteams überraschend abgezockt. Es war verblüffend, wie er den dienstältesten Spielern seines neuen Klubs Anweisungen gab und welche Präsenz er ausstrahlte.

"Er trägt einfach einen angeborenen, tiefen Glauben in sich", sagte Alex Hayes, ehemaliger Vize-Präsident des FC Lorient, schon vor einigen Jahren.

So sieht es auch der frühere Arsenal-Stürmer Jeremie Aliadiere: "Als ich Matteo zum ersten Mal sah, wusste ich direkt, dass er etwas Besonderes ist. Ich habe ihm gesagt, dass Arsenal genau der richtige Verein für seine Entwicklung ist. Er hätte auch zu einem noch größeren Verein gehen können. Aber bei den großen Klubs bekommt man keine Chance. Arsenal dagegen gibt jungen Spielern immer eine Chance."

Kategorie

Guendouzi

Xhaka

Torreira

Spiele

20

22

23

Startelf

14

22

15

Tore/Assists

0/0

3/1

2/2

Abgegebene Schüsse

11

21

17

Passquote

88%

86%

89%

Zweikampfquote

60%

55%

63%

Luftzweikampfquote

42%

50%

60%

Tackling-Erfolgsquote

58%

56%

62%

Bei den Nordlondern war man sich jedenfalls einig: Guendouzi ist ein ungeschliffener Diamant. "Guendouzi fiel mit seinen langen Haaren und seiner Persönlichkeit gleich auf. Aber ich interessiere mich auch für die Schwächen. Kann man die abstellen? Matteo rannte unzweckmäßig auf dem ganzen Feld herum, aber es war mir klar: Es ist nur eine Frage des Trainings und der Zeit, ihm das abzugewöhnen", sagte Arsenals früherer Leiter der Scouting-Abteilung, Sven Mislintat, im vergangenen Dezember der Zeit.

Eine enorme Weiterentwicklung

Die von Mislintat prophezeite Entwicklung sollte schneller Form annehmen als erwartet. Guendouzi spielte bislang in 20 von 23 Premier-League-Partien, 14-mal von Beginn. Von den Mittelfeldspielern standen bei Arsenal einzig Granit Xhaka und Lucas Torreira häufiger in der Startelf.

Für mediales Aufsehen sorgten jedoch nicht nur die sportlichen Leistungen des Emporkömmlings, sondern auch ein Tweet des ehemaligen Pornostars Mia Khalifa. "Du verfickte Pussy. Du lagst in dem Spiel häufiger flach als ich im Jahr 2014", schrieb die US-Amerikanerin mit libanesischen Wurzeln am 12. Januar bei Twitter. Hintergrund: Khalifa ist bekennender West-Ham-Fan. Der Post wurde während der Partie abgesetzt, die Arsenal letztlich mit 0:1 verlor.

Die Statistiken belegen den Vorwurf indes nicht. In der laufenden Premier-League-Saison hat Guendouzi starke 60 Prozent seiner Zweikämpfe gewonnen. Mitunter fehlte ihm allerdings noch die Disziplin und das richtige Stellungsspiel.

Beim jüngsten Erfolg gegen Chelsea sah man einen deutlichen Entwicklungsschritt. Jedes Mal, wenn Linksverteidiger Sead Kolasinac seine typischen Flankenläufe machte, ließ sich Guendouzi geschickt nach hinten fallen, um den frei gewordenen Raum hinter Kolasinac zu schließen. In der Folge unterband er viele Konter der Blues und sorgte somit für mehr Sicherheit im dem Spiel der Gunners.

Nun gilt es, die gegen Chelsea gezeigte Leistung zu bestätigen - am besten schon am Freitag, wenn Arsenal im traditionsreichen FA Cup Manchester United empfängt.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung