Der SV Scholz Grödig

Und plötzlich ganz oben dabei

Von Ben Barthmann
Donnerstag, 26.09.2013 | 15:33 Uhr
Die Untersbergarena aus der Region Salzburg hat ein schönes Panorama zu bieten
© getty
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Der SV Scholz Grödig ist die Sensationsmannschaft der österreichischen Bundesliga. Als Aufsteiger mit Mittelfeld-Ambitionen gestartet, ging es von null auf hundert in undenkbare Sphären. Manch Traditionsverein machte bereits leidvolle Erfahrungen mit dem Dorfklub. Hauptverantwortliche sind ein Schrotthändler und ein ehemaliger Nationalspieler.

Besucht man die Homepage des SV Scholz Grödig, fühlt man sich ein wenig an den Amateurverein aus der eigenen Nachbarschaft erinnert. Einfaches Layout, Bilder eines kleinen Stadions, eine Live-Tabelle - sogar die persönlichen Kontaktdaten der Führungsetage findet man hier. Wo bei anderen Klubs der Tipp3-Bundesliga ein oder maximal zwei Telefonnummern stehen, kann man sich beim SV Grödig noch aussuchen, wen man anrufen möchte und landet nicht pauschal im Büro einer netten, aber einflussarmen Sekretärin.

Dabei macht eines stutzig: Der Hinweis auf die nächste Live-Übertragung bei "Sky". Denn Grödig ist schon lange nicht mehr der Amateurverein aus der Nachbarschaft.

Zuletzt hat man sich Stück für Stück nach oben gekämpft und grüßt nach dem Aufstieg 2012/2013 von der Tabellenspitze der österreichischen Bundesliga. Nach neun Spieltagen rangiert man überraschend auf Platz zwei und lebt ein interessantes Konzept vor: Im Hintergrund steht ein starker Geldgeber, dieser wirft das Geld nicht mit beiden Händen aus dem Fenster oder sieht im Verein sein ganz persönliches Spielzeug. Nein, er legt es sorgsam an.

Trainerchaos bis zur Ersten Liga

Lange Zeit nach der Gründung 1948 gab es für Grödig nicht viel zu holen. Erst mit einer Meisterserie von drei Titeln in vier Jahren konnten man zur Saison 2006/07 in die Regionalliga vorstoßen. Von da an änderte sich nicht nur die Mentalität im Verein, sondern auch die Erwartungshaltung im Großraum Salzburg.

Dank der Erfolge konnte mit Ex-Schalker Eduard Glieder ein bekannter Name in den 7000-Seelen-Ort gelockt werden. Der direkte Aufstieg gelang trotz großer Ambitionen nicht - Glieder verließ den Verein nach einer Saison wieder.

Sein Nachfolger Heimo Pfeifenberger war genau wie Glieder noch relativ neu im Trainergeschäft. Der damals 41-Jährige erwies sich aber als wahrer Glücksgriff für die Grödiger, denn er führte die Mannschaft souverän zum Aufstieg in die Erste Liga, der zweithöchsten Spielklasse Österreichs.

Doch Mäzen Anton Haas sah bereits wenige Monate später keine Möglichkeit mehr für "eine positive und erfolgsversprechende Zusammenarbeit" und entließ seinen Erfolgstrainer. Als die Nachfolger die Mannschaft nicht so führten, wie es sich der potente Geldgeber vorstellte und man aus dem Profi-Fußball zu verschwinden drohte, präsentierte dieser eine überraschende Lösung: Pfeifenberger übernahm trotz persönlicher Differenzen erneut.

Mit Hütter endlich Bundesliga

Der Rückkehrer strafte Haas Lügen, als er gleich auf Anhieb den Wiederaufstieg mit den Salzburgern packte. Somit wähnte sich Grödig nach einem kleinen Ausrutscher zurück in der Erfolgsspur und rüstete für die neue Saison auf. Trotz großem Umbruch reichte es in den folgenden zwei Jahren nicht zum ersehnten Aufstieg in das Oberhaus, weshalb Pfeifenberger 2012 endgültig den Hut nehmen musste. Wenig zuvor war dieser noch sicher gewesen, dass man sich "von den Illusionen, in den nächsten Jahren aufzusteigen", trennen sollte.

Sein Amt übernahm wieder ein bekannter Name aus Österreich: Adi Hütter. Der Vorarlberger hatte zuvor erste Erfahrungen in der zweiten Liga gesammelt und Rheindorf Altach fast zum Aufstieg geführt. Eine interessante Randnotiz: Hütter brachte mit Glieder den ehemaligen Chefcoach wieder als Co-Trainer mit nach Salzburg.

Das Trainergespann konnte den hohen Erwartungen auch gleich gerecht werden und sicherte frühzeitig den langersehnten Vorstoß in die Bundesliga. Die Aufgabenstellung durch das Management war schnell klar: "Wir bleiben oben. Ich bin sicher, dass wir mit dem Abstiegskampf nächstes Jahr nichts zu tun haben werden", so Manager Christian Haas mutig.

"Auch gegen Champions-League-Starter auf Sieg"

Vielerorts belächelt, zeigten sich schnell erste Ansätze der Spielidee unter Hütter. Auch im Oberhaus wollen die Blau-Weißen mit Angriffsfußball punkten, die Fans begeistern. Dass dies gegen den SV Ried noch nicht gelang, war wohl vor allem auf eine erste Unsicherheit zurückzuführen. Denn in den nächsten Partien knallte es so richtig.

5,3 Tore fielen im Schnitt pro Partie, wenn die Salzburger beteiligt waren. Innenverteidiger Dominique Taboga erklärte die Philosophie ganz einfach, als er im Vorfeld der Partie gegen Meister Austria Wien befragt wurde: "Wir spielen auch gegen den Champions-League-Starter auf Sieg."

Dementsprechend sehen auch die Ergebnisse aus: Grödig zeigte ansprechende Partien, wie beispielsweise der 7:1-Erfolg bei Admira, aber auch Spiele wie gegen Wiener Neustadt, als sich die Mannschaft mit 3:6 geschlagen geben musste und hinten offen war wie das sprichwörtliche Scheunentor. Dabei galt die Abwehr vergangene Saison noch als Prunkstück, denn Grödig stellte die beste Defensive der zweiten Liga.

Dass das Potenzial vorhanden ist, zeigte die Mannschaft von Hütter in der Partie bei Rekordmeister Rapid Wien. Beim knappen 1:0 konnten die Zuschauer eine konzentrierte und ruhige Mannschaft beobachten, die sich von der Kulisse nicht beeindrucken ließ und deren Hauptaugenmerk sichtlich die Defensive war.

Ganz klassisch über die Flügel

Man will "aggressiven, offensiven Fußball zeigen und sich nicht hinten reindrücken lassen", so Mittelstürmer Dieter Elnseg. Die Spielweise ist eine Kampfansage an alle Ballbesitz-Fetischisten. Auch wenn interessanterweise die meisten der Spieler im Kader als Lieblingsverein den FC Barcelona ausweisen, würde manch Katalane wohl dankend auf einen Besuch im Stadion verzichten, wenn er wüsste was ihn erwartet.

Denn die Österreicher spielen klassisch, fast schon altmodisch. Über lange Bälle geht es schnell und direkt nach vorne - von Tiki Taka fehlt jede Spur. Und wenn man mal vorne ist, wird meist geflankt oder gnadenlos draufgehalten.

Der Ball wird nicht in das Tor gestreichelt, wie man es so gerne im modernen Fußball macht. Sondern er wird hineingekämpft und das im Notfall auch mit dem fünften oder sechsten Abpraller. Überhaupt definiert man sich über den Kampf im Spiel - beim ersten Bundesliga-Auftritt hagelte es etwa 13 gelbe Karten.

Die Grödiger versuchen physisch präsent zu sein, den Gegner in Zweikämpfe zu zwingen und so spielerisch stärkere Gegner auszubremsen. Noch dazu versprüht man eine extreme Gefahr bei Standards, die Stürmer sind kopfballstark und werfen sich in jeden Ball - kaum eine Mannschaft kreiert so viele Chancen nach ruhenden Bällen wie das Team von Hütter.

Der Erfolg gibt dem ehemaligen defensiven Mittelfeldspieler recht: Grödig steht derzeit auf dem zweiten Platz und damit noch vor Rekordmeister Rapid und dem amtierenden Champion Austria. Und das obwohl der Coach nach dem Triumph in Wien noch erklärte, man hätte nur "das notwenige Glück gehabt" und wolle "die Kirche im Dorf lassen".

Infrastruktur noch im Aufbau

Die Konsequenz des plötzlichen Höhenfluges ist eine logische: Die Infrastruktur und die Fans hinken dem hinterher. Obwohl nahe der Untersbergarena eine der größten Autobahnen Österreichs verläuft, ist jede Fahrt dorthin ein kleines Abenteuer. Denn zum Stadion selbst führt nur ein nicht geteerter, einspuriger Weg. Ein improvisierter Kreisverkehr und provisorische Sperren im Ort versuchen den Verkehr so gut es geht in geordnete Bahnen zu lenken - ob dies auch größeren Zuschauerströmen genügt, steht in den Sternen.

Geparkt wird zum Teil auf den Wiesen rund ums Stadion. Es gibt derzeit nur etwa 1100 richtige Parkplätze - für eine Arena mit einem Fassungsvermögen von mehr als 4000 Zuschauern deutlich zu wenig. An eine Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist ob der Abgeschiedenheit nicht zu denken. Der Ort Anif erlaubt nämlich keine Fahrzeuge über 3,5 Tonnen.

Zudem müssen die Mannschaften beim Einlaufen der Haupttribüne und damit auch den Heim-Fans den Rücken zukehren, denn Journalisten und Kameras stehen auf der anderen Seite. Während der 90 Minuten halten die Fans bei jedem Fehlschuss den Atem an: "Wird der Ball auf die Felder ringsum des Stadions fliegen oder nicht?"

Doch die Grödiger geben sich Mühe. Laut Haas wird "rund um die Uhr" gearbeitet, man sei bisher "sehr zufrieden mit dem, was man aufstellen konnte". Aus dem VIP-Bereich wurde eine für alle Besucher geöffnete Bar, der Sponsor der Bundesliga "Tipp3" half mit beim Ausbau des Journalistenbereichs.

Die Arena wurde mit alten Teilen des Salzburger Stadions ausgebaut. Nur wenige Stunden vor Anpfiff des ersten Heimspiels standen noch Bagger auf dem Vereinsgelände, damit die Vorgaben des österreichischen Verbands erfüllt werden konnten.

Die Fans bleiben aus

Es wird intensiv an der Infrastruktur gearbeitet, doch währenddessen stellt sich bereits die nächste große Frage. Denn der Ort Grödig bietet kein großes Fan-Potenzial. Etwa 7000 Menschen wohnen dort, nicht jeder davon wird fußballbegeistert sein. Sponsorentechnisch tut sich der Dorfklub daher noch schwer.

Der größte Geldgeber stammt aus der Region: Ehrenpräsident und Mäzen Haas ist im Schrott-Recycling tätig. Er verfügt zwar über die nötigen finanziellen Mittel, möchte aber auch, dass Grödig auf mehreren, sicheren Beinen steht.

Die dicken Fische beim Sponsoring bleiben derzeit noch aus, händeringend kämpft man darum, den Etat deutlich zu erhöhen. Haas sprach gar von einer Verdoppelung. Die Neubauten kosten Geld - und Geld kommt vor allem durch Aufsehen. Jenes muss sich Grödig erst noch verdienen.

In der Region steht man direkt in Konkurrenz mit dem Marketing-Riesen Red Bull, der den großen Nachbarn Salzburg fördert. Zuletzt hatte man in Grödig einen Zuschauerschnitt von knapp 900 Personen, zu wenig für die höchste Spielklasse. Zwar sieht Haas "Potenzial für einen Schnitt von 3000 Zuschauern", diese bleiben aber aus.

Erster Fanklub in Deutschland

Nichtsdestotrotz gewinnt Grödig das eine oder andere Herz: So zum Beispiel das von Andre Koch, einem Kneipenbesitzer aus Rhede. Dieser verfolgte im Frühling 2013 den Aufstiegskampf der Ersten Liga und empfand sofort Sympathien für den Klub: "Das war superspannend. Von da an habe ich mir gesagt, dass ich einen wöchentlichen "Sky-Austria-Day" einführen werde", verriet er gegenüber den "Flachgauer Nachrichten".

So begann Koch wenig später damit, immer mehr Leute in Rhede für die Begegnungen des SV Grödig zu begeistern und hat inzwischen den ersten deutschen Fanklub für die Österreicher gegründet. Dabei lief die erste Ausstattung mit Fanartikeln nicht gerade leicht ab.

"Ich habe beim Verein angerufen und um ein paar Fan-Sachen angefragt. Die Mitarbeiter des Klubs hatten aber keine Ahnung davon", erzählte Koch. Inzwischen findet man im Internet einen Fanartikel-Shop. Mit unglaublichen 14 verschiedenen Artikeln. Letztlich erinnert eben doch alles ein bisschen an den Amateurverein aus der Nachbarschaft.

Die nächsten Termine für Grödig

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