Keine Pommes, kein Bier - Bus fahren!

Von Fatih Demireli
Arsenal vs. Ajax: Dennis Bergkamp bei seinem Abschiedsspiel am 22. Juli 2006
© Getty

Dennis Bergkamp gilt als Gallionsfigur des Wandels beim FC Arsenal. Der Niederländer prägte das moderne Arsenal wie kein anderer - trotz eines Handicaps. Bergkamp hat in seiner Heimat inzwischen seine zweite Karriere gestartet und ist erneut ein Hoffnungsträger.

Es war die Erlösung für Dennis Bergkamp. Endlich war die leidensvolle Inter-Zeit vorbei: kein Catenaccio mehr. Kein Ruben Sosa mehr. Keine italienische Presse mehr, die über einen herzieht.

Der Anruf aus London kam da gerade recht. Arsenal befreite Bergkamp aus seinem Dilemma in Mailand. Der ehemalige Arsenal-Manager Brian Rioch holte den niederländischen Nationalspieler für 7,5 Millonen Pfund (rund 11 Millionen Euro) zu den Gunners.

So groß die Freude Bergkamps auch war und so freundlich der Stürmer in seiner neuen Heimat auch empfangen wurde - Bergkamp war zunächst einmal richtig geschockt.

"Es war schwer zu verstehen, dass sich meine Mitspieler mit Bohnen, Tomatensauce, Omelette, Pommes und Cola auf die Spiele vorbereitet haben", erinnert sich Bergkamp.

Mit dem Bier vorm Spielautomaten

"Nach Trainingsschluss sind einige zum Tennisspielen gegangen. Aber andere standen auch schon mittags mit einer großen Dose Bier in der Hand vor dem Spielautomaten. Wir hatten zwei Mal am Tag Training, aber die Lebensweise vieler Spieler hat die ganze Arbeit kaputt gemacht", sagt Bergkamp.

Nach der schwierigen Zeit in Italien drohte auch die nächste Station zum Flop zu verkommen. Doch es kam alles anders. Der sonst so ruhige Bergkamp griff ein, wirkte auf Tony Adams und dessen Gleichgesinnte ein. "Sie haben schnell festgestellt, dass ich ein anderer Typ bin. Vielleicht hat das geholfen", sagt Bergkamp.

"Schauen Sie sich die vergangenen Jahre mal an. Arsenal war bis Dennis Bergkamps Ankunft wie eine Kneipentruppe", sagt Robin van Persie. Heute ist Arsenal das gern genommene Beispiel der modernen Fußballmannschaft.

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Kneipentruppe ohne Bergkamp

Top ausgebildete, professionell lebende Fußballspieler, die den hohen Standards des modernen Sports mehr als genügen. Bergkamp gilt heute noch auf der Insel als die Figur des Wandels, wie auch van Persie bestätigt. Doch Bergkamp selbst will das so nicht stehen lassen. "Zu meinem Glück kam Arsene Wenger zu Arsenal. Mit ihm hat sich alles geändert."

Bergkamp lobt den Franzosen: "Er ist immer ruhig. Er hat nie Panik und der Erfolg zeichnet ihn aus."

Auch dank Wenger hat Bergkamp eine Bilderbuch-Karriere bei Arsenal hingelegt. Bergkamp erzielte in 315 Spielen 87 Tore, holte Meisterschaften und Pokale, wurde regelmäßig zum Arsenal-Spieler des Jahres gewählt.

Das Problem mit der Flugangst

Dabei begleitete Bergkamp ein nicht zu unterschätzendes Handicap über weite Strecken seiner Karriere: die Flugangst. Die Aviophobie erreichte bei der WM 1994 in den USA eine unerträgliche Tragweite, so dass Bergkamp fortan kein Flugzeug mehr betrat.

"Ich habe auswärts nicht mehr an das Spiel, sondern nur noch an die Auswärtsreise denken müssen", beschreibt Bergkamp die schwere Zeit. Sowohl der niederländische Verband als auch Arsenal nahmen die Angst ihres Superstars in Kauf.

Bergkamps Spielvorbereitung reduzierte sich nicht nur auf Training und Taktikbesprechung. Der Niederländer sah sich die verschiedenen Reisemöglichkeiten zu den Auwärtsspielen an. War keine möglich, blieb er zu Hause.

Kein Flug, kein Zug: Ab in den Bus

Seltsamerweise kam neben dem Flugverkehr auch eine Zugfahrt nur selten in Frage. "Ich weiß nicht, ob er auch vor Zügen Angst hat - ich habe das Gefühl, Dennis glaubt, dass auch Züge fliegen", witzelte Wenger damals.

Bergkamp setze sich entweder ins eigene Auto oder in den komfortablen Mannschaftsbus, um die Reise in die Ferne anzutreten. Besonders die Busfahrer des FC Arsenal freuten sich jedes Mal auf den prominenten Mitfahrer, zumal die Profi-Lenker regelmäßig lange Fahrten auf sich nehmen mussten.

Bergkamp und Busfahrer reisten vor allen anderen Spielern ab und kamen als Letztes wieder in der Heimat an. Stundenlange Trips mit Bus oder Auto zehrten an den Kräften und gingen teils auf Kosten von Einsätzen. 1997 brauchte Bergkamp 20 Stunden zum WM-Qualifikationsspiel der Niederlande nach San Marino. Eine wahre Odyssee.

Hoffnungsträger bei Ajax

Was sich am 22. Juli 2006  im Norden Londons abspielte, kann man deswegen getrost als Ironie des Schicksals bezeichnen.

Bergkamp, aufgrund seiner Flugangst als "Non-Flying-Dutchman" gebrandmarkt, weihte in seinem letzten Spiel für Arsenal den neuen Fußball-Tempel der Gunners ein. Die neue Arena heißt heute noch dem Hauptsponsor entsprechend Emirates Stadium: eine Fluggesellschaft.

Doch es ist selbstredend nicht nur diese eine Facette, die nach einer großen Karriere, wie sie Bergkamp durchlebt hat, in den Köpfen hängen bleibt. Bergkamp ist nicht nur das prominenteste Gesicht von Millionen Menschen mit Flugangst. Und Bergkamp ist nicht nur die Galionsfigur des neuen Arsenal.

Bergkamp ist inzwischen auch die Hoffnung von Ajax Amsterdam. Der "Iceman" ist Trainer der U 19 der berühmten Ajax-Schule. Dieser Jahrgang gilt als wichtigste Etappe vor dem Aufstieg zu den Profis. Bergkamp achtet dabei nicht nur auf die fußballerischen Fähigkeiten seiner Schützlinge.

"Du musst Ziele im Leben haben"

"Viele unterschreiben mit 17 Jahren einen Profi-Vertrag und denken, damit alles erreicht zu haben", sagt Bergkamp. "Du musst Ziele in deinem Leben haben, du musst gewinnen wollen, das Ziel haben, der Beste zu werden. Das ist meine Idee vom Fußball. Jetzt zählt leider nur das Geld und das macht mich traurig."

Mit Frank de Boer, Bergkamps Vorgänger bei der U 19, ist Bergkamp im ständigen Austausch. De Boer ist nach dem Weggang von Martin Jol zum Cheftrainer bei Ajax aufgestiegen und bedient sich bei der U 19. So debütierte Bergkamp-Schützling Jody Lukoki erst kürzlich in der ersten Mannschaft. Weitere sollen bald folgen.

Bei Ajax setzt man aber nicht nur auf Bergkamps U-19-Talente, sondern auch auf ihn selbst. Kein geringerer als Ajax-Legende Johan Cruyff glaubt an eine große Zukunft des einstigen Topstürmers. "Was Dennis in den Kabinen von England, Italien und den Niederlanden gelernt hat, kann ihm kein Trainerkurs beibringen. Er wird eine große Trainerkariere hinlegen."

Bergkamp wird nichts dagegen haben - und auch die Busfahrer würden sich wieder über einen prominenten Beifahrer freuen...

Dennis Bergkamp im Steckbrief

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