Santos-Duo Neymar und Ganso

Brasiliens next Superstars?

Von Haruka Gruber
Freitag, 03.09.2010 | 10:14 Uhr
Die beiden Stars des FC Santos: Neymar (l.) und Ganso
© Imago
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Alles nur Hype, oder sind Neymar und Ganso die kommenden Weltstars? Ganz Brasilien hofft auf das Santos-Duo - und nimmt sich Deutschland zum Vorbild. Doch es gibt Zweifel an der Reife der beiden Jungsstars.

Auf den hautengen Einteiler wurde ebenso verzichtet wie auf die zehn Zentimeter hohen Stilettos. Und die Bewegungen sehen trotz eines gewissen Rhythmusgefühls nicht ganz so geschmeidig aus wie bei ihrem Vorbild.

Aber doch waren die Bemühungen von Neymar und Ganso mit ihrem Teamkollegen Robinho, Beyonce Knowles' Musik-Video zum Song "Single Ladies" als Parodie neu zu drehen, ein durchschlagender Erfolg.

Für den Lebensmittelkonzern "Seara", der als Sponsor des brasilianischen Fußball-Verbands und des FC Santos den Werbespot mit den drei Stars des Klubs in Auftrag gab. Für Internet-Videoportale, die sich über sechsstellige Abrufzahlen freuten. Und nicht zuletzt für das Duo Neymar/Ganso, das anders als Robinho erst seit den Aufnahmen einem überkontinentalen Publikum ein Begriff ist.

Wohin wechseln Neymar und Ganso?

Seit das Video im Mai dieses Jahres vorgestellt wurde und sich rasant verbreitete, verging kaum mehr ein Tag ohne eine neue Nachricht über die beiden Freunde. Zunächst interessierte die Vita des Duos und deren starke Saison in Santos, spätestens seit der Sommerpause ging es jedoch um wesentlich schnödere Dinge. Wie etwa: Wohin wechseln Neymar und Ganso?

Vor allem Neymar und das hartnäckige Werben des FC Chelsea kam in der Wechselperiode eine Hauptrolle in der internationalen Berichterstattung zu (siehe Infokasten links). Spielerberater Wagner Ribeiro witterte eine Millionen-Provision und arbeitete gezielt an einem Transfer: "Die Chancen stehen bei Null, dass sich Neymar in Brasilien zum besten Spieler der Welt entwickelt."

Dass sich der 18-Jährige trotz der Geschäftstüchtigkeit seines Agenten für einen Verbleib entschied, war demnach eine der größten Überraschungen des Sommers - und ein Zeichen dafür, dass er aus Robinhos Fehlern gelernt hat?

Neymar: "Gott hat entschieden"

"Es war schwierig, das Angebot von Chelsea abzulehnen. Ich glaube, Gott gab mir die Weisheit zu entscheiden, was am besten für mich ist. Deswegen werde ich weiterhin bei Santos bleiben", erklärte Neymar und fügte hinzu: "Geld alleine macht nicht glücklich. Ich will nicht Santos verlassen, nur um bei Chelsea auf der Bank zu sitzen."

Als Mahnmal dient ausgerechnet Robinho, sein Vorbild, Ratgeber, Mittänzer im Beyonce-Clip, Vorgänger als "der nächste Pele" und bis vor wenigen Wochen noch Mitspieler, bevor dieser zum AC Milan wechselte. Robinho ging mit 21 Jahren zu Real Madrid und später zu Manchester City und wartet noch immer auf den endgültigen Durchbruch in der Weltspitze.

"Robinho beging den gleichen Fehler wie so viele andere Südamerikaner vor ihm und wollte sofort zu einem großen europäischen Verein. Von Kaka abgesehen waren jedoch nur die Brasilianer richtig erfolgreich, die zur Eingewöhnung in Europa bei einem kleineren Verein anfingen. So wie Ronaldo in Eindhoven oder Ronaldinho in Paris. Das hat sich Neymar auch überlegt", sagt Tim Vickery, Brasilien-Experte der "BBC" und des Fachmagazins "World Soccer".

Glänzendes Selecao-Debüt

Aus den gleichen Gründen sprachen sich auch Fußball-Legende Mario Zagallo und der neue brasilianische Nationaltrainer Mano Menezes für einen vorläufigen Verbleib in Santos aus. "Neymar muss an seinen Grundlagen arbeiten. Er sollte erst mit 21, 22 nach Europa gehen", sagt Menezes, der Neymar trotz der Bedenken sofort zum ersten Länderspiel nach der WM nominierte.

Gemeinsam mit Ganso, der ebenfalls in der Selecao debütierte, nahm Neymar in New York Gastgeber USA auseinander und erzielte die Führung beim 2:0-Erfolg. "Keine Ahnung, wo sie immer herkommen, aber Brasilien hat immer einen 18-Jährigen, der reinkommt, alles durcheinanderwirbelt und von allen geliebt wird", sagte ein sichtlich beeindruckter US-Torwart Tim Howard.

Neymar gefährlicher als Robinho

Bereits mit 13 Jahren wurde Neymar als möglicher Nachfolger von Pele und Robinho gehandelt, mit 15 nahm er schon am Training der Santos-Profimannschaft teil und mit 17 sei klar gewesen, "dass er besser werden könnte als Pele", wie es der größte Fußballer aller Zeiten selbst sagte.

Im Vergleich zum verspielten Robinho sei Neymar ohnehin bereits weiter, erklärt wiederum der ehemalige Nationalcoach Emerson Leao: "Robinho hat seine Zeit gebraucht, um zielstrebig aufs Tor zu spielen. Er hat lieber getrickst. Neymar hat hingegen viel schneller gelernt, zielstrebig zu sein."

Taktisches Foul 2.0: Neymar plötzlich ohne Hose

Ganso träumt von Real Madrid

Einen derartigen Hype wusste Ganso nicht zu entfachen - was aber auch seinem etwas ruhigeren Gemüt und dem etwas weniger spektakulären Spielstil geschuldet sein könnte. Während Neymar von seinen Dribblings und seiner Schnelligkeit lebt, versteht sich Ganso als klassischer Spielmacher.

"Er ist etwas ganz Besonderes. Der Vergleich mag etwas abgeschmackt sein, aber er erinnert mich an Zinedine Zidane. Vielleicht mit einer Portion Socrates", sagt Vickery. Insbesondere Manchester City beschäftigte sich neben Stadtrivale United mit einem Transfer des 20-Jährigen, in den letzten Monaten soll aber auch beim FC Bayern und in Wolfsburg über ihn gesprochen worden sein.

Ganso selbst entschloss sich bereits früh, mindestens ein weiteres Jahr in Santos zu bleiben, um zusammen mit Neymar in gewohnter Umgebung zu reifen. "Wenn ich weggehe, dann nur zu einem Klub wie Real Madrid. Es geht mir aber nicht ums Finanzielle, sondern um die Chance, die Champions League zu gewinnen."

Guti-Vergleich als Beleidigung

Als spanische Medien über einen sofortigen Wechsel Gansos zu Real spekulierten und ihn als "brasilianischen Guti" bezeichneten, wurde dies in Brasilien als Beleidigung aufgefasst. Denn Ganso sei offensichtlich jetzt schon besser, als es Guti jemals war. "Das zeigt nur, wie unverhältnismäßig berichtet wird. So talentiert Ganso ist, er hätte große Probleme mit dem physischen Stil in Europa bekommen, wenn er sofort gewechselt wäre", sagt Vickery.

Und wie schnell sich eine Karriere auch ohne einen riskanten Transfer zum Schlechten wenden kann, erfuhr Ganso vergangene Woche: In einem Ligaspiel riss er sich das Kreuzband. Vickery: "Er war vorher schon nicht der schnellste Spieler. Die sechs Monate Pause werden ihm nicht gut tun."

Neymar als Politikum

Sollte Gansos Genesung jedoch planmäßig verlaufen, wird er in der neu formierten Nationalmannschaft Brasiliens genau wie Neymar weiterhin gesetzt sein.

Menezes verfolgte aus der Distanz, gegen welche Widerstände sein mittlerweile geschasster Vorgänger Carlos Dunga ankämpfen musste, als dieser sich weigerte, Neymar und Ganso zur WM mitzunehmen.

So musste Dunga vor dem Turnier einmal die Polizei alarmieren, weil sich ein TV-Team für mehrere Stunden vor seinem Haus in Porto Alegre positionierte, um für eine Nominierung von Neymar zu demonstrieren. Auch etliche Fußball-Größen wie Romario sprachen sich für ihn aus.

Ganso wurde von Dunga immerhin in den erweiterten WM-Kader berufen, blieb jedoch ebenfalls unberücksichtigt.

Was die deutschen Talente voraus haben

Aufgrund beider Personalien begann sogar eine grundsätzliche Debatte darüber, ob einheimische Spieler denn genug respektiert werden würden.

"In Brasilien wurde während der WM viel darüber berichtet, wie Deutschland mit seinen Talenten aus der Bundesliga erfolgreich war und warum es Dunga nicht genauso gemacht hat", erzählt Vickery, der jedoch ergänzt: "Die Leute sehen aber nicht, dass sich die deutschen Talente ihre Chance verdient haben. Mesut Özil oder Sami Khedira haben ein Jahr vor der WM den EM-Titel mit der U 21 gewonnen. Was haben Neymar und Ganso geschafft?"

"Das zeugt nicht von Reife"

Die Antwort: nicht viel. Neymar schied mit der brasilianischen Mannschaft bei der U-17-WM im vergangenen Jahr bereits in der Vorrunde aus, ihm selbst gelang nur ein Tor, dafür wurde er zweimal ausgewechselt. Pele wurde mit 17 übrigens Weltmeister - bei den Senioren.

Ganso wiederum stand mit der U 20 im WM-Finale, doch er selbst war einer der Unauffälligsten und wurde in fünf von sieben Spielen vorzeitig vom Platz geholt. "Daher kam es nicht gut rüber, als die zwei sich der öffentlichen Unterstützung gewiss waren und von Dunga eine Nominierung einforderten. Das zeugt nicht von Reife", sagt Vickery, dem auch das Drehen des Beyonce-Clips missfiel.

"Dass Neymar und Ganso mindestens ein weiteres Jahr in Santos bleiben, ist die eindeutig richtige Entscheidung, weil sie sich in Brasilien ihrer Stellung sicher sein können. Aber es gibt Phasen, an denen sie sich zu sicher fühlen und es mit dem Spaß übertreiben. In Europa wäre so ein Video nicht gut angekommen." Hautenger Einteiler hin oder her.

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