Hingabe, Disziplin und Demut

Mittwoch, 27.05.2015 | 15:15 Uhr
Unai Emery und der FC Sevilla stehen vor der Titelverteidigung
© getty
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Unai Emery hat den FC Sevilla zum zweiten Mal in Folge in das Finale der Europa League (im LIVE-TICKER) geführt. Dabei setzt der bisweilen eigenwillige Coach auf Disziplin, Geschlossenheit und eine Hingabe, mit der er den gesamten Verein angesteckt hat.

"Es ist so: Ohne dich, Emery, könnte ich nicht fröhlich sein. Du bringt mich nach Warschau, du bringt mich nach Tiflis", hallte es beim Spiel zwischen Sevilla und Celta Vigo Anfang dieses Monats durch das Pizjuan. Die Fans in Sevilla haben ihren Coach schätzen gelernt. Das war nicht immer so, ist dieser doch ein Mann mit Ecken und Kanten. Doch er hat aus dem FC Sevilla einen Titelträger, wenn nicht sogar einen Titelverteidiger gemacht.

Am Mittwoch steigt das Finale gegen Dnipro Dnipropetrovsk in Warschau, in einigen Wochen der europäische Supercup in Tiflis. Geht es nach den Fans, sind beide Spiele schon eingetütet. Emery hat es seit seinem Amtsantritt im Januar 2013 vermocht, eine selbstverständliche Siegermentalität und eine nicht zu packende Energie zu entfesseln, die sein Team in das zweite internationale Finale in Folge geführt hat.

Vom Bogenschützen zu Rocky

Ein Geheimnis dahinter vermutet er nicht und macht sich darüber auch gar keine Gedanken. Emery ist ein Energiebündel, das nicht inne hält, um darüber zu sinnieren, was geschehen ist. Für ihn geht es immer vorwärts, immer weiter, immer noch ein Stück besser. Hier ein Detail, dort eine winzige Schraube, an der gedreht werden will. Spanische Medien machen sich seit langem eine Freude daraus, den 39-Jährigen an der Seitenlinie mit einer zusätzlichen Kamera zu begleiten.

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Er sitzt im einem Moment, um nur einen Augenschlag später an der Seitenlinie zu stehen und seine Innenverteidiger wenige Zentimeter nach vorne zu dirigieren. La Sexta hat seine Bewegungen 2011, noch zu Zeiten als Valencia-Trainer, einmal kategorisiert: Der Bogenschütze, der Scheibenwischer, der Matador, das Flugzeug und der Verkehrspolizist.

Fragte man ihn nach der Partie nach der Bedeutung seiner Gestern, musste Emery verwirrt zugeben, es nicht zu wissen. Einzig bei einer musste er grinsen. Der Rocky. Emery hatte im Jubel nach Abpfiff einem Kollegen mit der flachen Hand, aber viel Kraft, in den Rücken geschlagen.

Ecken und Kanten

Szenen wie diese lassen durchblicken auf den Mann, der sich phasenweise hinter einer akribisch arbeitenden, bissigen Fassade versteckt. Emery ist launisch, das weiß er auch selbst. Mal fährt er einem Journalisten in das Wort, mal erklärt er auf seinem von sich selbst geführten Twitter-Account, dass die Zusammenarbeit mit den Medien immer wichtiger werde.

Er muss sich nicht mit jedem verstehen und schon gar nicht glatt gestriegelt durch die Medienwelt huschen. Aber der Spanier ist echt, unverfälscht und das kommt gut an. Seit dem Amtsantritt hatte Emery mehrmals mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Sei es aufgrund verpasster Ergebnisse, bitteren Niederlagen oder Schauplätzen neben dem Rasen - die Fans und vor allem die Spieler hielten ihm immer den Rücken frei.

"Ich wollte alles wissen"

Seine Offenheit, seine Ehrlichkeit und seine unbändige Energie haben sich in dieser Zeit auf Umfeld und Mannschaft übertragen. Er emotionalisiert sehr stark, nicht umsonst sind seine Mannschaften traditionell im heimischen Stadion kaum zu besiegen.

Die Spieler haben höchsten Respekt vor dem Mann, der einst seine Karriere in der fünften spanischen Liga beenden musste und anschließend direkt zum Trainer wurde.

"Ich hatte einen guten linken Fuß, aber das war auch alles", sagt er über den Spieler Emery, weiß aber auch um seine Fähigkeiten: "Ich habe mich nicht verändert, habe immer noch ein gutes Auge für den Fußball." Die Ziele waren schon als Aktiver klar gesteckt: "Ich habe als Spieler immer dazu gelernt, alles abgespeichert. Ich wollte alles wissen, ich sah mir möglichst viele Spiele an, wollte verstehen, was gerade passiert und wie es passiert."

Emery "speicherte alle Informationen ab" und hat eine beachtliche Sammlung an handgeschriebenen Notizen. Viel Zeit und Mühe, die sich inzwischen auszahlt. In Sevilla hat er eine stark ausbalancierte Mannschaft geschaffen, die aus einem flexiblen 4-2-3-1-Grundgerüst ideal auf die kommenden Gegner eingestellt wird.

Disziplin und individuelle Klasse

"Jede Partie ist anders, aber natürlich wollen wir immer stark in Angriff und Defensive sein", erklärt er seinen allgemeinen Plan: "Wir suchen das Gleichgewicht, ohne eine Richtung zu vernachlässigen. Dazu müssen wir immer im Stande sein, den Ballbesitz zu übernehmen. Manche Gegner erfordern jenes, andere dieses. Aber am Ende müssen wir immer wir selbst bleiben."

Für Sevilla heißt das disziplinierte Arbeit in einem hohen Mittelfeld-, bisweilen auch Angriffspressing mit den individuellen Fähigkeiten, nach Ballgewinn schnell in die Lücken umzuschalten. Extrem schnelle Flügelspieler wie Aleix Vidal oder Vitolo sorgen für Tempo auf den Flügeln und werden dabei von offensiv eingestellten Außenverteidigern unterstützt.

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Im Zentrum agieren wahlweise Kevin Gameiro oder Carlos Bacca, zwei physisch präsente, aber auch technisch ordentliche Stürmer, die im Alleingang beide Innenverteidiger beschäftigen können. Aus dem Mittelfeld wird nachgestoßen, durch einen technisch beschlagenen Mann wie Ever Banega oder Denis Suarez, während Stephane Mbia und Grzegorz Krychowiak von der Sechs aus den Motor am Laufen halten.

"Hingabe, Arbeit und Demut"

Bei aller Qualität, die im Kader versammelt ist, hat aber doch die Mannschaft oberste Priorität. Emery hat mit eisenharter Disziplin aus Individualisten, die wie Banega bei Ex-Vereinen an ihrem Verhalten scheiterten, ein Team geschaffen. Beim Spiel gegen Real Sociedad (3:4) war Carlos Bacca mit blutendem Auge bereits auf dem Weg in die Kabine, besann sich aber eines Besseren, löste sich von den besorgten Ärzten und schüttelte seinem Trainer die Hand.

"Ich arbeite, als würde ich den Rest meines Lebens hier bleiben", nimmt sich der Coach selbst in die Pflicht und fordert die gleiche Hingabe von seinen Spielern. Wer sich an ihn hält, der erfährt grenzenlose Rückendeckung, wer es nicht tut, wird ohne zu Zögern abgesägt. Gerard Deulofeu, ausgeliehenes Top-Talent vom FC Barcelona, erfuhr dies am eigenen Leib.

Der 21-Jährige nahm sich aus von der kollektiven Defensivarbeit und fiel durch das Raster. Seit dem 25. Spieltag stand er nur noch ein einziges Mal auf dem Platz und twitterte trotzig: "Was dich nicht umbringt, macht dich stärker." Der prompte Konter von Emery: "Man kann aus dem Holz eines Champions gemacht sein. Aber dieses Holz muss man mit Hingabe, Arbeit und Demut schleifen."

Der Kader des FC Sevilla

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