Hannover-Trainer Mirko Slomka im Interview

Mirko Slomka: "Unser Erfolg ist kein Zufall"

Von Interview: Stefan Moser
Donnerstag, 25.08.2011 | 15:15 Uhr
Mirko Slomka steht mit Hannover 96 vor dem Einzug in die Europa League
© Getty
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Die Überraschung ist zum Greifen nah: Nach dem 2:1-Sieg im Playoff-Hinspiel träumt Hannover 96 von der ersten Teilnahme an der Europa League. Vor dem Rückspiel in Sevilla (20.50 Uhr im LIVE-TICKER) spricht Trainer Mirko Slomka über die Chancen auf ein Weiterkommen, die Entwicklung seiner Mannschaft und seine persönliche Handschrift in Hannover.

SPOX: Mirko Slomka, Sie fahren mit einer 2:1-Führung nach Sevilla. Was erwarten Sie für ein Spiel?

Mirko Slomka: Sevilla braucht zunächst einmal ein Tor und wird entsprechend Druck machen. Gerade in der Offensive sind sie herausragend besetzt. Aber wir sind immer für ein Tor gut - auch auswärts. Im Hannover sind uns durch Jan Schlaudraff sogar zwei geglückt. Es ist also möglich, sich gegen die Abwehr des Gegners durchzusetzen. Ich erwarte ein enges Spiel und wünsche mir, dass wir weiterkommen.

SPOX: Wie wichtig wäre ein Weiterkommen, um auch den Drive des Saisonstarts aufrechtzuerhalten?

Slomka: Es wäre phantastisch, ist aber schwer. Sevilla ist das top gesetzte Team in der Europa League. Eine international erfahrene Mannschaft, die solche Situationen, solche Spiele kennt. Für uns ist das als Mannschaft Neuland, obwohl wir natürlich zahlreiche Spieler mit internationaler Erfahrung haben. Es wäre ein großartiger Erfolg, wenn wir in Sevilla bestehen und uns für die Gruppenphase qualifizieren würden. Und zudem wäre es ein tolles Geschenk für unsere wirklich großartigen Fans, die beim Hinspiel für eine faszinierende Atmosphäre gesorgt haben.

SPOX: Vor gut einem Jahr galt Hannover als sicherer Abstiegskandidat, man konnte Wetten auf Ihre Entlassung abschließen. Nun fahren Sie als Bundesliga-Zweiter zu einem Europa-League-Spiel nach Sevilla. Haben Sie selbst eigentlich eine plausible Erklärung für die rasante Entwicklung?

Slomka: Das lässt sich nicht schnell in nur zwei, drei Sätzen sagen. Wir haben sehr intensiv mit der Mannschaft gearbeitet und haben nun ein Team, das hervorragend harmoniert, sich als echte Einheit präsentiert und sehr leistungs- und willensstark ist. Unser Erfolg ist sicherlich kein Zufall.

SPOX: Auch die Spielweise scheint kein Zufall zu sein. Sie haben der Mannschaft eine sehr deutliche Handschrift verpasst. Wo liegen die Schlüssel für Ihr extrem effektives Konterspiel?

Slomka: Wir haben eine Mannschaft, die läuferisch sehr gut drauf ist. Jeder Spieler besitzt die notwendige Aggressivität, den Ball zu erobern. Dabei müssen wir voraussetzen, dass die technischen Fähigkeiten vorhanden sind, um schnell umzuschalten. Eine weitere Grundvoraussetzung ist die Schnelligkeit im Umkehrspiel. Es geht darum, nach Ballgewinn sehr schnell zu attackieren.

SPOX: Entsprechend arbeiten Sie im Training...

Slomka: Die Angriffe müssen innerhalb einer zeitlichen Frist abgeschlossen werden, nach zehn Sekunden pfeife ich sie ab. Die Spieler sollen dadurch die hohe Anforderung an Schnelligkeit verinnerlichen. Schnell spielen, schnell handeln, schnell abschließen.

SPOX: Ihre Spielweise verlangt viel Laufarbeit in hohem oder höchstem Tempo, in den Tracking-Statistiken hat Hannover auch Topwerte im Sprintbereich. Für die Fitness arbeiten Sie seit dem Sommer dafür zusammen mit Professor Freiwald auch mit einem neuen GPS-System. Wie lässt sich die Technik für die Trainingssteuerung nutzen?

Slomka: Wir sind nun in der Lage, neben den üblichen physiologischen Daten auch physikalische Messgrößen zu ermitteln. Nach entsprechender Auswertung können wir unsere Spieler noch spezieller, also individueller trainieren. 30 Minuten nach jedem Spiel oder jeder Einheit weiß ich, wer sich wie auf dem Platz bewegt hat. Die umfassende Datenerhebung zum Beispiel mit den zurückgelegten Kilometern, der Anzahl und Intensität der Sprints etc. liefert mir wichtige Erkenntnisse über die Leistungsfähigkeit und die Belastung der Spieler.

SPOX: Eine neue Qualität Ihrer Mannschaft scheinen die eigenen Standards zu sein. Ein Schwerpunkt im Sommer, weil Sie in dieser Saison mehr eigenen Ballbesitz erwarten als im vergangenen Jahr?

Slomka: Das war natürlich auch ein Schwerpunkt. Unsere ersten Spiele haben gezeigt, welchen Stellenwert Standards haben können. Beim 2:1 gegen Hoffenheim haben wir mit einem Freistoß und einem Elfmeter das Spiel entschieden. Sevilla haben wir allerdings mit zwei Angriffen aus dem Spiel heraus geschlagen - nur über Standards wird es also auch nicht gehen.

SPOX: Grundsätzlich: Wie wichtig ist es heute, dass eine Mannschaft die Handschrift des Trainers trägt?

Slomka: Wie wichtig es ist, weiß ich nicht. Ich halte es für wesentlich, dass Trainer und Mannschaft eine gemeinsame Vorstellung davon haben, wie sie spielen und auftreten möchten. Dafür muss ich die Spieler überzeugen und mich auch auf ihre Ansichten einlassen können. Und daraus entwickelt sich dann eine gemeinsame Überzeugung oder auch Taktik.

SPOX: Trotz Ihrer ruhigen Art gelten Sie ja auch als guter Motivator, haben sich auch theoretisch mit dem Thema beschäftigt. Was waren in Hannover die schwierigsten Aufgaben im mentalen Bereich?

Slomka: Es ist natürlich nicht einfach, wenn man mit sechs Niederlagen startet. In dieser Situation haben sich Martin Kind und Jörg Schmadtke aber dafür entschieden, mit mir weiterzuarbeiten. Dieses Vertrauen hat wahrscheinlich der Mannschaft nochmal einen Schub gegeben. Dass ein Trainer nach sechs Spielen ohne Punkt weitermachen darf, ist nicht selbstverständlich.

Die Europa-League-Qualifikation im Überblick

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