GER-GRE: Der direkte Vergleich

Wie schlau ist der Taktikfuchs?

Von Für SPOX bei der Nationalmannschaft: Stefan Rommel
Donnerstag, 21.06.2012 | 15:56 Uhr
Thomas Müller (l.) ist gegen die Griechen auf dem rechten Flügel gefordert
© Getty
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Die Viertelfinalpartie der deutschen Nationalmannschaft gegen Griechenland (Fr., ab 20.15 Uhr im Live-Ticker) wird von vielen nur als Zwischenstation auf dem sicheren Weg ins Semifinale gesehen. Aber Vorsicht: Die Griechen sind die Meister des Understatements und eiskalte Vollstrecker. Und sie haben einen Trainer auf der Bank, der für so manche Überraschung gut sein kann.

Die Torhüter: Manuel Neuer vs. Michalis Sifakis

Michalis Sifiakis spielt bisher eine sehr ordentliche EM. Der Torhüter von Aris Saloniki ging fast als Greenhorn in die Vorbereitungsphase, hat mittlerweile erst 14 Länderspiele auf dem Konto.

Ohne die Verletzung von Kostas Chalkias wäre die Nummer zwei jetzt auch nicht im Tor. Seine Bilanz ist aber makellos: In 157 Minuten Spielzeit blieb Sifakis bisher ohne Gegentreffer. Auch seine Paraden retteten den entscheidenden 1:0-Sieg gegen die Russen über die Zeit.

In diesem Spiel hielt er alle sieben Schüsse, die auf sein Tor kamen und hatte auch etwas Glück: Die restlichen 22 verfehlten allesamt das Tor.

Manuel Neuer spielt bisher auch eine starke EM. Die deutsche Nummer eins hat sich noch keinen groben Fehler zuschulden kommen lassen und ist mit erst zwei Gegentreffern unter den besten Torhütern des Turniers zu finden (zusammen mit Gigi Buffon und hinter Iker Casillas). Lediglich einer seiner Ausflüge wurde gegen die Dänen ein wenig brenzlig. Ansonsten spielt Neuer bisher stark. Seine Fangquote liegt bei 91 Prozent.

Vorteil Deutschland

Die Abwehr:

Die Griechen mussten ein wenig umbauen, Verletzungen und Sperren lassen gegen Deutschland die Viererkette Torosidis, Papadopoulos, Sokratis und Tzavellas erahnen. Kyrgiakos Papadopoulos ist dabei der beste Zweikämpfer der Mannschaft. Etwas mehr als 84 Prozent seiner Duelle entscheidet der Schalker für sich. Ein Spitzenwert, der ihm im Turnierranking immerhin Platz fünf einbringt.

Allerdings auch nicht ganz so stark wie der von Mats Hummels, der auf fast 87 Prozent kommt und damit der beste Zweikämpfer des gesamten Turniers ist - geht man von allen Stammspielern aus. Vassilis Torosidis ist ein mittlerweile bekannter Name, weil er ständig mit irgendwelchen Bundesligaklubs in Verbindung gebracht wird. Bisher ist es aber noch nicht das Turnier des 27-Jährigen.

Torosidis ist defensiv stabil, in der Offensive aber bisher blass. Seine Passquote liegt bei vergleichsweise schwachen 70 Prozent. Sein deutscher Gegenpart Jerome Boateng kommt da zum Beispiel auf über 86 Prozent. Links in der Viererkette wird erneut Georgios Tzavellas von Beginn an auflaufen. Der ehemalige Frankfurter hat Jose Holebas verdrängt, der gegen Deutschland wegen einer Gelb-Sperre noch nicht mal auf der Bank Platz nehmen darf. Tzavellas machte seinen Job gegen die Russen gut, war in der Offensive sogar einen Tick auffälliger als Torosidis auf rechts, gewann dazu 62,5 Prozent seiner Zweikämpfe.

Der Chef in der Abwehr ist aber Sokratis. Der Bremer flog im ersten Spiel ungerechtfertigt vom Platz, wurde dann gegen die Russen aber zum Turm in der Abwehrschlacht und kam ohne ein einziges Foulspiel aus. Die Abwehr wird Griechenlands stärkste Waffe sein, mit Sokratis und Papadopoulos räumen zwei Spieler im Zentrum resolut ab, sind auch in der Luft stark. Anfällig sind aber die beiden Außenpositionen, wo es Tzavellas gegen Müller an Geschwindigkeit fehlen dürfte.

In die deutsche Viererkette dürfte nach seiner Zwangspause wieder Jerome Boateng zurückkehren. Lars Bender wird den Posten rechts hinten dafür räumen müssen. Die Innenverteidigung steht bisher sehr sicher, die Abstimmung zwischen Hummels und Holger Badstuber ist noch nicht perfekt, aber wird immer besser. Dazu sind beide bisher im Aufbauspiel nahezu fehlerlos. Hummels (knapp 94 Prozent) und Badstuber (91 Prozent) passen sauber und präzise und sind unter den Innenverteidigern in dieser Disziplin unerreicht.

Links in der Viererkette spielt Kapitän Philipp Lahm bisher unglaublich auffällig. Mit 216 Ballkontakten wird er nur von seinen spanischen Außenverteidigerkontrahenten Jordi Alba (247) und Arbeloa (237) übertroffen. Dabei ist Lahms Zweikampfquote mit knapp 57 Prozent aber auch ganz ordentlich.

Unentschieden

Das Mittelfeld:

Volksheld Georgios Karagounis ist wegen einer lächerlichen Gelben Karte gesperrt, damit fehlt den Griechen ihr Herz im Zentrum. Offenbar will Trainer Fernando Santos dies mit einem Fünfer-Mittelfeld auffangen, in dem die beiden Außenspieler Salpingidis und Samaras bei gegnerischem Ballbesitz nach hinten zurückfallen und die Dreierkette auffüllen. Grigoris Makos übernimmt dabei die Rolle in der Zentrale. Der hat bisher kaum gespielt, ist mit lediglich elf Länderspielen auch nicht der erfahrenste.

Daneben werden Konstantinos Katsouranis und Ioannis Maniatis erwartet. Auf Katsouranis liegen dabei die Hoffnungen. Der Routinier (94 Länderspiele) soll die beiden jungen anleiten. Katsouranis ist der Spielgestalter aus dem defensiven Mittelfeld heraus und hat bisher mit 186 Ballkontakten die meisten seiner Mannschaft zu verbuchen. Den Vergleich zu Batsian Schweinsteiger (246) oder Sami Khedira (212) verliert er aber deutlich.

Verblüffend ist vor allen Dingen, dass die Griechen zwar pro Spiel nur 26 Minuten im eigenen Ballbesitz sind, im Umkehrschluss also 64 Minuten lang dem Ball hinterherjagen müssten - dies aber relativ lauffaul erledigen. Keine andere Mannschaft der EM läuft so wenig wie die Griechen, insgesamt kommt die Mannschaft nur auf 306 Kilometer, also 102 Kilometer pro Spiel. Deutschland dagegen hat schon 335 Kilometer abgespult, was knapp zehn Kilometer mehr Laufleistung pro Spiel bedeuten. Schweinsteiger ist hier der König unter den Kilometerfressern: 36,05 Kilometer hat der Münchener bisher abgerissen - der absolute Spitzenwert aller Spieler bei der EM.

Ebenfalls auffällig: Obwohl kaum in Ballbesitz, werden die Griechen bisher am häufigsten gefoult. 57 Mal gab es Freistoß für die Griechen, kein anderes Team wurde häufiger regelwidrig vom Ball getrennt. Im deutschen Mittelfeld liegen übrigens vier von fünf Spielern über der 30-Kilometer-marke, lediglich Lukas Podolski mit 28,7 etwas darunter.

Auf Dimitrios Salpingidis und Georgios Samaras kommt eine große Aufgabe zu. Beide sollen in der Offensive den Ball halten. Besonders geschickt stellt sich dabei Samaras an, der einen Freistoß nach dem anderen rausholt. Auf der anderen seite hat er aber auch schon neun Fouls selbst begangen.

Salpingidis war gegen die Polen beim Auftaktspiel der entscheidende Mann, geht immer wieder mit Tempo bis durch in die Spitze. Was ihn aber auch schon fünfmal ins Abseits rennen ließ, nur Irlands Robbie Keane stand häufiger in der verbotenen Zone (sechsmal). Defensiv sollen Salpingidis und Samaras die Seiten dicht machen, damit Katsouranis und Maniatis weiter ins Zentrum einrücken und dort die Räume eng machen können.

Mit Schweinsteiger (91 Prozent), Özil (89) und Khedira (87) regiert im deutschen Zentrum eine ungemein hohe Passgenauigkeit. Das liegt natürlich auch an den größtenteils defensiv eingestellten Gegnern und den damit verbundenen "Sicherheitspässen". Trotzdem funktioniert die Achse im Zentrum sehr gut. Schwieriger wird es im letzten Angriffsdrittel, wo Özil bisher gegen die Übermacht an gegnerischen Verteidigern noch nicht so zum Zug kommt. Nicht nur deshalb werden die beiden Außenspieler Thomas Müller und Podolski entscheidend sein. Gegen Torosidis und Tzavellas braucht die deutsche Mannschaft über die Flügel genügend Tempo, da sich in der Mitte wohl ziemlich oft Stau bilden wird und alles Pass- und Laufwege dicht sind.

Vorteil Deutschland

Der Angriff: Mario Gomez vs. Theofanis Gekas

Fanis Gekas soll es mal wieder richten. Bisher war es noch nicht das Turnier des ehemaligen Frankfurters und Herthaners. In 177 Minuten Einsatzzeit hatte Gekas schwache 31 Ballkontakte. Natürlich liegt das auch an seinem hoch spekulativen Spiel. Gekas lauert fast immer an der Grenze zur Abseitsstellung auf das Zuspiel in die Tiefe oder über die Abwehr hinweg. Der Ball kommt da aber viel zu selten bei ihm an, was lediglich fünf Torschüsse bisher beweisen.

Insgsamt hatte Griechenland bei der EM bisher nur sechs Großchancen - aber auch schon drei Tore erzielt. Kein anderes Team ist effizienter vor dem Tor. Am Offensivspiel nimmt Gekas nur insofern teil, dass er die Zuspiele kurz prallen lässt und sich dann sofort wieder in die Spitze orientiert. Aber: Wie kaltschnäuzig und listig er vor dem Tor sein kann, hat auch sein Treffer gegen die Tschechen gezeigt, als er mal wieder den richtigen Riecher hatte und Cechs Fehler sofort bestrafte.

Über Mario Gomez ist schon viel geschrieben worden. Gegen Dänemark agierte er im Abschluss etwas unglücklich, nahm sonst aber wie schon gegen die Niederlande deutlich besser am deutschen Spiel teil. Rechnet man ihm die Vorlage zu Podolskis 1:0 gegen Dänemark mit an, kommt Gomez schon auf vier Scorerpunkte - fast so viele wie die gesamte griechische Mannschaft zusammen (fünf). Nur David Silva ist mit fünf Scorerpunkten bisher besser. Wie sehr Gomez mittlerweile auch nach hinten arbeitet, lässt sich an sieben Foulspielen mit belegen. Fünf davon beging er bei Defensivaktionen, lediglich zwei waren klassische "Stürmerfouls".

Vorteil Deutschland

Die Trainer: Joachim Löw vs. Fernando Santos

Fernando Santos fällt mit seinem gestenreichen Gebaren auf der Bank auf. Dass der Portugiese aber auch ein überragender Taktiker ist, haben unter anderem seine sehr effizienten Wechsel gegen die Polen bewiesen, als Griechenland einen schmerzhaften Ausfall (Kreuzbandriss Avraam Papodopoulos) und eine ungerechtfertigte Gelb-Rote Karte (Sokratis) zu verkraften hatten, sondern auch einen 0:1-Rückstand beinahe noch in einen Sieg umdrehen konnten.

Santos reagierte schlau auf die neue Spielsituation, baute Salpingidis geschickt ein und ging hohes Risiko, als er weiter drei Spieler angreifen ließ und im defensiven Mittelfeld lediglich eine verkappte Zweierkette aufbot. Gegen müder und nervöser werdende Polen der Schlüssel zum Punktgewinn, in der zweiten Halbzeit waren die Griechen sogar das bessere Team. Hat auch schon einige unvorhersehbare Wechsel vorgenommen und überrascht jedes Mal aufs Neue. Santos wird sich sicherlich auch für die Deutschen eine kleine Gemeinheit ausdenken.

Joachim Löw hat bisher kaum etwas falsch gemacht, eher im Gegenteil. Seine Personalentscheidungen waren im Nachhinein betrachtet allesamt gerechtfertigt. Große taktische Kniffe musste Löw bisher nicht anwenden und vermutlich wird es auch im Spiel gegen die Griechen zunächst nichts zu ändern geben.

Womit er allerdings von Spiel zu Spiel mehr klarkommen muss, ist die Situation der Ergänzungsspieler. Bisher hat Löw nach Schema gewechselt, fast immer dieselben Spieler zur selben Zeit. Gegen die Griechen könnte die Stunde von Marco Reus schlagen, der für den zu erwartenden Betonblock eine passende Lösung wäre. Allerdings nicht von Beginn an.

Unentschieden

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