Freitag, 24.10.2014

Jürgen Kramny im Interview

"In Leipzig entsteht ein Imperium"

Seit der Einführung der dritten Liga 2008 stellt der VfB Stuttgart die erfolgreichste zweite Mannschaft aller Bundesligisten. Im Interview mit SPOX spricht Trainer Jürgen Kramny über die Nachwuchsarbeit beim VfB, die Wichtigkeit einer U 23 und wie RB Leipzig den Kampf um junge Talente auf ein neues Level hievt.

Jürgen Kramny ist mit seinem Trainerteam bereits im vierten Jahr beim VfB Stuttgart
© getty
Jürgen Kramny ist mit seinem Trainerteam bereits im vierten Jahr beim VfB Stuttgart

SPOX: Herr Kramny, seit dieser Saison sind die Profivereine nicht mehr verpflichtet, eine zweite Mannschaft zu melden. Wie bewerten Sie die Tatsache, dass einige Vereine von diesem Verzicht Gebrauch machen? War das für Sie ein gutes Signal des DFB?

Kramny: Für mich stellt sich die Frage überhaupt nicht, weil ich die zweite Mannschaft nach wie vor für absolut notwendig halte. Ich weiß nicht, ob diese Vereine die Konsequenz auf Dauer vielleicht zu spüren bekommen, wenn sie Talente verlieren, obwohl sie dem Spieler die Möglichkeit geben könnten, in einer U 23 zu spielen. Daher kann ich es nicht nachvollziehen. Wenn ein 18-Jähriger in der dritten Liga seine Erfahrung sammeln kann, hat er es auch in der Bundesliga einfacher.

SPOX: Inwiefern?

Kramny: Er gewöhnt sich vor allem an das ganze Drumherum. Für einen A-Jugendspieler, der sonst vor 100 oder 200 Zuschauern spielt, ist es etwas Besonderes, in Duisburg vor 13.000 oder in Dresden vor 20.000 Zuschauern aufzulaufen. Ich finde das herausragend.

SPOX: Beim VfB wird Jugendarbeit seit jeher groß geschrieben. Bald wird das neue Nachwuchsleistungszentrum eröffnet. Können Sie sagen, wie es sich von denen der konkurrierenden Vereine unterscheidet?

Kramny: Es ist sehr modern, multifunktionell, einfach etwas ganz Neues. Bei uns ist sicherlich von Vorteil, dass Jugend und Aktive auf einem gemeinsamen Gelände angesiedelt sind. Profi-, U23- und Jugendbereich gehen so ineinander über und bauen auch eine gewisse emotionale Beziehung zueinander auf. Das ist ein Riesenwert. Es ist sicherlich ein deutlich verbesserter Rahmen, der neu geschaffen wurde, aber im Endeffekt stehen die Jungs auf dem Platz und müssen dort ihre Leistung bringen.

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SPOX: Zu den Jungs gehören seit dieser Saison auch Georgios Spanoudakis sowie Danny Collinge und Thomas Kunz - allesamt hoffnungsvolle Jugendspieler. Wie gelingt es dem VfB, solche Talente zu ködern?

Kramny: Das geht in erster Linie über unser Netzwerk und die Kontakte, die wir haben. Manchmal fliegt uns aber auch einer zu. Man kann ja auch mal einen Glückstreffer landen (lacht). In der Regel ist es aber harte Arbeit. Man muss sich umschauen und auch wissen, wenn ein Spieler eventuell unzufrieden ist oder sich verändern möchte. Da gilt es, die Augen aufzuhalten.

SPOX: Der VfB galt in Baden-Württemberg bis vor wenigen Jahren als die Anlaufstelle für Talente. Wie geht man mit dem gestiegenen Konkurrenzdruck durch Vereine wie Hoffenheim oder Freiburg um?

Kramny: Man muss schauen, dass man seine Bereiche gut absichert. Es ist wichtig, Leute mit fähigen Augen zu haben, die junge Talente entdecken und diese auch rechtzeitig zu uns bringen. Ohne ein funktionierendes Scouting-System ist es nicht möglich, Talente zu gewinnen. Sobald sie mal in einem großen Verein sind, bleiben sie auch erst einmal dort. Es geht also darum, schnell zu sein und die einzelnen Altersbereiche gut einschätzen zu können.

SPOX: Seit dieser Saison wird auch wieder auf die Meinung von Rainer Adrion gebaut, der zum VfB zurückgekehrt und nun als sportlicher Leiter U 17 bis U 23 tätig ist. Was hat sich durch diese Personalie geändert?

Kramny: In den einzelnen Mannschaften nicht viel, die Trainer sind noch immer für ihre jeweiligen Teams zuständig. Wir stehen mit Rainer in einem regen Austausch. Er ist bei vielen Trainingseinheiten und Spielen dabei und bringt seine Ideen mit ein. Er hat jahrelange Erfahrung als Trainer und weiß, worüber er spricht. Ich finde es gut, dass er ganz nah dabei ist.

SPOX: Stichwort Talente: Aufmerksam verfolgt man beim VfB die Entwicklung von Arianit Ferati, der als 16-Jähriger bereits mit den Profis im Trainingslager war. Wohin führt sein Weg?

Kramny: Er ist ein spielintelligenter Fußballer, der eine hervorragende Technik hat. Sicherlich muss er noch reifen, aber die Rückmeldungen, die ich von seinen Trainingseinheiten bei den Profis habe, sind positiv.

SPOX: Im Sommer holte man zudem Ex-Dortmunder Stephen Sama vom FC Liverpool. Sehen Sie in ihm als Innenverteidiger das Potenzial, es in die erste Mannschaft zu schaffen?

Kramny: Stephen zeigt gute Ansätze. Er hat Verteidigerblut in sich und eine starke Mentalität. Sicherlich kann er noch zulegen, aber wir müssen ihn erst einmal wieder an die deutsche Spielweise gewöhnen. Er ist ein aufnahmefähiger Spieler, dementsprechend traue ich ihm einiges zu.

SPOX: Ist der große Trubel, der bisweilen um solch junge Talente entsteht, denn gerechtfertigt?

Kramny: Es ist klar, dass junge Spieler, die so früh zur Profimannschaft kommen, interessant sind. Trotzdem muss man die natürlichen Entwicklungsschritte auch einhalten. In dem Alter sind Schwankungen normal. Das Problem im Fußball ist: Man kann seine Karriere nie exakt planen, da in einer solchen Kontaktsportart immer etwas Unvorhergesehenes passieren kann.

SPOX: Letzte Saison war auch Yussuf Poulsen bei Ihnen im Gespräch, der entschied sich jedoch für RB Leipzig. Zuletzt debütierte er für die dänische A-Nationalmannschaft. Blöd gelaufen, oder?

Kramny: Ich hätte Youssuf Poulsen gerne bei uns gesehen, da bin ich ganz ehrlich. Aber manchmal laufen die Dinge eben nicht so wie gewünscht. Man sieht an seiner Entwicklung, dass er ein absoluter Ausnahmespieler ist.

SPOX: Auch Frieder Schrof und Thomas Albeck, die langjährigen Leiter der Jugendabteilung, verließen den VfB im letzten Jahr in Richtung Leipzig. Welche Lücke haben sie hinterlassen?

Kramny: Sie waren jahrzehntelang für den VfB in diesem Bereich tätig, es ist über einen langen Zeitraum etwas gewachsen. Natürlich hat sich mit ihrem Weggang etwas verändert. So eine Neustrukturierung, wie sie bei uns stattfinden musste, kann aber auch etwas Positives bringen. Wir haben jetzt beispielsweise mit Markus Rüdt, dem Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, und Rainer Adrion echte Fachmänner hinzu gewonnen.

SPOX: Welche Rolle spielt RB im Kampf um junge Talente? Hievt der aufstrebende Verein den nationalen Wettstreit auf ein anderes Level?

Kramny: Sie haben natürlich Mittel zur Verfügung, die in dieser Weise besonders sind. Das macht es möglich, dass RB Spielern etwas bieten kann, was andere Vereine nicht können.

SPOX: Das wird man in Leipzig anders sehen.

Kramny: Grundsätzlich versucht Ralf Rangnick, den Verein so gut wie möglich aufzustellen. Das fängt in der Jugend beim Nachwuchsleistungszentrum an. Das ist infrastrukturell schon eine riesige Hausnummer. In Leipzig entsteht ein Imperium. Sie werden sicherlich über kurz oder lang in allen Bereichen vorne dabei sein.

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SPOX: Wie stehen Sie dem persönlich gegenüber?

Kramny: Ralf Rangnick verfolgt die Idee, dort etwas zu entwickeln und auf die Beine zu stellen, was vorher so nicht möglich war. Das hat er in Hoffenheim ja genauso gemacht. Diese Arbeit ist aus sportlicher Sicht einfach top. Für viele andere Vereine wird es nicht einfach, da mitzuhalten.

SPOX: Bei Ihrem Amtsantritt 2011 lobte Sie Fredi Bobic als "sehr guten Ausbildungstrainer". Sicherlich werden Sie aber nicht für immer in diesem Segment verweilen wollen. Oder doch?

Kramny: Vorstellbar ist für mich alles. Mein Vertrag läuft bis zum 30. Juni 2015. Bis dahin wird man sehen, wie die Planungen und Ideen des Vereins aussehen. Meine bisherige Arbeit ist nicht unverborgen geblieben, es gab auch die eine oder andere Anfrage. Mir macht die Arbeit hier aber enormen Spaß. Wir haben ein klasse Trainerteam mit einem richtig guten Austausch, dazu sind wir schon im vierten Jahr zusammen.

Interview: Benedikt Treuer

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