Freitag, 24.09.2010

Interview mit Pawel Dotchew

"Matthäus wird es verdammt schwer haben"

Pawel Dotschew feierte als Trainer Erfolge in Erfurt und Paderborn. Einen Karriereknick erlebte der Ex-Bundesligaprofi in seiner Heimatstadt Sofia. Beim bulgarischen Europa League-Teilnehmer ZSKA schmiss er im Sommer nach nur zwei Monaten hin. Kaum zurück in Deutschland, bekam er ein Angebot des schwach in die 3. Liga gestarteten SV Sandhausen. Dotschew nahm an.

Pawel Dotschew liegt mit dem SV Sandhausen im Mittelfeld der 3. Liga
© Getty
Pawel Dotschew liegt mit dem SV Sandhausen im Mittelfeld der 3. Liga

Im Interview mit SPOX spricht er über den bulgarischen Fußball, prophezeit Lothar Matthäus eine harte Zeit und redet über seinen Neustart in Sandhausen.

SPOX: Herr Dotschew, wird Ihnen eigentlich anders, wenn Sie derzeit im Auto auf Ihre Kilometeranzeige schauen?

Pawel Dotschew: Eine gute Frage (lacht). Ich war in letzter Zeit sehr viel unterwegs und habe einiges erlebt. Jetzt wünsche ich mir, dass ich in Sandhausen Fuß fassen und die Mannschaft stabilisieren kann.

SPOX: Beim ZSKA Sofia lief es nicht wie erwartet. Waren Sie froh über die Anfrage aus Sandhausen?

Dotschew: Sehr froh. In Sofia habe ich sehr viele Dinge vorgefunden, die nicht meiner Vorstellung entsprochen haben.

SPOX: Welche genau?

Dotschew: Ich musste die Verantwortung für Entscheidungen übernehmen, die ich nicht getroffen hatte. Außerdem bin ich dorthin gegangen, weil es hieß, dass im Verein neue Strukturen geschaffen werden sollen. Es wurde aber schnell klar, dass die Bereitschaft dazu gar nicht vorhanden war. Es lief sehr unglücklich. Ich konnte nichts bewegen.

SPOX: Das wird Lothar Matthäus nicht gerne lesen.

Dotschew: Ich habe gehört, dass er bulgarischer Nationaltrainer sein soll.

SPOX: Was halten Sie davon?

Dotschew: Ganz ehrlich? Der bulgarische Fußball hat keine Probleme, weil es dort schlechte Trainer gibt. Die Struktur ist einfach nicht da. Es wird noch in zu vielen Bereichen zu unprofessionell gearbeitet. Das gilt besonders für die Nachwuchsarbeit. Es gibt immer weniger junge Talente, die frischen Wind reinbringen. So wird Bulgarien international schwer etwas bewegen können.

SPOX: Das hat sich ja schon in den letzten Qualifikationsrunden zu den Welt- und Europameisterschaften gezeigt.

"Bulgarien hätte eigentlich gute Möglichkeiten. Aber wenn selbst ein Fußball-Entwicklungsland wie Zypern mittlerweile weiter ist, dann läuft einiges schief. Lothar Matthäus wird es verdammt schwer haben."

Pawel Dotchew

Dotschew: Bulgarien hätte eigentlich gute Möglichkeiten. Aber wenn selbst ein Fußball-Entwicklungsland wie Zypern mittlerweile weiter ist, dann läuft einiges schief. Lothar Matthäus wird es verdammt schwer haben.

SPOX: Wie schwer wird es für Sie in Sandhausen?

Dotschew: Erst einmal habe ich gespürt, dass der Verein mit mir und meinen Ideen arbeiten will. Es ist wichtig, dass ich mich wohlfühle und meine Philosophie als Trainer umsetzen kann. Sandhausen ist ein sehr familiärer Verein, der kein großes, dafür aber ein sehr treues Fanaufkommen hat. Wenn sich in einem solchen Umfeld der Erfolg einstellt, kann sehr viel Eigendynamik entstehen. Man hat beim SC Paderborn gesehen, was möglich ist. Sandhausen kann das auch. Das hat mich gereizt.

SPOX: Damit lastet sehr viel Druck auf Ihnen. Zumal der Saisonstart nicht gut war.

Dotschew: Zurückschauen bringt nichts. Ich weiß natürlich, dass ich gleich unter Druck stehe, weil wir Erfolge brauchen. Der 1:0-Sieg gegen Bayern München II war wichtig. Aber der Fußball ist kein Wunschkonzert. Fakt ist, dass wir gute Einzelspieler haben. Jetzt müssen wir eine konstante Mannschaft werden. Meine Spieler brauchen Sicherheit.

SPOX: Was fehlt dem Team noch?

Dotschew: Mir waren auch zu wenige Emotionen auf dem Platz. Die Spieler haben sich viel zu selten gewehrt. Wenn ich Misserfolg habe, muss ich dagegen ankämpfen.

SPOX: Ist der Druck von Vereinsseite zu groß? Auch vor dieser Saison kamen namhafte Neuzugänge, weil der Aufstieg unbedingt klappen soll.

Dotschew: Jeder Spieler, der in Sandhausen unter Vertrag steht, kennt die Zielsetzung des Vereins von Anfang an und identifiziert sich damit. Insofern ist zu großer Druck kein Argument. Der Erfolg muss erarbeitet werden und mit der Mannschaft wachsen. In dieser Phase sind wir gerade.

SPOX: Jetzt geht es gegen Wiesbaden und Regensburg. Die Spiele sind richtungsweisend.

Dotschew: Ja, daher arbeiten wir auch jeden Tag sehr intensiv. Wir wollen in der Tabelle keinen Druck von unten bekommen. Aber, es geht nur Schritt für Schritt. Wir haben sehr viel Arbeit vor uns. Trotzdem denke ich, dass wir es schaffen werden.

SPOX: Der deutsche Fußball blickt derzeit begeistert auf zahlreiche junge Talente. Wie sieht es in Sandhausen aus?

Dotschew: Ich konzentriere mich aktuell auf die erste Mannschaft. Generell wurden aber Dinge auf den Weg gebracht, die helfen werden, den Nachwuchsbereich auf eine gute Grundlage zu stellen. Das ist auch nötig, wenn der Verein in die Bundesliga aufsteigen möchte. Aber auch hier muss es Schritt für Schritt gehen. Die erste Mannschaft braucht jetzt Stabilität, denn sie ist das Aushängeschild. Dann geht es weiter.

SPOX: 3. Liga statt Europa League mit Sofia. Ist Sandhausen auch noch einmal ein Neustart für Ihre Karriere?

Dotschew: Ja, ich könnte jetzt als Trainer in der Europa League auf der Bank sitzen. Aber dann wäre ich nach den Vorfällen in Sofia nicht mehr authentisch. Ich schaue nicht nur danach, dass ich möglichst viele Erfolge auf meinem Karrierepapier stehen habe. Ich muss mich wohlfühlen. Von daher fange ich in Sandhausen neu an. Ich möchte das Team schnell wieder in die Spur bringen. Wenn wir dann alle gut zusammenarbeiten, können wir etwas bewegen.

SPOX: Sie hatten in Paderborn und Erfurt Erfolg. Trotzdem verliefen die Abschiede zumeist nicht ruhig. Glauben Sie, dass Ihre Arbeit zu wenig geschätzt wird?

Dotschew: Das ist nicht wichtig. Frühere Erfolge helfen mir in Sandhausen nicht. Mein Motto lautet: Um gut zu bleiben, muss ich mich verbessern. Ich muss mich in Sandhausen wieder beweisen. Diese Herausforderung nehme ich gerne an. Ich glaube, dass ich es hier schaffen kann, weil ich von meinem Weg und meiner Arbeit überzeugt bin.

Zum Spielplan der dritten Liga

Interview: Kevin Bublitz / Mark Heinemann

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