Dienstag, 23.02.2010

Jürgen Seeberger im Interview

"Die 3. Liga ist das perfekte Umfeld"

Jürgen Seeberger verpasste letzte Saison mit Alemannia Aachen knapp den Aufstieg, seit dem 28. Januar trainiert er die zweite Mannschaft des VfB Stuttgart. Im Interview spricht er über neue Aufgaben, die Zusammenarbeit mit Christian Gross und die Relevanz der 3. Liga.

Jürgen Seeberger trainierte zwei Jahre lang Alemannia Aachen
© Getty
Jürgen Seeberger trainierte zwei Jahre lang Alemannia Aachen

SPOX: Herr Seeberger, Sie sind seit vier Wochen Trainer beim VfB Stuttgart II. Wie lief die Eingewöhnungsphase?

Jürgen Seeberger: Es war ein guter Einstieg. Durch die Spielausfälle hatten wir anfangs etwas Luft. Außerdem habe ich einen sehr guten Trainerstab übernommen, der mir unheimlich viel Arbeit abnimmt.

SPOX: Und zum Auftakt gegen Wehen gab es gleich ein 4:1. Besser hätte es nicht laufen können.

Seeberger: Das stimmt natürlich. Die erste Halbzeit war sehr gut. Wir hatten eine sehr hohe Effizienz, haben entschlossen und zielstrebig agiert und in zehn Minuten drei Tore gemacht. Nach der Halbzeit wollten wir eigentlich nachlegen, haben aber gleich ein Gegentor kassiert - etwas früh für meinen Geschmack. Aber der Sieg war wichtig für die Stabilität der jungen Mannschaft.

SPOX: Ihre letzte Station war mit Aachen ein ambitionierter Zweitligist. Es kam schon überraschend, dass Sie jetzt den Weg in die 3. Liga zu einer zweiten Mannschaft gehen.

Seeberger: Der VfB ist ein großer Verein und eine große Herausforderung. Die Philosophie des Vereins ist fast deckungsgleich mit meiner. Mit der Aufgabe kann ich mich hundertprozentig identifizieren.

SPOX: Wie sieht Ihre Philosophie aus?

Seeberger: Mein Grundkonzept ist ein defensives 4-4-2, in dem wir versuchen, in der Zone und absolut ballorientiert zu agieren. Aus dieser Positionierung heraus wollen wir aggressiv gegen den Ball und bei Ballgewinn schnell und vertikal in die Spitze spielen, um möglichst schnell vor das gegnerische Tor zu kommen. Dazu will ich lange und zielstrebig in Ballbesitz sein und Dominanz ausüben. Das ist das Ziel. Die Frage ist, inwieweit man das umsetzen kann.

SPOX: Inwieweit hat sich ihr Arbeitsprofil verändert?

Seeberger: Natürlich ist die Arbeit mit einer ersten Mannschaft anders. Der Kader wird von unten nach oben aufgefüllt und im Training hat man immer um die 20 Spieler und drei Torhüter. In der zweiten Mannschaft ist die Fluktuation größer. Jetzt habe ich einen Kader von 30 Spielern, darunter fünf oder sechs A-Jugendliche. Wenn es um die Spielvorbereitung geht oder die Trainingsinhalte, gibt es aber keine Unterschiede.

SPOX: Trainer der Profi-Mannschaft ist Christian Gross, den Sie aus Ihrer Schweizer Zeit kennen. War er für Ihr Engagement verantwortlich?

Seeberger: Wir kennen uns schon lange, haben sogar noch gegeneinander gespielt. Ich denke schon, dass Christian Gross seine Meinung vor meiner Verpflichtung geäußert hat. In erster Linie muss jeder seine eigene Arbeit sehen. Ich habe meinen Auftrag und er hat seinen.

SPOX: Wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Seeberger: Wir versuchen Hand in Hand zusammenzuarbeiten, was auch funktioniert. Aber das war mir vorher schon klar. Es ist ein sehr professionelles, zielgerichtetes und vertrauensvolles Arbeitsverhältnis.

SPOX: Immerhin sollen Sie ihn und die erste Mannschaft weiterhin mit Talenten füttern.

Seeberger: Das ist das Ziel. Die Weiterentwicklung eines Spielers muss immer oberste Priorität haben. Aber das gilt nicht nur für die zweite Mannschaft beim VfB, sondern überall. Diesen Anspruch hatte ich bei all meinen Stationen. Ob jung oder alt, stehen bleiben darf keiner.

SPOX: Beim VfB stecken Sie gleich im Abstiegskampf, das primäre Ziel ist der Klassenerhalt. Bleibt da die Entwicklung der Talente auf der Strecke?

Seeberger: Das eine schließt das andere nicht aus. Die Ausbildung ist in erster Linie gewinnen und vor allem gewinnen wollen - mit allen Tugenden. Die Spieler sind technisch und taktisch sehr gut ausgebildet. Aber wir bewegen uns in der 3. Liga und das ist für viele Mannschaften ein Existenzkampf, weil die Kluft zwischen der 3. und 4. Liga sehr groß ist. Das ist ein sehr hartes Terrain.

SPOX: Ein Abstieg wäre auch für die Perspektiven der Nachwuchsspieler des VfB eine Katastrophe.

Seeberger: Natürlich ist das auch für uns Existenzkampf. Die Spieler wollen sich später schließlich in eine höhere Liga bewegen und nicht ewig in der zweiten Mannschaft spielen. Es sind viele junge, hungrige Spieler dabei, die zeigen wollen, dass sie die 3. Liga halten können.

SPOX: Warum ist die 3. Liga so wichtig für die zweiten Mannschaften von Profi-Klubs.

Seeberger: Die eingleisige 3. Liga ist das perfekte Umfeld. Diese Liga war die beste Idee, die der Verband überhaupt haben konnte. Es herrscht der Druck, den die Spieler brauchen, um den Schritt aus der A-Jugend auf die nächste Stufe zu machen. Das ist Ausbildung genug.

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Interview: Andreas Lehner

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