Die Kettenreaktion

Von Stefan Rommel
Mittwoch, 12.08.2009 | 22:56 Uhr
Philipp Lahm hat mit seinen 25 Jahren schon 58 Länderspiele für Deutschland absolviert
© Getty
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2:0-Sieg in Aserbaidschan, drei weitere Punkte auf dem Weg zur WM in Südafrika: Die deutsche Nationalmannschaft hat mit einem Minimum an Aufwand das Maximum erreicht. Die aufregendste Erkenntnis an einem langweiligen Abend lieferte Bundestrainer Joachim Löw: Philipp Lahm soll ab sofort auf der rechten Abwehrseite verteidigen. Eine durchaus mutige Entscheidung.

So farblos das Spiel, so farblos waren danach auch die Kommentare. "Pflichtsieg" war die beliebteste Beschreibung für einen lauen Auftritt der DFB-Elf, dicht gefolgt von der ebenfalls beliebten Formel "noch Luft nach oben".

Als hätten alle Befragten beschlossen, dem langweiligen Spiel noch ein paar langweilige Floskeln folgen zu lassen.

Lahms Bauchgefühl

Nur einer scherte aus der Reihe, wollte sich nicht den Belanglosigkeiten anschließen. Joachim Löw verwendete ein paar Bausteine aus seinem Trainerwortschatz. Passspiel, Passgenauigkeit, Laufbereitschaft.

Und dann, in einem unscheinbaren Nebensatz, verriet der Bundestrainer eine weitreichende Entscheidung. Es ging um Philipp Lahm. Vor einigen Tagen hatte der Münchener zu Protokoll gegeben, dass er sich auf der rechten Seite in der Viererabwehrkette besser fühle als auf links.

Begründen konnte er seine Neigung nicht, "alles nur Bauchgefühl", sagte Lahm. Bayern-Coach Louis van Gaal, eher der Kopf- und Vernunftmensch, glaubte Lahm und versuchte es zum Bundesligaauftakt in Hoffenheim mit dem 26-Jährigen auf der rechten Abwehrseite. Mit lediglich überschaubarem Erfolg.

Entscheidende Botschaft

Und trotzdem tat es Löw dem Niederländer gleich. Lahm spielte gegen Aserbaidschan zum ersten Mal seit langer Zeit wieder auf der rechten Seite. Ein erster Fingerzeig. Die entscheidende Botschaft gab es aber erst nach dem Spiel. "Wir haben uns dafür entschieden, dass Philipp Lahm zukünftig auf rechts spielen wird."

Vor viereinhalb Jahren gab Lahm sein Debüt im DFB-Dress. Seitdem ist die linke Abwehrseite sein Revier und Deutschland hatte nach verzweifelten Jahren mit den Zieges, Heinrichs, Raus endlich wieder eine Institution auf einer im modernen Fußball immer wichtiger werdenden Position.

Die linke Schokoladenseite

Seitdem Joachim Löw vor drei Jahren das Amt von seinem Vorgänger Jürgen Klinsmann übernommen hat, hat sich die linke Seite im deutschen Spiel im Vergleich zur rechten deutlich weiterentwickelt.

Egal, wer im linken Mittelfeld zum Einsatz kam - ob Schweinsteiger, Trochowski, Marin oder Özil - es war Lahm, der den Mittelfeldakteur veredelte, weil er mit ihm zusammen entweder gefährliche Angriffe initiierte oder ihm aber gewohnt zuverlässig den Rücken freihielt.

Jetzt, in der heißen Phase der WM-Qualifikation, denkt Löw aber plötzlich um und schafft sich in einer Art Kettenreaktion womöglich eine neue Baustelle. Besser gesagt: drei. Das Zusammenspiel Lahms mit Schweinsteiger auf der rechten Seite war noch längst nicht fein justiert. Aber das lässt sich wohl noch am ehesten regeln.

Wer verteidigt links?

Was bleibt, ist ein verwaister Platz auf der linken Abwehrseite. Marcel Schäfer ist dran an der Mannschaft und war in den letzten Spielen sogar schon drin. Überzeugen konnte er aber nicht. Bleibt noch Marcell Jansen. Doch der hat in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass er Probleme in der Rückwärtsbewegung hat.

Und das einmalige Experiment mit Thomas Hitzlsperger auf der Position beim Test gegen Weißrussland vor der EM scheiterte spektakulär.

Was wird aus Friedrich und Beck?

Und dann sind da ja auch noch Arne Friedrich und Andreas Beck. Beiden wird Lahm quasi vor die Nase gesetzt. Besonders für Beck eine unangenehme Nachricht. Der Hoffenheimer war dran an der ersten Elf und wäre auf Grund seiner Offensivqualitäten vor allen Dingen gegen defensiv eingestellte Mannschaften immer eine Option.

Friedrich dagegen kann für sich noch beanspruchen, dass er durchaus ein ernsthafter Kandidat für den zweiten Innenverteidigerposten ist. Das wiederum macht Druck auf Serdar Tasci oder Heiko Westermann...

Bis zum 10. Oktober muss der Plan mit Lahm auf der rechten Abwehrseite und seinen Folgen sitzen. Dann wartet Russland, es wartet Andrey Arschawin. Es wird das Endspiel um die direkte Qualifikation zur Weltmeisterschaft werden. "Die Mannschaft muss sich weiterhin finden", sagte auch Löw.

Im Hinspiel verteidigte Friedrich gegen den wuseligen Flügelspieler und machte seine Sache sehr gut.

Während Lahm über die linke Seite fast jeden deutschen Angriff einleitete. Die Konstellation wird dann eine andere sein. Hoffentlich kann sich Philipp Lahm auf sein Bauchgefühl verlassen.

Analyse: Glanzloser Sieg in Baku

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