"Ich bin unendlich geschockt": WM-Held Andreas Brehme ist tot

SID
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Kurz nach Franz Beckenbauer verliert der deutschen Fußball erneut einen ganz Großen: Andreas Brehme ist überraschend gestorben. Der Weltmeister-Torschütze von 1990 wurde 63 Jahre alt.

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8. Juli 1990 - Andreas Brehme erinnerte sich bis zuletzt, als wäre es gestern gewesen. Natürlich. WM-Finale gegen Argentinien, 73.603 Zuschauer im Stadio Olimpico, Millionen vor dem Fernseher, die Entscheidung naht. Pass in die Tiefe von Lothar Matthäus, Roberto Sensini grätscht, Rudi Völler fällt, Schiedsrichter Edgardo Codesal Mendez pfeift. Elfmeter. Die Argentinier sind außer sich, Diego Maradona will es nicht wahrhaben, ein anderer schießt den Ball, der schon auf dem Punkt lag, weg. Doch Brehme bleibt cool. Und feiert am Ende mit Franz Beckenbauer den WM-Titel.

Nur 44 Tage nach dem Kaiser ist nun auch Brehme gestorben, in der Nacht zu Dienstag hörte sein Herz auf zu schlagen. Im Alter von 63 Jahren. Die Fußballwelt kann es nicht fassen, die Trauer ist riesig. "Andi war unser WM-Held, aber für mich noch viel mehr - er war mein enger Freund und Begleiter bis zum heutigen Tag. Seine wunderbare Lebensfreude wird mir fehlen", sagte Rudi Völler. Und Uli Hoeneß meinte: "Niemand von uns wird Andreas Brehme jemals vergessen - weil er mehr ist als ein 1:0 im WM-Finale von Rom. Wir haben einen großartigen Menschen und einen treuen Freund verloren."

Dieser Elfmeter von Rom, immer wieder musste Brehme davon erzählen. "Egal wo ich bin, am Flughafen, beim Einkaufen, immer wieder werde ich danach gefragt", sagte Brehme einst dem SID. "Ich habe nicht daran gedacht, was dieser Elfmeter für eine Bedeutung hat. Ich habe gar nichts gedacht", sagt der Hamburger Jung über den wohl wichtigsten Moment seiner Karriere.

Kurzer Anlauf, mit rechts flach ins linke Eck, Sergio Goycochea, der Elfmetertöter, streckt sich vergebens, 85. Minute, 1:0 für Deutschland. Die Warterei bis zum Schuss sei schlimm gewesen, sagte Brehme. Sieben, acht Minuten habe es gefühlt gedauert - dabei waren es "nur" 117 Sekunden. Aber Völler hatte ja auch noch gerufen: "Andi, wenn du den reinmachst, sind wir Weltmeister." Brehme genervt: "Schönen Dank auch."

Brehme hat seinen Platz in den Geschichtsbüchern auf ewig sicher

Doch um 21.50 Uhr war endlich Deutschlands dritter WM-Sieg nach 1954 und 1974 perfekt, das Land jubelt - im Westen und im Osten. Und Brehme hat seinen Platz in den Geschichtsbüchern auf ewig sicher. "Der deutsche Fußball hat ihm unendlich viel zu verdanken. Neben Mario Götze, Gerd Müller und Helmut Rahn gehört er zu den vier deutschen Spielern, die unsere Nationalelf zum WM-Titel geschossen haben", sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf: "Seine Nerven- und Zweikampfstärke, seine Beidfüßigkeit, seine Flanken, seine Pässe, sein Einsatz - all das hat ihn ausgemacht, all das hat uns so viel Freude und so viele große Momente beschert."

Brehme konnte wunderbare Anekdoten erzählen, nicht nur über diese magische Nacht in Rom. Denn es wäre ein großes Unrecht, seine Karriere nur auf diesen einen Moment zu reduzieren. Teamgeist war für Brehme keine Floskel, er war da, wenn er gebraucht wurde. Das hatte ihm schon sein Vater Bernd damals im Arbeiterviertel Hamburg-Barmbek eingeimpft. Papa Brehme sorgte auch für die legendäre Beidfüßigkeit seines Sohnes. Links? Rechts? Bei Brehme - 86 Länderspiele, Mitglied der Hall of Fame - egal.

Auch in Italien ist er eine Legende, weil er mit Inter Mailand Meisterschaft und UEFA-Cup gewann. Seinen damaligen Teamkollege Walter Zenga zerriss es nach der Todesnachricht beinahe vor Schmerz. "Das hättest du uns allen nicht antun dürfen", schrieb der Ex-Torwart, "aber ich weiß, dass du uns von oben beschützen wirst. Und wie immer wirst du dort stehen und die Elfmeter schießen, einen mit dem Rechten und einen mit dem Linken ..."

Als Brehme in Völlers Armen weinte

Das tat Brehme auch für den 1. FC Saarbrücken, Bayern München, Real Saragossa und seine große Liebe: den 1. FC Kaiserslautern. Wer könnte die Bilder vergessen, wie Brehme 1996 nach dem Abstieg mit dem FCK in den Armen seines Kumpels Völler bitterlich weint. Damals prägte er den Spruch: "Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß."

Doch den Roten Teufeln gelingt mit Brehme und Trainer Otto Rehhagel direkt die Bundesliga-Rückkehr, dann die Sensations-Meisterschaft als Aufsteiger. Ausgerechnet in Hamburg, seiner Geburtsstadt, reckt Brehme die Schale in die Luft. Was für eine Genugtuung. "Jeder Titel ist etwas ganz Besonderes", sagte er mal. Nun kann Brehme im Himmel wieder mit Beckenbauer über diesen 8. Juli 1990 schwärmen.

Andreas Brehme
© getty

Andreas Brehme im Stenogramm

Karriere als Sportler:

Vereine: HSV Barmbek-Uhlenhorst (1965 bis 1980), 1. FC Saarbrücken (1980 bis 1981), 1. FC Kaiserslautern (1981 bis 1986 und 1993 bis 1998 - 319 Spiele/53 Tore), Bayern München (1986 bis 1988 - 80/8), Inter Mailand (1988 bis 1992 - 155/12), Real Saragossa (1992 bis 1993 - 21/2)

Nationalmannschaft: 86 Spiele/8 Tore

Erfolge als Spieler: Weltmeister 1990, WM-Zweiter 1986, EM-Zweiter 1992, UEFA-Pokalsieger 1991, Deutscher Meister 1987 und 1998, Deutscher Pokalsieger 1996, Deutscher Supercupsieger 1987, Italienischer Meister 1989, Italienischer Supercupsieger 1989.

Karriere als Trainer: Cheftrainer 1. FC Kaiserslautern 2000 bis 2002, Cheftrainer SpVgg Unterhaching 2004 bis 2005, Co-Trainer VfB Stuttgart 2005 bis 2006.

Ehrungen/Auszeichnungen: Italiens Fußballer des Jahres 1989, All-Star-Team der Weltmeisterschaft 1990 und Europameisterschaft 1992, Silbernes Lorbeerblatt, Mitglied der ersten Elf der Hall of Fame des deutschen Fußballs seit 2018.

Sonstiges: Erzielte per Elfmeter das entscheidende Tor im Finale der Fußball-WM 1990 gegen Argentinien. Wurde mit dem 1. FC Kaiserslautern als Aufsteiger Deutscher Meister.